Die Studie "Homo cooperans: Understanding the nature of human cooperation" kommt zu einem klaren Ergebnis: 69 Prozent der Studienteilnehmer entscheiden sich für Kooperation. Zugleich zeigt die Untersuchung, dass Menschen die Kooperationsbereitschaft anderer systematisch unterschätzen. Die Datengrundlage bilden verhaltenswissenschaftliche Kooperationsexperimente mit über 100.000 Personen aus 125 repräsentativen Länderstichproben, die zusammen 92 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung repräsentieren. Die Studie ist weltweit die erste, die menschliche Kooperation auf global repräsentativer Basis untersucht. Sie liefert neue Antworten auf eine der wichtigsten Fragen der Sozial- und Verhaltenswissenschaften: Wie kooperationsbereit ist der Mensch gegenüber Fremden, und welche individuellen Faktoren bestimmen dieses Verhalten?
Kooperation ist eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Wohlergehen. Ob funktionierende Institutionen oder die Bereitstellung öffentliche Güter wie saubere Luft, öffentliche Sicherheit oder ein stabiles Klima – viele der größten Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur bewältigen, wenn Menschen bereit sind, über ihr Eigeninteresse hinaus zum Gemeinwohl beizutragen. Deshalb ist es entscheidend zu verstehen, warum Menschen bereit sind zu kooperieren. Die individuellen Faktoren, die zu Kooperation führen sind „bisher nicht ausreichend erforscht“, erklärt Prof. Dr. Armin Falk, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.
Im Zentrum der Untersuchung steht ein weltweit einheitlich durchgeführtes Entscheidungsexperiment. Jede teilnehmende Person wurde einer unbekannten Person aus dem eigenen Land zugeordnet und musste sich zwischen zwei Optionen entscheiden: Die Option „Nicht kooperieren“ brachte einen sicheren Ertrag von 100 US-Dollar, die Option „Kooperieren“ hingegen nur einen Ertrag von 70 US-Dollar. Wenn sich jedoch beide Personen (unabhängig von einander und ohne gemeinsame Beratung) für die Option Kooperation entschieden, wurde zusätzlich eine Spende von 400 US-Dollar zur Bekämpfung der Erderwärmung ausgelöst.
Dieses Untersuchungsdesign stellt die Teilnehmer vor ein soziales Dilemma: es verlangt von den Studienteilnehmern die Entscheidung zwischen einer höheren privaten Auszahlung einerseits und einer weniger ertragreichen, dafür aber gemeinschaftsorientierten Entscheidung. Das Design erlaubt es, Kooperationsbereitschaft unter vergleichbaren Bedingungen über Ländergrenzen hinweg zu messen. Die Studie berichtet vier zentrale Ergebnisse.
Erstens, Kooperation ist weltweit verbreitet. Eine klare Mehrheit der Menschen ist bereit, zugunsten eines gemeinsamen Gutes – dem Kampf gegen den Klimawandel – auf einen Geldbetrag für sich selbst zu verzichten. Im globalen Durchschnitt entscheiden sich 69 Prozent für Kooperation.
Die beobachtete Kooperationsbereitschaft lässt sich zweitens durch individuelle Faktoren erklären. Die Autoren testen hierzu ein verhaltensökonomisches Modell, das die Rolle von Kooperations-Erwartungen, sozialen Normen und Präferenzen berücksichtigt. Besonders wichtig, so zeigt sich, sind Erwartungen darüber, wie kooperativ andere Menschen sind. Wer glaubt, dass andere ebenfalls kooperieren, kooperiert selbst auch deutlich häufiger. Daneben spielen soziale Normen und Präferenzen eine wichtige Rolle. Menschen, die altruistischer, geduldiger und risikobereiter sind, kooperieren häufiger. Das Forscherteam untersucht auch sozio-ökonomische Faktoren. Im globalen Durchschnitt finden sie keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen und auch keinen Alterseffekt. Allerdings beobachten sie, dass sich höhere Bildungsabschlüsse positiv auf die Kooperationsentscheidung auswirken.
Drittens hebt die Studie die zentrale Bedeutung kultureller Faktoren zur Erklärung von Kooperation hervor. Da die Autoren auf Daten aus 125 Ländern zurückgreifen können, lassen sich kulturelle Einflüsse auf das Kooperationsverhalten erstmalig auf globaler Ebene studieren. So zeigt sich, dass das verhaltenswissenschaftliche Modell zwar eine gute Erklärung für den globalen Durchschnitt darstellt, die Ausprägungen einzelner Faktoren aber kulturell stark variieren. Obwohl beispielsweise der Einfluss der Kooperationserwartungen auf die eigene Kooperationsentscheidung im globalen Durchschnitt deutlich zu beobachten ist, unterscheiden sich die Effektstärken zwischen den Ländern zum Teil erheblich. So ist beispielsweise der Effekt von Kooperationswartungen auf die Kooperation in Finnland sehr gross, in Ägypten aber deutlich geringer. Weitere Analysen illustrieren, dass die kulturellen Unterschiede in der Erklärung kooperativen Verhaltens tief in historischen Kontexten verwurzelt sind. Kooperation, so zeigt sich, ist also kein rein individuelles Merkmal, sondern auch Ausdruck kultureller Prägung.
Schließlich zeigt die Studie, viertens, dass Menschen die Kooperationsbereitschaft ihrer Mitmenschen systematisch unterschätzen. Während die tatsächliche globale Kooperationsbereitschaft bei 69 Prozent liegt, erwarten die Befragten im Durchschnitt eine Kooperationsrate von nur 47 Prozent. Diese pessimistische Fehlwahrnehmung ist universell und findet sich in 124 von 125 Ländern.
In Deutschland ist sie besonders stark ausgeprägt. Während hier 86,0 Prozent der Teilnehmer kooperieren, erwarten sie eine Kooperationsrate ihrer Mitbürger von nur 47,6 Prozent, eine Unterschätzung um fast 40 Prozentpunkte. Da Kooperationserwartungen zentral für die Kooperationsbereitschaft sind, können pessimistischen Fehlwahrnehmungen negative Folgen für das Kooperationsniveau haben.
Die Studie zeigt aber auch, dass sich Fehlwahrnehmungen korrigieren lassen: Ein einfaches Informations-Experiment im Rahmen der Befragung reduzierte den Pessimismus und erhöhte die Kooperationsbereitschaft. Hierzu wurde ein zufällig auswählter Teil der Befragten darüber informiert, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung Klimawandel als ernstes Problem begreift. Dieser Hinweis erhöhte die Kooperationserwartung und führte zu einem Anstieg in der Kooperation.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Grundlagen menschlicher Kooperation sind universell, aber ihre konkrete Ausprägung wird stark durch kulturelle Faktoren beeinflusst. Und: Wir sind als Spezies kooperativer, als wir selbst glauben. Diese Einsicht ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch gesellschaftlich bedeutsam – denn sie zeigt, dass die Voraussetzungen für gemeinsames Handeln – vom Klimaschutz über die Bereitstellung öffentlicher Güter– in vielen Bereichen besser sind als häufig angenommen wird.