Mit riesigen Teilchenbeschleunigern ergründen die Physikerinnen und Physiker der Universität Bonn, was die Welt im Innersten zusammenhält, fahnden nach unbekannten Elementarteilchen und forschen, wie die Bedingungen kurz nach dem Urknall ausgesehen haben. Eine besondere Expertise haben die Forschenden auch bei der Entwicklung neuer, riesiger Detektoren, die die Bahnen der Teilchen im Beschleuniger messen. Wie mit einem Fingerabdruck lässt sich mit diesen Ergebnissen rekonstruieren, um welche Teilchen es sich handelt.
Da das Physikalische Institut an der Nussallee in Bonn derzeit saniert wird, sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorübergehend ins neue Rotationsgebäude auf dem Campus Poppelsdorf umgezogen. „Wir wollten unserem Trakt im Rotationsgebäude eine persönliche Note geben“, sagt der Physiker Philip Bechtle. Da kam die bereits seit mehreren Jahren bestehende Kooperation mit der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter gelegen. Ziel war eine Wandbemalung im Treppenhaus, die wie eine Visitenkarte zu den Themen der Physik passt.
Die jungen Künstlerinnen und Künstler der Studiengänge „Kunst-Pädagogik-Therapie“ und „Bildende Kunst“ um Fabienne Margue und Oliver Hollatz beschäftigten sich zunächst eingehend mit dem Thema Teilchen- und Beschleunigerphysik. Wie sehen die gigantischen Detektoren aus, die die Teilchenbahnen vermessen? Was hat es mit den exotischen Teilchen auf sich? Welche Vorstellungswelten haben die Physikerinnen und Physiker, die sich auf die Suche nach bislang unbekannten Teilchen machen?
„Für die Studierenden ist es eine große Bereicherung, in die Welt der Teilchenbeschleunigung einzusteigen“, sagt die Künstlerische Mitarbeiterin Fabienne Margue von der Alanus Hochschule. „Es geht auch um die wichtige Erfahrung, in einem großen Maßstab zu malen und den Respekt vor einer wirklich großen weißen Wand zu verlieren und sich zu trauen, öffentlichen Raum mitzugestalten.“
Zunächst erstellte das Team der Alanus Hochschule verschiedene Entwürfe. Während eines Wochenendes ging es dann an die Umsetzung. Freitagnachmittag klebten die Kunst-Studierenden die Türen ab und fixierten das Malervlies im Treppenhaus. Dann skizzierten sie die Umrisse auf die weiße Wand. Mit kräftigen Farben malten sie die Flächen aus und hoben die Konturen mit schwarzer Farbe hervor. Auf insgesamt drei Wänden ist nun Teilchenphysik durch die künstlerische Perspektive in Ocker- und Blautönen als den Universitätsfarben zu betrachten.
„Es ist wichtig, Techniken zu kennen, die die Proportionen gut auf die Wand übertragen und vor allem die Fähigkeit, die Farben zum einen auf den Entwurf aber auch auf die Umgebung abstimmen zu können“, umreißt Oliver Hollatz die Herausforderung für die Kunst-Studierenden.
Rechts in der Bemalung erhebt sich „Schrödingers Katze“ auf die Hinterbeine. Das ist eine Anspielung auf das berühmte Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger aus dem Jahr 1935. Nach den Gesetzen der Quantenphysik „schwebt“ die gedachte Katze zwischen zwei Zuständen gleichzeitig. Weiter links sind Bestandteile von Detektoren und Menschen zu sehen, die in den Laufschritt verfallen – ein Fingerzeig auf die Teilchenbeschleuniger der Physiker.
„Die Wandbemalung passt sehr gut zu unserem Transdisziplinären Forschungsbereich `Matter´ und zu unserem neuen Exzellenzcluster `Color Meets Flavor´“, freut sich Bechtle. In diesen Exzellenzbereichen und zahlreichen weiteren Projekten an der Universität Bonn wird die Teilchenwelt intensiv erforscht.