Nils fuhr mit dem Fahrrad nach Graz
Erfahrungsbericht „Grün unterwegs“

Erasmus+ Studium Europa

Nils fuhr mit dem Fahrrad nach Graz

Nils entschied sich während seines Erasmus-Aufenthaltes für einen nachhaltigen Reiseweg.  Statt mit dem Flugzeug zu fliegen oder mit dem Zug zu fahren, nahm er sein Fahrrad und fuhr nach Graz. Hier berichtet er über seine Erfahrungen mit dem „Grünen Reisen“. 

Mit seinem Erfahrungsbericht hat Nils außerdem beim Wettbewerb „Grün unterwegs“ einen Preis für besonders umweltbewusstes Reisen gewonnen. Ausgezeichnet werden besonders kreative, nachhaltige Reiseformen im Rahmen des Erasmus-Aufenthaltes. 

Ein Fahrradticket von Bonn nach Graz kostet so viel?!

Das war eine meiner ersten Feststellungen, nachdem ich die Zusage für meinen Erasmus-Aufenthalt bekommen habe. Von Anfang an war klar, dass mein Fahrrad, das ich schon seit Schulzeiten fahre, mitkommen muss. Aber 50 Euro fand ich dann doch etwas zu teuer.

Ich könnte ein neues Rad in Graz kaufen, aber das wäre dann vielleicht nicht gut genug für längere Radtouren vor Ort. Also wurde es die zweite Option: Ich fahre das Fahrrad selbst nach Graz! Meine erste Fahrradtour wäre das nicht. Fahrradtaschen, Campingausstattung und Radhosen habe ich schon. Noch dazu hatte ich sowieso schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen Urlaub alleine zu machen. Meistens hatte ich an eine Wanderung gedacht, aber jetzt wurde es eben eine Fahrradtour.

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© Nils (privat)

Nachdem ich noch einige Stunden in der Fahrradwerkstatt des AstAs verbracht, mich secondhand mit Fahrradklamotten eingedeckt, und stundenlang die Komoot-Fahrradkarte zwischen Bonn und Graz studiert hatte, ging es dann am Montag, dem 02. Septmber bei bestem Wetter los. Die erste Etappe bis Oberwesel sollte ja sehr gut machbar sein, oder? Ja, aber nur, wenn man in Koblenz nicht ausversehen der Mosel anstelle des Rheins folgt! So wurden es dann doch direkt 140 km, das dafür aber in schönster Landschaft. Zum Glück hatte ich am Dienstag sowieso eine Pause bei meiner Freundin in Mainz eingeplant, in der ich mich noch einmal sammeln konnte.

Am Mittwoch also noch einmal ein neuer Start in die Fahrradtour. Sammeln, nicht verfahren, konzentrieren und Spaß haben … und zack ein Bordstein, den ich im Regen übersehen habe – ich hatte es da noch nicht einmal aus Mainz herausgeschafft. Zum Glück ist mir nichts passiert, mein Lenker, Sattel und meine Schaltung waren aber etwas verbogen – der perfekte Moment also, um mein Werkzeug zu testen, und: Tada, es ließ sich alles ganz schnell reparieren und es hörte sogar auf zu regnen. Also schnell weiterfahren, bevor noch schlechte Stimmung aufkommt. Der Rest des Tages verlief zum Glück gut. Das Wetter war perfekt, der Radweg entlang des Mains sehr schön, die Podcasts spannend und ich kam trotz Unfall noch relativ früh in meinem nächsten Ziel Eichenbühl an. Nachdem das Zelt aufgebaut war, kochte ich mir direkt einen Klassiker aus dem Campingkochbuch: Kartoffelbrei mit gebratenem Gemüse – toll!  

Am nächsten Morgen wurde ich von hunderten Oldtimern überrascht – anscheinend stand ein großes Rennen an und der Campingplatz befand sich im Ausnahmezustand. Also schnell weg.  
An diesem Donnerstag stellte ich bei 30 Grad und Sonnenschein zwei Dinge fest: Franken ist sehr schön, aber auch sehr hügelig. Zum Glück hatte ich genug Motivationslieder heruntergeladen. Einsame Spitze ist hier meiner Meinung nach übrigens das Album „Greatest Hits“ von Roy Bianco und den Abrunzati Boys, das mich fast jeden Tag durch die letzten Kilometer gebracht hat. Am Abend musste ich auf dem Campingplatz feststellen, dass sich mein Gepäckträger, den ich vor Jahren an mein Rad gebastelt hatte, unter dem schweren Gepäck verbogen hatte.

Am Freitag war es zum Glück etwas bewölkt, was die bergige Tour deutlich entspannter gemacht hat. Doch dann hörte ich ein lautes Knacken und der Gepäckträger brach durch. Da der Gepäckträger so Gefahr lief in meine Speichen zu kommen, musste ich improvisieren und die kaputte Lochplatte flicken. Nach einer halben Stunde hatte ich aus einem Imbusschlüssel, zwei Gummibändern, mehreren Kabelbindern und medizinischem Klebeband tatsächlich eine ganz gute Konstruktion gebastelt. Der nächste Radladen hatte zum Glück direkt einen passenden neuen Gepäckträger und so konnte es schnell weitergehen. Fünf Podcasts und noch viel mehr Lieder später kam ich abends in Donauwörth auf dem schönsten Campingplatz meiner Tour an. Auf dem Klubgelände eines Kanuvereins traf ich viele andere Radfahrer*innen. Am spannendsten waren die Geschichten von einem älteren Radfahrer, der barfuß mit einem Bambusfahrrad und nur einer Plane als Zelt seit mehreren Wochen unterwegs war. Neben den netten Gesprächen musste ich aber auch endlich wieder meinen Proviant auffrischen. Müsli fürs Frühstück war zwar noch da, aber Nüsse, Äpfel, Bananen, Müsliriegel und Gummibärchen für die Fahrt und Gemüse für das Abendessen gingen mir langsam aus.

Der Samstag war dann leider landschaftlich nicht mehr so schön, dafür konnte ich entlang von Landstraßen bei Rückenwind entspannt viele Kilometer sammeln. Nach einer Pause auf dem Augsburger Rathausplatz bei weiter heißem und wolkenlosem Wetter ging es weiter nach München. Im Zelt aufbauen war ich inzwischen routiniert und so hatte ich abends noch viel Zeit bei Gitarrenmusik von anderen Campern gemeinsam mit ihnen zu entspannen.

Nach einer Pause am Sonntag inklusive Besuch meiner Tante ging es am Montag wieder los und wie es sich für einen neuen Teilstart auf dieser Tour gehörte, begann dieser erst mal mit einem Flop. Nachdem ich die Tür zugezogen hatte, bemerkte ich, dass mein Helm fehlt und so musste ich bei Regen noch eine Extrarunde durch München fahren und den Wohnungsschlüssel auf der Arbeit meiner Tante abholen. Doch es hörte schnell auf zu regnen und ich holte die verlorene Zeit auf sehr schönen Radwegen schnell wieder auf. Am Chiemsee angekommen hatte sich die Wetterprognose leider stark verschlechtert. Die Temperaturen sollten ab Donnerstag, also in drei Tagen, um mindestens 20 Grad sinken und so die Schneefallgrenze auf 1.000 Metern sinken. Mein lang ausgearbeiteter Plan die Alpen zu überqueren war also nicht mehr realistisch. Nach mehreren Stunden Planung entschied ich trotzdem nach Salzburg zu fahren, da ich mir die Stadt sowieso angucken wollte. Danach würde ich aber nicht wie geplant nach Süden, sondern nach Norden in Richtung Donau fahren.  

Am nächsten Tag bemerkte ich erst zehn Kilometer zu spät, dass ich mittlerweile in Österreich war. Gleichzeitig bekam ich einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage und musste das erste Mal meine Regenklamotten testen. Nach einer relativ kurzen Etappe konnte ich mir bei Sonnenschein Salzburg angucken und kaufte mir noch eine zweite lange Hose, die ich in den nächsten Tagen brauchen würde.

Nach einer kurzen Nacht im Hostel fuhr ich am Mittwoch wieder nach Norden. Bei unerwartet gutem Wetter kam ich nach Linz und konnte sogar noch ein paar Kilometer entlang der Donau fahren. Doch als ich abends am Campingplatz ankam, ahnte ich schon, dass es wohl nicht die beste Idee war, diese Nacht zu zelten. Die Rezeption hatte bereits geschlossen, da die Besitzer nicht erwarteten, dass heute jemand kommen würde. So hatte ich den ganzen Platz für mich alleine und konnte einen wunderschönen Sonnenuntergang genießen. Später kam dann doch noch der Platzwart, kassierte ab, warnte mich vor einer amtlichen Starkregenwarnung und verlor sich dann in Corona-Verschwörungstheorien. Naja, jetzt war es eh zu spät, das Zelt wird schon dichthalten.

Zum Glück regnete es am Donnerstagmorgen nur leicht, sodass ich schnell alles zusammenpacken und in meine Regenklamotten schlüpfen konnte. Die Route führte an der Donau entlang und am Ende sogar durch die Wachau, dem wahrscheinlich schönsten Abschnitt meiner Tour. Leider konnte ich das bei stärker werdendem Dauerregen und überfluteten Radwegen nicht wirklich genießen. Bei acht Grad musste ich durchgefroren und mit durchweichten Klamotten einsehen, dass ich diese Nacht wohl ein Zimmer brauchen werde. Kurzfristig kam ich nur noch in einem teuren Weingut unter. Dafür hatte ich dort genug Platz um das Zelt und die Klamotten zu trocknen. Am Freitag sollte es noch kälter und regnerischer werden, aber da ich ja schon mehr als die Hälfte der Strecke zwischen Linz und Wien geschafft hatte, meine Klamotten wieder trocken waren und ich morgens sogar ein Frühstück bekommen würde, war ich zuversichtlich. Sorgen bereitete mir eher die Etappe ab Wien, da jede mögliche Route auf mindestens 1.000 Höhen-Meter ansteigen musste und dort überall Schnee lag.

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© Nils (privat)

Gut gestärkt ging es am Freitag bei stärker werdendem Regen auf nach Wien. An überschwemmte Fahrradwege hatte ich mich inzwischen gewöhnt, aber anders als am Donnerstag war ich heute quasi alleine unterwegs. Abends las ich dann von den großflächigen Überschwemmungen rund um die Donau, die ihren Fokus entlang meiner Tour hatten. Davon wusste ich währenddessen aber nichts. Völlig unterkühlt, mit erfrorenen Händen, die meinen Helm nicht ausziehen, geschweige denn die Fahrradtaschen abnehmen konnten und einer Frostbeule am Daumen kam ich am Hostel in Wien an. Zum Glück gab es schnell eine warme Dusche, aber die Frostbeule blieb noch ein paar Wochen. Abends fand ich sogar noch Zeit für eine kurze und regnerische Tour durch Wien, nach der ich mich aber wieder mit dem Planen des nächsten Tages beschäftigen musste. In den nächsten Tagen sollte es nicht nur kalt und regnerisch sein, sondern auch noch stürmen. Ich überlegte lange, ob ich trotzdem mit dem Fahrrad weiterfahren konnte, aber zwischen Wien und Graz lag weiterhin Schnee und der einzig sinnvolle Umweg über Bratislava war überschwemmt. Ich musste wohl oder übel mit dem Zug über die Alpenausläufer zwischen Wien und Graz fahren. Am Samstag waren Wind und Regen so stark, dass an Radfahren gar nicht zu denken war und ich das Fahrrad zum Bahnhof schieben musste. Der Zug fuhr zum Glück noch. Es war einer der letzten, bevor die Strecke wegen Sturm- und Flutschäden gesperrt werden musste.

In Bruck an der Mur stieg ich aus, sodass ich zumindest noch die letzten sechzig Kilometer nach Graz fahren konnte. Dort war es trocken, aber weiter sehr stürmisch. Während der Tour wurde mir durch auf die Radwege gestürzte Äste klar, dass es eigentlich unverantwortlich ist, bei diesem Wetter Fahrrad zu fahren. Zum Glück ist trotzdem nichts passiert, denn der Wille zumindest noch diese Etappe zu fahren, war stärker als meine Vernunft. Bei Nieselregen kam ich am 15. September nach 11 Etappen, 1.165 Kilometern mit dem Rad und 120 Kilometern mit dem Zug in Graz an und wurde von meiner tollen neuen WG begrüßt.  

Zurückblickend bin ich sehr glücklich, auf diese Weise gereist zu sein. Ich fand es zum einen sehr spannend, meine körperlichen Grenzen auszutesten. Zum anderen hatte ich neben etlichen Stunden, in denen ich Podcasts hörte, viel Zeit zur Selbstreflexion. Was ist mir wichtig? Was habe ich gerne gemacht, was vernachlässigt und was war vielleicht mehr Stress als Freude? Was möchte ich in Graz anders und was genauso wie in Bonn machen? Nach einem vollen Semester und einer stressigen Klausurenphase in Bonn empfand ich beim Abschied aus Bonn den Gedanken, dass ich nun mit vielen neuen Menschen interagieren muss, zunächst als anstrengend. Nachdem ich während der Tour sehr viel Zeit allein verbracht hatte, kam ich hochmotiviert in Graz an und konnte es kaum erwarten, neue Freundschaften zu knüpfen. Ich kann also jeder Person nur raten, sich Zeit für die Umstellung einzuräumen und etwas langsamer zu reisen. 

Auch, wenn mich das Wetter vor eine große Herausforderung gestellt hat, hatte ich zu jedem Zeitpunkt der Tour Freude an der Natur und der sich langsam verändernden Landschaft. In diesem Sommer werde ich folglich auch weitere Radtouren machen und kann jeder Person nur empfehlen, es auch auszuprobieren. Zur Planung lohnt es sich tatsächlich etwas Geld in eine Karten-App zu investieren, die ausgewiesene Fahrradwege und Campingplätze entlang der Strecke kennt. So spart man sich viel unnötige Sucherei und kann, wenn nötig, leicht spontan umplanen. Plus: eine Radhose ist ein Muss!

Nach einem von Outdoorsport geprägtem Erasmus-Semester in dem ich sehr froh über mein Fahrrad war, ging es für mich mit einer Fahrgemeinschaft zurück nach Bonn. Anfang Februar war leider nicht der richtige Zeitpunkt für eine erneute Radtour.

Programm: Erasmus+ Studium Europa 
Gastuniversität: Universität Graz, Österreich
Studiengang: Humanmedizin
Zeit des Aufenthalts: Wintersemester 2024/25

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