Die Ausstellung zeigt Objekte aus der Sammlung, 3D-Drucke von Objektfunden, die in Bolivien hergestellt wurden, sowie eine digitale Installation einer imperialen Anlage von Speichergebäuden der Inka. Die neue Sonderausstellung zum Cochabamba-Tal in der Bonner Amerikas-Sammlung (BASA) lenkt den Blick vor allem auf die Landschaft und auf die Spuren, die verschiedene gesellschaftliche Systeme dort hinterlassen haben, nicht allein die Inka.
Ebene mit Lagunen
Das Cochabamba-Tal im heutigen Bolivien ist um das Jahr 1500, etwas mehr als drei Jahrzehnte vor der spanischen Eroberung, ein Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion. Cochabamba bedeutet „Ebene mit Lagunen“. Es ist ein Tal, das verschiedenen Einflüssen aus den Anden unterlag und seit langem besiedelt ist. Die Ausstellung zeigt anlässlich des Abschlusses des DFG-geförderten Forschungsprojekts zur "Mobilisierung und Produktionsstrategien des Inkastaates und des frühen Kolonialstaats in Cochabamba", wie es den Inka gelungen ist, die Tallandschaft für ihre Zwecke umzugestalten, nämlich für weitere Eroberungen und zur Konsolidierung des Staates. Zwischen 2022-2026 hat das Forschungsprojekt die drastischste Veränderung der Tallandschaft untersucht, die mit der Eroberung durch die Inka in der Mitte des 15. Jahrhunderts einherging.
Nachdem die Inka die ansässigen Gruppen vertrieben hatten, sandten sie etwa 14000 mitimaes, das sind zwangsweise Umgesiedelte, mit ihren Familien aus allen Regionen des Inka-Staats in das Cochabamba-Tal. Die Aufgabe dieser neuen Bodenbauern bestand darin, auf den Feldern, die ihnen von den Inka zugewiesen wurden, vor allem Mais anzubauen. Dank der fruchtbaren Böden konnte so die Versorgung der Armee für weitere Eroberungen im Norden, dem heutigen Ecuador, sichergestellt werden. Rund 4000 Speichergebäude, qollqas, lassen das Ausmaß der Maisproduktion erahnen. Über diese Lagerhäuser hinaus blieb aber die Anwesenheit der Inka im Tal weitgehend unsichtbar.
Wegenetz sichtbar
Das Projekt musste Methoden entwickeln, weitere Spuren der Inka sichtbar zu machen. Es konnten weitere Teile des inkaischen Straßennetzes erfolgreich rekonstruiert werden, das die staatlichen Felder mit den Speichergebäuden, den Wegstationen (tambos), den alten, vor-inkaischen wak’as (sakrale Orte) und dem auf einem Felssporn liegenden administrativen Zentrum der Inka, Inkarracay, verbindet. Es handelt sich um eindeutige Hinweise auf die inkaische Herrschaft. Darüber hinaus liefern Archivdokumente aus der Kolonialzeit, insbesondere die Erinnerungen von Zeugen in Landstreitigkeiten, Informationen über die Inka in Cochabamba.
Zwar waren die Speichergebäude vorher durchaus bekannt, aber jetzt sind sie erstmals in eine breit angelegte archäologisch-ethnohistorische Studie über Herrschaftsstrategien der Inka eingebettet worden. In den Blick gelangten jetzt auch Bevölkerungsgruppen des Cochabamba-Tals, die offensichtlich engste Alliierte der Inka waren: die Soras. Neben bisher unbekannten architektonischen Formen der Soras wurden außerdem in dieser Gegend erstmals materielle Zeugnisse der Inka entdeckt, wie es Keramik ist, darunter auch der größte Aríbalo, der je im Cochabamba-Tal gefunden wurde: ein typisches Inka-Gefäß für den Transport und das Ausschenken von chicha, einem fermentierten Maisgetränk. Auf diese Weise konnte der zentrale Inka-Ort im Tal – neben Inkarracay – lokalisiert werden. Die Wegstation, die auch als wichtiges administratives Zentrum der Inka diente, befindet sich in der heutigen Kleinstadt Sipe Sipe unweit von Cochabamba. Ethnohistorische Quellen bestätigen die Lage und die Funktion des tambo. In der Ausstellung erzählt eine zentrale Vitrine über die Bedeutung des tambo Sipe Sipe. Die Ausstellung umfasst auch ein Video, das Einblicke in die Forschung in Bolivien gibt.
Sakrale Orte bis heute
Die Ausstellung führt thematisch bis in die Gegenwart. Sie setzt dabei an bedeutenden, für die Inka wichtigen, teils sakralen Orten an, und zeigt, welche Bedeutung diese Orte in der heutigen Zeit haben bzw. welche Orte religiöser Glaubenspraktiken neu hinzugekommen sind. An einer sakralen Stätte, die einen der Wege zu den Speichergebäuden säumt, wird heute der Heilige Santiago verehrt, eine in den Anden seit der Kolonialzeit weit verbreitete Praxis. Für die Jungfrau von Urkupiña ist ebenfalls in der Nähe der Speichergebäude ein über die Region hinaus bekannter Pilgerort geschaffen worden.
Das Heiligtum für Shirley mit zahlreichen Altären wächst immer weiter und zieht täglich Hunderte von Gläubigen an. Shirley war eine junge Frau, die vor mehr als zwei Jahrzehnten einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Für sie errichteten die Menschen aus der Region eine Stätte der Erinnerung, des Wünschens und des Gedenkens. Auch diese Orte greifen in die Landschaft ein und verändern sie. Der Genuss von chicha, einem rituellen Getränk aus fermentiertem Mais, und die Praxis des Trankopfers, challa, verbinden diese verschiedenen, die Landschaft immer wieder verändernden Orte.
Dieser Teil der Ausstellung ist von Masterstudierenden des internationalen Studiengangs Anthropology of the Americas im Rahmen eines Seminars erarbeitet und umgesetzt worden.