Teilnehmerin Mary kam vor fast zwei Jahren nach Bonn. In Syrien hatte die 38-Jährige an der Universität Latakia ihren Bachelorabschluss in englischer Literatur erworben. Während des rund 14 Jahre andauernden Bürgerkriegs arbeitete sie im Bildungsbereich und humanitären Einrichtungen. Nach einem MBA-Studium in der Schweiz kam sie nach Deutschland. Zunächst fühlte sich in der Bundesstadt alles fremd an. Eines der Angebote, die ihr dabei halfen, Bonn und seine Menschen besser kennenzulernen, entdeckte sie eher zufällig: Sie wurde auf einen Aushang von MitSprache an einer U-Bahn-Station aufmerksam und sah sich später den Instagram-Auftritt dazu an. „MitSprache ist eine großartige Möglichkeit, Brücken zwischen Studierenden der Universität Bonn und Menschen mit Migrationsgeschichte zu bauen. Hier kommt man mit anderen ins Gespräch, lernt Menschen aus Bonn und anderen Ländern kennen und versteht sie besser“, sagt Mary. Sie engagiert sich außerdem im Zentralen Sachspendenlager Bonn (ZeSaBo) und bei der Flüchtlingshilfe Bonn e.V.
Mary ist eine von rund 390 Neuzugewanderten und 575 Studierenden, die seit 2016 am Projekt MitSprache teilgenommen haben. Das Konzept: Möglichkeiten für Begegnungen schaffen, Vorbehalte abbauen und ein gutes Ankommen ermöglichen: 2016 startete das Projekt als Initiative der Abteilung Interkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeitsforschung und des Sprachlernzentrum unter Leitung von Dr. Paul Meyermann. Ursprünglich richtete sich das Angebot an Studierende, die geflüchtete Menschen in der Erstorientierung unterstützen wollten. 2021 verankerte die Universität Bonn das Programm institutionell. Seitdem können Studierende verschiedener Fakultäten und Fachrichtungen das Projekt als Service-Learning-Modul belegen. Ehrenamtliches Engagement von Studierenden ist somit Teil des Studiums. Seit 2021 können auch studieninteressierte Neuzugewanderte an dem MitSprache teilnehmen. Aus einem Sprechen über Menschen mit Flucht- und/oder Migrationserfahrungen wurde ein Sprechen miteinander.
Gemeinsam voneinander lernen
Die Angebote sind vielfältig und bestehen aus einer Praxis- und einer Seminarphase. In der gemeinsamen Seminarphase arbeiten die Studierenden mit den Neuzugewanderten an unterschiedlichen Themen: Dort erwerben die Studierenden sprachdidaktische Basiskenntnisse im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ sowie soziokulturelles Hintergrundwissen zu den Themen Migration und Flucht, aber auch den Umgang mit Diskriminierung duch die Stabsstelle für Chancengerechtigkeit und Diversität. . So bietet Eden Abrehet im Auftrag der Stabsstelle für Chancengerechtigkeit und Diversität etwa rassismuskritische Beratungen an. Für studieninteressierte Neuzugewanderte geht es beispielsweise um Fragen zur Bewerbung, zu Studienvoraussetzungen oder zu Ausbildungsmöglichkeiten. Es gibt Strategien beim Ankommen, etwa beim Erlernen der Sprache oder dem Umgang mit Diskriminierungen, Hinweise zu Stipendien und Voraussetzungen, um in Deutschland zu studieren.
Die anschließende Praxisphase dient dazu, dass die Studierenden ihre im Seminar erworbenen Kompetenzen ehrenamtlich einbringen. Dies kann entweder beim Caritasverband für die Stadt Bonn e.V., dem International Office der Universität Bonn oder bei einer anderen Wohlfahrtsorganisation oder gemeinnützigen Initiative erfolgen. Studierende unterstützen bei der Sprachmittlung, geben Hausaufgabenhilfe, begleiten einzelne Personen im 1:1-Setting oder engagieren sich im Offenen Treff im Haus Mondial. In solchen offenen Sprachcafés kommen Teilnehmende miteinander ins Gespräch oder klären Fragen für ein späteres Studium oder Ausbildung. Kontakte entstehen auch über gemeinsame Interessen – etwa beim Kochen, beim Sport oder bei gemeinsamen Unternehmungen.
Eine von Ihnen ist die Germanistik-Studentin Lotta. Sie hatte bereits zu Beginn ihres Studiums von dieser Möglichkeit gehört. „Als ich die Angebote im überfachlichen Bereich durchsucht habe, war es mit Abstand das interessanteste“, sagt sie. Im Praxisteil unterstützte sie außerhalb der MitSprache!-Angebote in einer Erstaufnahmeeinrichtung große Gruppen beim Spracherwerb – keine einfache Aufgabe. „Ich würde es wieder machen. Nach diesem Modul könnte ich mir sogar vorstellen, weiterhin in diesem Bereich zu arbeiten. Die Tätigkeit ist sinnvoll und zugleich greifbar.“ Noch heute steht sie in Kontakt mit anderen Seminarteilnehmenden und Geflüchteten. „Das Thema ,Ankommen‘ ist mir wichtig. Asyl und Flucht jeden von uns irgendwann treffen könnte. Ich kenne auch viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die eine neue Sprache lernen müssen und sich deshalb fremd fühlen. Wenn man selbst unkompliziert und schnell etwas dazu beitragen kann, dass sie sich besser zurechtfinden und willkommen fühlen, ist das eine gute Sache.“
Erfahrung einbringen und Netzwerke schaffen
"Einige Studierende bringen ihre eigenen Migrationserfahrungen mit ein", weiß Projektleiter Fischer, "andere machen es auch aus dem Impuls, die eigenen Privilegien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen, aber auch weil es ein anderes Setting ist, als die gewohnte Arbeit in Seminaren." Dabei geht es nicht allein ums Deutschlernen, sondern ebenso um Orientierung im Alltag, den Zugang zu Informationen und persönliche Begegnungen. Das Programm reagiert dabei auf die individuellen Bedarfe der Neuzugewanderten - und sorgt so für einen Zusammenhalt, durch die Gespräche und den Austausch von Erfahrungen. "Gerade wenn man sich die heutige Gesellschaft ansieht, erkennt man eine vermeintlich zugespitzte Polarisierung mit vielen Vorbehalten. Oft hilft der Austausch und gemeinsame Erfahrungen, um zu merken, dass man doch nicht so weit voneinander entfernt ist". Er selbst kam während eines Praktikums in Berlin eher durch Zufall zum Engagement. "Ich wollte etwas machen, dass Geflüchtete unterstützt, und stieß auf Deutsch als Zweitsprache. Es ist sehr bereichernd, mit so vielen engagierten Menschen zusammenzuarbeiten, und einen Austauschraum für so viele Lebenserfahrungen mitgestalten zu können, aus dem mit Sprache Mitsprache werden kann".
Mary fühlt sich inzwischen in Bonn zu Hause. „Ich konnte meine Sprachkenntnisse in drei Seminaren anwenden. Die Teilnahme an MitSprache hat mir während der Wartezeit auf den Abschluss meines Verfahrens einen positiven Antrieb gegeben. MitSprache! hilft dabei, die Kluft zwischen Studierenden mit internationalem Hintergrund und der Stadtgesellschaft zu überbrücken. Und das macht es einem möglich, Verbindungen zu knüpfen.“
Weitere Infos
MitSprache! feiert am 2. Oktober von 13-18 Uhr.
Infos und Anmeldung
Kontakt für die Medien
Andreas Fischer
Koordinator für das Programm MitSprache – Integration durch Sprachbegleitung für Neuzugewanderte
mitsprache@uni-bonn.de