05. Dezember 2013

Schonender Eingriff am Herzen ohne Demenz-Risiko Schonender Eingriff am Herzen ohne Demenz-Risiko

Studie: Geistige Leistung der Patienten bleibt über zwei Jahre nach Implantation einer Aortenklappe erhalten

Die Aortenklappenstenose ist der häufigste Herzklappenfehler älterer Menschen in Europa – Ursache ist meist zunehmende Verkalkung des wichtigen Ventils. Oft wird eine Herzoperation aufgrund des zu hohen Risikos erst gar nicht in Erwägung gezogen. Für diese Patienten gibt es neuerdings eine schonende Alternative mittels Herzkatheter. Doch wie bei einer Operation kommt es häufig auch dabei durch Kalkbröckchen zum Verschluss kleinster Blutgefäße im Gehirn. Kardiologen am Herzzentrum des Universitätsklinikums Bonn konnten jetzt in einer Langzeitstudie für den Großteil der Patienten eine verminderte mentale Leistungsfähigkeit aufgrund solcher „Mikroembolien“ nach dem Eingriff ausschließen.

Fit drei Jahre nach dem Eingriff:
Fit drei Jahre nach dem Eingriff: - Patient Gerhard E. (li) im Gespräch mit Privatdozent Dr. Alexander Ghanem. © Rolf Müller / UKB
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Gerhard E. bekam nicht mehr richtig Luft. Seine Aortenklappe war stark verengt und öffnete sich kaum noch. Für den heute 83-Jährigen, der bereits am Herzen operiert war, barg der übliche und bewährte chirurgische Eingriff unter Einsatz der Herzlungenmaschine ein zu hohes Risiko. Doch ohne Klappenersatz war seine Prognose sehr schlecht. So schlug Prof. Dr. Georg Nickenig, Direktor der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn, in gemeinsamer Abwägung von Risiken und Nutzen mit Prof. Dr. Armin Welz, Direktor der Klinik für Herzchirurgie, vor drei Jahren Gerhard E. eine Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) vor. „Ich war richtig glücklich und erleichtert, dass es für meinen Vater eine schonende Alternative gab“, sagt sein Sohn.

„Doch birgt auch dieser technologisch ausgereifte und apparativ sehr anspruchsvolle Eingriff bestimmte Risiken“, weiß Prof. Nickenig. Denn es können sich dabei kleine Verkrustungen von der verkalkten Herzklappe lösen und im Blutstrom bis zum Gehirn gelangen. So gäbe es beispielsweise bei Eingriffen an einer stark verkalkten Herzklappe ein Schlaganfallrisiko von zwei bis maximal fünf Prozent.

„Mini-Schlaganfälle“ ein Risiko für das Gedächtnis?

Dagegen wurde bislang die kognitive Leistungsfähigkeit wie Gedächtnis, Orientierung und Konzentration der Patienten im Langzeitverlauf nach der Implantation einer Aortenklappe nicht untersucht. „Doch dies ist für die Alltagsbewältigung und den Erhalt der Selbstständigkeit unserer betagten Patienten von großer Bedeutung, insbesondere in Anbetracht der steigenden Lebenserwartung“, beschreibt Privatdozent Dr. Alexander Ghanem, Oberarzt an der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn, seine Motivation, dazu eine Studie durchzuführen. Unter diesem Aspekt schaute er sich 125 Hochrisiko-Patienten – darunter auch Gerhard E. – genauer an. Vor kurzem veröffentlichte er die Ergebnisse im renommierten Fachmagazin „Circulation: Cardiovascular Interventions“.

In Zusammenarbeit mit der Radiologischen Klinik des Universitätsklinikums Bonn konnte er mittels MRT-Untersuchungen des Gehirns nach der Aortenklappen-Implantation – bedingt durch in das Gehirn verschleppten Kalk der verengten Herzklappe – bei den Patienten sehr häufig mikroskopisch kleine Schlaganfälle beobachten. Es stellt sich die Frage, ob diese klinisch stummen „Mikroembolien“ als Risikofaktor für das späte Auftreten einer Demenz gewertet werden müssen. So testete und verglich Ghanem in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn die kognitive Leistungsfähigkeit wie das Erinnerungsvermögen der Patienten vor und nach dem Eingriff: „Mehr als 90 Prozent blieb diesbezüglich durchgehend auch über zwei Jahre danach unbeschadet.“

Mikroembolien haben keinen Einfluss auf geistige Leistung

Auf der anderen Seite sind betagte Patienten mit Aortenklappenstenose häufig bereits in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit eingeschränkt – möglicherweise durch die verengte Aortenklappe bedingt, die zur Minderdurchblutung unter anderem des Gehirns sorgt. „Erfreulicherweise hatte auch eine auffällig unterdurchschnittliche kognitive Leistung vor dem Eingriff keinen Einfluss auf die geistigen Kräfte unserer Patienten zwei Jahre nach dem Eingriff. Folglich wird die mentale Leistungsfähigkeit auch dieser Patienten durch eine Aorten-Klappenimplantation nicht negativ beeinträchtigt“, sagt Ghanem.

So auch nicht bei Gerhard E., der sich immer noch über den Eingriff vor drei Jahren freut: „Mein Sohn und ich gehen öfter spazieren. Die Bewegung tut mir gut“, sagt der 83-Jährige.

Publikation: Cognitive Trajectory After Transcatheter Aortic Valve Implantation, Circulation: Cardiovascular Interventions 2013 Oct 15; DOI: 10.1161/CIRCINTERVENTIONS.112.000429

Kontakt:
Privatdozent Dr. Alexander Ghanem
Oberarzt an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II
Herzzentrum der Universität Bonn
Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-15507
E-Mail: ghanem@uni-bonn.de

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