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Auf den Spuren der \"Roten Funken\"

Bonner Volkskundler erforschen Kölner Karnevalsverein

Die einen halten sie für elitär, für die anderen sind sie aus dem Kölner Karneval einfach nicht wegzudenken: die traditionsreichen "Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V.". Studierende und Wissenschaftler des Volkskundlichen Seminars an der Universität Bonn nehmen den ältesten Kölner Karnevalskorps nun in einem Lehr- und Forschungsprojekt unter die Lupe.

"Wir wollen an die 'Kölsche Seele' herankommen: Was bedeutet Karneval für die Kölner, warum hat das Fest hier so lange und so lebendig überdauert?" erklärt Dr. Dagmar Hänel ihr Forschungsinteresse. Diese Idee ist auch Leitmotiv für das "Historische Projekt" der Kölner Roten Funken, in dem seit etwa einem halben Jahr eine Wissenschaftlergruppe (Historiker aus Museen und Archiven sowie das gesamte Team der Bonner Volkskunde) auf Anregung der "Roten Funken" gemeinsam die Geschichte dieses Vereins erforscht. Die Ergebnisse werden in einem Buch veröffentlicht.

Als die "Roten Funken" mit dem Auftrag "erforscht uns" an die Bonner Volkskunde herantraten, habe man diese Chance mit beiden Händen ergriffen. "Mich interessiert vor allem die Alltagskultur der 'Roten Funken' seit den 50er Jahren bis zur Gegenwart", erklärt Hänel. Der Leiter des Volkskundlichen Seminars, der Bonner Privatdozent Dr. Gunther Hirschfelder, legt seinen Schwerpunkt auf einen eher theoretischen Aspekt der gesellschaftlichen Entwicklung: "Wir haben hier die Möglichkeit, den Wandel von einem traditionalen Brauch zu einer modernen, pluralistischen Eventhandlung zu beobachten." Untersuchungen zur Geschichte gebe es zuhauf, doch was den heutigen Karneval anbelange, sei auf der Forschungslandkarte noch ein weißer Fleck.

Einen Fleck, den nicht nur die gebürtige Westfälin Hänel ("eigentlich habe ich ein eher distanziertes Verhältnis zu Karneval") füllen möchte: Etwa 15 Studierende sind in das Projekt mit eingebunden und begleiten den Verein ein ganzes Jahr hindurch zu verschiedenen Anlässen. Und das mit großem Engagement: Die Studierenden stürzten sich in die Feldforschung und führten Interviews und Beobachtungen durch. "So eine Möglichkeit, in einem echten Forschungsprojekt mitzuarbeiten, gibt es im Studium selten. Auch volkskundliche Methoden wie das Interview bleiben im Studium oft graue Theorie. Hier erleben unsere Studierenden, dass Feldforschung zwar äußerst arbeitsaufwendig ist, aber eben auch sehr viel Spaß macht - das ist natürlich enorm motivierend", erklärt die Wissenschaftlerin die Begeisterung, mit der die Nachwuchsforscher bei der Sache sind.

Die Interviews drehen sich vor allem um die Komplexe "Leben während der Session", "Leben außerhalb der Session" und den Rosenmontagszug als Höhepunkt des Jahres. Die Volkskundler erfragen aber auch die Einstellung der Mitglieder zu Religion, Familie und zur Stadt Köln. Einen besonderen Aspekt untersucht Peter Genath, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkskundlichen Seminar: Er konzentriert sich auf das Funkenmariechen, die einzige Frau in einem Männerverein.

Die Bonner Forscher möchten unter anderem herausfinden, was der Verein für seine Mitglieder bedeutet und warum sie überhaupt eintreten. "Ein verbreitetes Klischee über die Mitglieder der 'Roten Funken' ist, dass es ihnen vor allem auf Wirtschaftskontakte ankommt", sagt Dr. Hänel. "Beim Aufnahmeritual steht aber die Frage im Vordergrund, ob der Neue zum Verein passt, ob also die Chemie stimmt."

Die "Roten Funken" sehen sich als Nachfahren der Kölner Stadtsoldaten; in Kleidung, Gruß und beim Exerzieren persiflieren sie noch heute die ehemaligen französischen Besatzer Kölns, aber auch die preußischen Soldaten. Inzwischen wird der älteste Kölner Karnevalsverein aber seinerseits zum Ziel des Gespötts - auch ein Aspekt, der die Bonner Wissenschaftler interessiert: So untersucht Peter Genath mit einer Studierendengruppe die homosexuellen "Rosa Funken" - die sind für die Forscher die Persiflage der Persiflage.


Ansprechpartner:
Privatdozent Dr. Gunther Hirschfelder, Dr. Dagmar Hänel, Peter Genath
Volkskundliches Seminar der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7618
E-Mail:
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