26. Mai 2026

Die Transformationen der Landschaft im Cochabamba-Tal Die Transformationen der Landschaft im Cochabamba-Tal

Nicht nur Spuren der Inka: Neue Sonderausstellung in der Bonner Amerikas-Sammlung, BASA-Museum

Spuren jahrhundertelanger Bearbeitung offenbart das Cochabama-Tal, das schon vor der Eroberung durch die Inka besiedelt war. Die neue Sonderausstellung der Bonner Amerikas-Sammlung (BASA-Museum) stellt noch bis März 2027 die Ergebnisse eines DFG-geförderten Forschungsprojektes im Cochabamba-Tal, Bolivien, vor.

Qollqas im Cochabamba-Tal
Qollqas im Cochabamba-Tal - Speichergebäude (qollqas) in Cotapachi im Cochabamba-Tal. Allein hier befanden sich etwa 2.000 Speicher. © Olga Gabelmann / Uni Bonn
Alle Bilder in Originalgröße herunterladen Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.
Bitte füllen Sie dieses Feld mit dem im Platzhalter angegebenen Beispielformat aus.
Die Telefonnummer wird gemäß der DSGVO verarbeitet.

Die Ausstellung zeigt Objekte aus der Sammlung, 3D-Drucke von Objektfunden, die in Bolivien hergestellt wurden, sowie eine digitale Installation einer imperialen Anlage von Speichergebäuden der Inka. Die neue Sonderausstellung zum Cochabamba-Tal in der Bonner Amerikas-Sammlung (BASA) lenkt den Blick vor allem auf die Landschaft und auf die Spuren, die verschiedene gesellschaftliche Systeme dort hinterlassen haben, nicht allein die Inka.

Ebene mit Lagunen 

Das Cochabamba-Tal im heutigen Bolivien ist um das Jahr 1500, etwas mehr als drei Jahrzehnte vor der spanischen Eroberung, ein Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion. Cochabamba bedeutet „Ebene mit Lagunen“. Es ist ein Tal, das verschiedenen Einflüssen aus den Anden unterlag und seit langem besiedelt ist. Die Ausstellung zeigt anlässlich des Abschlusses des DFG-geförderten Forschungsprojekts zur "Mobilisierung und Produktionsstrategien des Inkastaates und des frühen Kolonialstaats in Cochabamba", wie es den Inka gelungen ist, die Tallandschaft für ihre Zwecke umzugestalten, nämlich für weitere Eroberungen und zur Konsolidierung des Staates. Zwischen 2022-2026 hat das Forschungsprojekt die drastischste Veränderung der Tallandschaft untersucht, die mit der Eroberung durch die Inka in der Mitte des 15. Jahrhunderts einherging.

Nachdem die Inka die ansässigen Gruppen vertrieben hatten, sandten sie etwa 14000 mitimaes, das sind zwangsweise Umgesiedelte, mit ihren Familien aus allen Regionen des Inka-Staats in das Cochabamba-Tal. Die Aufgabe dieser neuen Bodenbauern bestand darin, auf den Feldern, die ihnen von den Inka zugewiesen wurden, vor allem Mais anzubauen. Dank der fruchtbaren Böden konnte so die Versorgung der Armee für weitere Eroberungen im Norden, dem heutigen Ecuador, sichergestellt werden. Rund 4000 Speichergebäude, qollqas, lassen das Ausmaß der Maisproduktion erahnen. Über diese Lagerhäuser hinaus blieb aber die Anwesenheit der Inka im Tal weitgehend unsichtbar.

Wegenetz sichtbar 

Das Projekt musste Methoden entwickeln, weitere Spuren der Inka sichtbar zu machen. Es konnten weitere Teile des inkaischen Straßennetzes erfolgreich rekonstruiert werden, das die staatlichen Felder mit den Speichergebäuden, den Wegstationen (tambos), den alten, vor-inkaischen wak’as (sakrale Orte) und dem auf einem Felssporn liegenden administrativen Zentrum der Inka, Inkarracay, verbindet. Es handelt sich um eindeutige Hinweise auf die inkaische Herrschaft. Darüber hinaus liefern Archivdokumente aus der Kolonialzeit, insbesondere die Erinnerungen von Zeugen in Landstreitigkeiten, Informationen über die Inka in Cochabamba.

Zwar waren die Speichergebäude vorher durchaus bekannt, aber jetzt sind sie erstmals in eine breit angelegte archäologisch-ethnohistorische Studie über Herrschaftsstrategien der Inka eingebettet worden. In den Blick gelangten jetzt auch Bevölkerungsgruppen des Cochabamba-Tals, die offensichtlich engste Alliierte der Inka waren: die Soras. Neben bisher unbekannten architektonischen Formen der Soras wurden außerdem in dieser Gegend erstmals materielle Zeugnisse der Inka entdeckt, wie es Keramik ist, darunter auch der größte Aríbalo, der je im Cochabamba-Tal gefunden wurde: ein typisches Inka-Gefäß für den Transport und das Ausschenken von chicha, einem fermentierten Maisgetränk. Auf diese Weise konnte der zentrale Inka-Ort im Tal – neben Inkarracay – lokalisiert werden. Die Wegstation, die auch als wichtiges administratives Zentrum der Inka diente, befindet sich in der heutigen Kleinstadt Sipe Sipe unweit von Cochabamba. Ethnohistorische Quellen bestätigen die Lage und die Funktion des tambo. In der Ausstellung erzählt eine zentrale Vitrine über die Bedeutung des tambo Sipe Sipe. Die Ausstellung umfasst auch ein Video, das Einblicke in die Forschung in Bolivien gibt.

Sakrale Orte bis heute 

Die Ausstellung führt thematisch bis in die Gegenwart. Sie setzt dabei an bedeutenden, für die Inka wichtigen, teils sakralen Orten an, und zeigt, welche Bedeutung diese Orte in der heutigen Zeit haben bzw. welche Orte religiöser Glaubenspraktiken neu hinzugekommen sind. An einer sakralen Stätte, die einen der Wege zu den Speichergebäuden säumt, wird heute der Heilige Santiago verehrt, eine in den Anden seit der Kolonialzeit weit verbreitete Praxis. Für die Jungfrau von Urkupiña ist ebenfalls in der Nähe der Speichergebäude ein über die Region hinaus bekannter Pilgerort geschaffen worden.

Das Heiligtum für Shirley mit zahlreichen Altären wächst immer weiter und zieht täglich Hunderte von Gläubigen an. Shirley war eine junge Frau, die vor mehr als zwei Jahrzehnten einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Für sie errichteten die Menschen aus der Region eine Stätte der Erinnerung, des Wünschens und des Gedenkens. Auch diese Orte greifen in die Landschaft ein und verändern sie. Der Genuss von chicha, einem rituellen Getränk aus fermentiertem Mais, und die Praxis des Trankopfers, challa, verbinden diese verschiedenen, die Landschaft immer wieder verändernden Orte.
Dieser Teil der Ausstellung ist von Masterstudierenden des internationalen Studiengangs Anthropology of the Americas im Rahmen eines Seminars erarbeitet und umgesetzt worden.

Zeugenbefragung
Zeugenbefragung - Archivarbeit im Historischen Archiv Cochabamba, Oktober 2024: Ausschnitt aus einer Zeugenbefragung der Anführer der „Indios von Sipe Sipe“ im Rahmen eines Rechtsstreits gegen zwei spanische Landeigentümer der Villa de Oropesa (heute Cochabamba) aus dem Jahr 1573. © Paul Andía / Uni Bonn
Rekonstruktion eines Qollqas
Rekonstruktion eines Qollqas - Qollqas: Moderne Rekonstruktion eines der Speichergebäude. © Olga Gabelmann
Rekonstruierte Straße
Rekonstruierte Straße - Teil einer rekonstruierten Inka-Straße von Sipe Sipe nach Inkarracay im Cochabamba-Tal. © Olga Gabelmann / Uni Bonn
3D-Druck einer Keramik der Soras im Cochabamba-Tal
3D-Druck einer Keramik der Soras im Cochabamba-Tal - Diese Keramik unterscheidet sich grundlegend von bisher bekannten Keramikstilen des Cochabamba-Tals: Da diese Keramikfunde - wie ausnahmslos alle archäologischen Objekte - in Bolivien bleiben müssen, sind in der Ausstellung 3-D-Drucke dieser Objekte zu sehen. © Olga Gabelmann / Uni Bonn
Wohnhaus der Wächter
Wohnhaus der Wächter - Ausgrabung eines Wohnhauses von Wächtern der Speichergebäude in Cotapachi. © Olga Gabelmann / Uni Bonn


DFG-Projekt:

Die Ausstellung ist ein Ergebnis des DFG-geförderten Forschungsprojekts „Das Zentrum und das Lokale im Gleichgewicht: Mobilisierung und Produktionsstrategien des Inka- und frühen Kolonialstaats in Cochabamba, Bolivien (2022-2026)“. 

Kuratorinnen: 
Das Projekt wurde von Dr. Olga Gabelmann und Prof. Dr. Karoline Noack (Universität Bonn) geleitet. Mitgearbeitet haben Bruna Pellegrini Romero, MA, als Wiss. Hilfskraft in Bonn, sowie die Archäolog*innen Lic. José Luis Murillo und Lic. Sofía Sejas von der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz, Bolivien.

Die Ausstellung wird bis März 2027 zu sehen sein. 
Führungen werden nach Vereinbarung realisiert. 
Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

Prof. Dr. Karoline Noack
E-Mail: knoack@uni-bonn.de
Bonner Amerikas-Sammlung
Universität Bonn
Oxfordstraße 15
53111 Bonn

Wird geladen