In einem wechselseitigen Prozess reagiert Literatur auf ihre jeweilige Zeit und bringt eigene Bilder und Deutungen dieser Gegenwart hervor. Gerade im Krieg wird das besonders deutlich. Kriege unterbrechen Routinen, verändern Zeitgefühl und Raumwahrnehmung und zwingen Gesellschaften, ihre Gegenwart neu zu ordnen. Literatur greift diese Erfahrungen auf. Sie erzählt von Gewalt, Zerstörung und Verlust, von Angst, Flucht und Überleben – und steht dabei vor der Herausforderung, extreme und oft widersprüchliche Erfahrungen überhaupt darstellbar zu machen.
Krieg zwingt Gesellschaften, Gegenwart neu zu ordnen
Ausgehend von einer historisch weit aufgefächerten Perspektive, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, fragt die Tagung, wie sich literarische Formen unter dem Eindruck von Krieg verändern, welche Rolle Medien, Öffentlichkeit und Zensur spielen und wie Literatur ihrerseits auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Krieg einwirkt. Literatur vermag es, komplexe und unübersichtliche Ereignisse durch die Wahl einprägsamer Bilder und Szenen darzustellen. Literatur kann das Grauen und die Gewalt von Kriegen minutiös und abschreckend entfalten, ebenso kann sie aber durch Heroisierungen auch zu einer Kriegsbegeisterung beitragen. Beide Ausrichtungen, und viele Schattierungen dazwischen, sind literaturgeschichtlich immer wieder zu beobachten. Die Literatur ist nicht per se ein friedvolles Medium.
Der Rektor der Universität Bonn, Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Hoch: „Das Graduiertenkolleg hat sich über neun Jahre hinweg mit der Frage beschäftigt, wie Gegenwart wahrgenommen, beschrieben und verstanden wird. Dass die Abschlusstagung nun die von Krieg geprägte Gegenwart in den Mittelpunkt rückt, veranschaulicht die anhaltende Aktualität dieser Leitfrage. Zugleich zeigt das Kolleg, wie erfolgreich es eine Generation von Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern exzellent dabei unterstützt und begleitet hat, eigenständige Forschung zu entwickeln und gesellschaftlich höchst relevante Themen mit wissenschaftlicher Tiefe zu bearbeiten.“
"Im Westen nichts Neues"
Im Rahmen der Abschlusstagung werden zwei Literaturwissenschaftlerinnen in der Podcast-Reihe „Die ewige Liste“ den Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ (1928) von Erich Maria Remarque analysieren und in einem ca. 60minütigen Gespräch darüber diskutieren, wie sich am konkreten Werk nachvollziehen lässt, vor welchen Herausforderungen das Schreiben über Krieg und Gewalt steht – und welche ästhetischen und ethischen Lösungen dafür entwickelt werden. Der Podcast wird nach der Tagung überall dort zu hören sein, wo es Podcasts gibt.
Dr. Dana Steglich, die als ehemalige Kollegiatin und Host des Podcasts an der Tagung teilnimmt, ist dankbar „für die Brücken, die ich in meiner Zeit im Graduiertenkolleg zwischen Universität und Literaturbetrieb geschlagen habe. Jetzt habe ich jenseits von Klassenraum und Hörsaal mit dem Genre Podcast meine eigene Form der Literatur- und Wissensvermittlung gefunden.“
Neben wissenschaftlichen Vorträgen umfasst das Tagungsprogramm vom 09.07.26 bis zum 11.07.26 Diskussionsformate mit Vertreterinnen und Vertretern des Literaturbetriebs. Im Austausch mit Festival- und Kulturakteuren wird diskutiert, wie eine von Kriegen geprägte Gegenwart Programme, Themen und Vermittlungsformen verändert und herausfordert. Die Tagung bildet den Abschluss eines neun Jahre laufenden Forschungsprogramms, an dem insgesamt 38 Doktoranden und Doktorandinnen sowie zwei Postdocs beteiligt waren. Die Ergebnisse werden über die Veranstaltung hinaus in Publikationen weitergeführt und in neue wissenschaftliche und öffentliche Diskussionen eingebracht.