Der Jahrestag fällt in eine Zeit, in der die jüngsten PISA-Ergebnisse den Handlungsdruck im deutschen Bildungssystem noch einmal deutlich erhöht haben. Das BZL trägt mit forschungsbasierter Lehrer*innenbildung, enger Verzahnung von Theorie und Schulpraxis sowie eigener Bildungsforschung dazu bei, Unterricht wirksamer, Leistungsbeurteilung gerechter und Schulen zukunftsfähiger zu machen.
Lehrerkräftebildung als Teil der Antwort auf den PISA-Tiefstand
Die Anfang September veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 weisen für Deutschland in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000 aus. In Mathematik erreicht rund ein Drittel der 15-Jährigen das Grundkompetenzniveau nicht, beim Lesen gilt dies für knapp ein Drittel und in den Naturwissenschaften für gut ein Viertel. Zugleich bleibt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland besonders stark.
„Der neue PISA-Tiefstand zeigt, dass gute Lehrer*innenbildung keine Randfrage ist, sondern eine zentrale Zukunftsaufgabe“, sagt Prof. Dr. Florian Radvan, Vorsitzender des BZL-Vorstands. „Lehrkräfte brauchen eine hervorragende fachliche Ausbildung, diagnostische Kompetenz und die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrem Unterricht wirksam zu nutzen. Genau dafür verbinden wir in Bonn Fachwissenschaften, Fachdidaktiken, Bildungswissenschaften und intensive Praxiserfahrungen.“
Das BZL verantwortet die akademische Phase der Lehrer*innenbildung an der Universität Bonn. Es koordiniert Studium, Praxisphasen und Prüfungen, berät Studierende und Studieninteressierte und fördert den Austausch zwischen den beteiligten Fächern. Die angehenden Lehrkräfte werden frühzeitig auf die Schulpraxis vorbereitet. Bereits im Bachelorstudium sammeln sie begleitet erste Erfahrungen an Schulen; im Master of Education folgt ein ganzes Praxissemester, das von den Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften vorbereitet und begleitet wird.
Besser rückmelden und gerechter beurteilen
Wie Forschung konkret zu einem stärker evidenzbasierten Handeln im Schulalltag beitragen kann, zeigen Arbeiten von Prof. Dr. Nicolas Hübner, Professor für Schulpädagogik mit den Schwerpunkten Bildung und Erziehung am BZL. Im Schulversuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldungen“ wurde untersucht, was geschieht, wenn Grundschulen Ziffernnoten durch alternative Formen der Leistungsbeurteilung ersetzen – etwa durch Portfolios, Lerntagebücher oder Kompetenzraster. Das Forschungsteam, das sich neben Hübner aus ForscherInnen vom Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg und der PH Freiburg zusammensetzt, betrachtete dabei nicht nur die Leistungsentwicklung, sondern auch die Motivation, Lernfreude, Leistungsangst und das schulische Wohlbefinden. Ergebnisse, die kürzlich in der Fachzeitschrift Educational Psychology Review erschienen sind, zeigen: Am Ende der dritten Klasse hatten Schülerinnen und Schüler an Grundschulen, die Noten abgeschafft und alternative Formen der Leistungsbeurteilung eingeführt haben, ein etwas höheres Interesse an Mathematik. In allen anderen untersuchten Bereichen unterschieden sie sich nicht signifikant von Kindern an Schulen mit traditioneller Notenvergabe.
In einem weiteren, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt namens „INFLATE“, untersucht Hübner, u.a. mit Mitarbeitenden des DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und der Health and Medical University Potsdam, das vielfach diskutierte aber noch kaum systematisch untersuchte Phänomen der Noteninflation. Von Interesse ist, wie sich Schulnoten in der Primarstufe und der Sekundarstufe I im Verhältnis zu den tatsächlich gemessenen Kompetenzen im Zeitverlauf entwickelt haben. Dabei geht es auch um Übergangsempfehlungen, Bildungsaspirationen und die Vergleichbarkeit von Noten.
Prof. Hübner sagt: „PISA macht sichtbar, wo das deutsche Schulsystem im internationalen Vergleich steht. Verbessert wird es aber vor allem im Unterricht, etwa durch eine Leistungsbeurteilung, die nicht nur sortiert, sondern Schülerinnen und Schülern zeigt, welche Fortschritte sie gemacht haben, wo sie aktuell stehen und was zu tun ist, um zukünftige Ziele zu erreichen. Dafür brauchen Lehrkräfte Zeit, differenzierte Diagnoseinstrumente und funktionierende Unterstützungsstrukturen.“
Demokratie und Bildung im Mittelpunkt
Die Jubiläumsveranstaltung am Mittwoch, 30. September 2026, steht unter dem Titel „Demokratie und Bildung“. Nach der Begrüßung durch Florian Radvan und BZL-Geschäftsführer Dr. Robert Steegers sowie einem Grußwort des Rektorats hält die Politikwissenschaftlerin Dr. Julia Reuschenbach von der Universität Hamburg die Keynote. Anschließend diskutieren Vertretende aus Fachdidaktik, schulpraktischer Ausbildung, Bildungswissenschaften und Demokratiebildung. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr in Hörsaal I des Universitätshauptgebäudes; der Empfang findet anschließend in der Aula statt.
Am 1. Oktober schließt sich eine Workshop-Tagung für Studierende im Praxissemester an. Damit verbindet das BZL sein Jubiläum unmittelbar mit der Ausbildungspraxis: Die Studierenden bearbeiten aktuelle Herausforderungen des Unterrichts, tauschen Erfahrungen aus ihren Schulen aus und beziehen wissenschaftliche Erkenntnisse auf ihr eigenes professionelles Handeln.
Lehramtsstudium mit langer Bonner Tradition
Die Universität Bonn bereitete fast 200 Jahre lang Lehrkräfte auf ihren Beruf vor, bevor die Lehramtsstudiengänge 2002 auf Weisung der Landesregierung eingestellt wurden. Dann folgte eine Kehrtwende: Zum Wintersemester 2011/12 nahmen an der Universität Bonn die ersten Studierenden am neu gegründeten BZL ihr Lehramtsstudium auf. Heute bildet die Universität Lehrkräfte für Gymnasien und Gesamtschulen sowie für Berufskollegs aus. Mit der Agrarwissenschaft und der Ernährungs- und Hauswirtschaftswissenschaft bietet sie in Nordrhein-Westfalen besondere Studienmöglichkeiten für das Lehramt an Berufskollegs.
Seit Februar 2026 trägt das Zentrum den Namen „Bonner Zentrum für Lehrer*innenbildung“. Die neue Bezeichnung macht sichtbar, was für das BZL seit langem selbstverständlich ist: Es ist für alle angehenden Lehrkräfte da.
Weitere Informationen
Jubiläumsveranstaltung: https://www.bzl.uni-bonn.de/veranstaltungen/jubilaeum
Forschung zu Schulnoten: https://www.bzl.uni-bonn.de/forschung
Kontakt für die Medien:
Dr. Robert Steegers
Geschäftsführer des Bonner Zentrums für Lehrer*innenbildung
Telefon: +49 228 73-60081
E-Mail: steegers@uni-bonn.de