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Datum: 30.03.2020

COVID-19: Auswirkungen auf den Nahrungsmittelhandel - Ist die globale Ernährungssicherheit gefährdet?

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Welche Auswirkungen hat die Bekämpfung des Coronavirus auf die weltweite Nahrungsmittelversorgung? Dr. Lukas Kornher und Dr. Tekalign G. Sakketa vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn haben sich dazu Gedanken gemacht.

 
Text: Dr. Lukas Kornher und Dr. Tekalign G. Sakketa
 
 
Die Verbreitung des neuartigen Coronavirus (COVID-19) wurde (Stand 26. März) weltweit in 176 Ländern gemeldet. Die US-amerikanische Johns Hopkins University berichtet von weltweit insgesamt mehr als 500.000 Fällen bei inzwischen mehr als 20.000 Todesfällen. Inzwischen haben viele Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer, darunter auch Indien, das öffentliche Leben fast vollständig heruntergefahren um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und ihre Gesundheitssysteme zu schützen. Dieses Vorgehen hat gravierende wirtschaftliche Konsequenzen für die jeweiligen Volkswirtschaften sowie die Weltwirtschaft. Die wichtigsten Börsenleitindizes Dow Jones und DAX verzeichnen die größten wöchentlichen Verluste seit der Weltwirtschaftskrise 1929. Das Bruttoinlandsprodukt Chinas sank im ersten Quartal 2020, zum ersten Mal seit 50 Jahren, um etwa 10%. Morgan Stanley und die Goldman-Sachs-Gruppe veröffentlichten Zahlen nachdem das Bruttoinlandsprodukt der USA im 2. Quartal 2020 um bis zu 30% fallen könnte. 
 
Viele Industrieländer, darunter auch Deutschland und die Vereinigten Staaten, reagierten mit weitreichenden öffentlichen Investitionsprogrammen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdown auf kleine Betriebe und große Unternehmen sowie auf Arbeitnehmer, deren Unternehmen geschlossen wurden, abzufedern. Entwicklungsländer verfügen nicht über die Haushaltsmittel, um ähnliche Programme umzusetzen. Stattdessen verlangsamen und erschweren die Schließung der Grenzen, die begrenzten Exportmöglichkeiten sowie Angebotsengpässe die wirtschaftlichen Aktivitäten. Die Economic Commission for Africa (ECA) schätzt, dass die wirtschaftlichen Verluste in Afrika den fiskalischen Spielraum der Regierungen massiv einengen könnten. Dadurch  fehlen diesen die finanziellen Möglichkeiten soziale Sicherheitsnetze bereitzustellen oder auszubauen, die in vielen afrikanischen Ländern eine wichtige Lebensgrundlage für den armen Teil der Bevölkerung darstellen. Ausgangssperren zwingen die Regierungen zudem dazu, staatlich finanzierte Beschäftigungsprogramme für Tätigkeiten im Freien zu unterbrechen. Hinzu kommt, dass die Lebensbedingungen in Slums als Brutkasten für die Ansteckung von Tausenden von Menschen wirken. 
 
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat darauf reagiert und die Gewährung von Darlehen an Entwicklungsländer in Höhe von 50 Milliarden USD bereitgestellt. Die Weltbank genehmigte ein Nothilfeprogramm von 14 Milliarden USD für Entwicklungsländer und Unternehmen, um deren Bemühungen zur Prävention und Reaktion auf die rasche Ausbreitung von COVID-19 finanziell zu unterstützen. Darüber hinaus forderten beide Organisationen Geberländer auf, einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder in Betracht zu ziehen. Dennoch sind die Märkte in Aufruhr. Weltweit fürchten Menschen, dass die wichtigsten Güter, vor allem Nahrungsmittel, nicht mehr zur Verfügung stehen. Aufnahmen von leeren Regalen in Supermärkten von New York bis Berlin verbreiten sich rasch. Auf Märkten in Mumbai, Kalkutta und vielen anderen Orten werden Menschen beobachtet, die sich um Lebensmittel streiten und Händler angreifen, die keine Waren mehr anbieten können. Unberechenbare und panische Verhaltensweisen auf den Märkten könnten, wie schon bei anderen Pandemien, zu weltweiten Preissteigerungen bei Lebensmitteln führen. Könnte COVID-19 somit eine weitere Nahrungsmittelkrise auslösen?
 
Die globalen Agrarrohstoffmärkte sind nicht immun gegen einen globalen Wirtschaftsabschwung und die wirtschaftliche Ungewissheit, wie sich die Krise in den nächsten Monaten entwickeln wird. Simulationen des International Food Policy Research Institute (IFPRI) zeigen die möglichen Auswirkungen eines globalen Wirtschaftsabschwungs auf Armut und Ernährungsunsicherheit. Die Zahlen sind alarmierend, falls die Krise über einen längeren Zeitraum anhält. Der Rückgang des globalen Wachstums um 1% ist mit dem Anstieg der Armut um 2% und somit um etwa 14 Millionen Menschen verbunden. Die Auswirkungen auf die Ernährungsunsicherheit wären noch gravierender, wenn Handelskanäle unterbrochen werden.
 
Bislang sind die meisten Handelswege noch offen. Marktdaten des International Grains Council (IGC) zeigen nur einen moderaten Anstieg der weltweiten Weizen- und Maispreise um 5% im Vergleich zu Mitte März. Die vier großen Getreidehandelsunternehmen Bunge, Louis-Dreyfous, Cargill und ADM bekräftigten, dass die weltweiten Lieferketten weiterhin in Takt sind. Dennoch ist es nach wie vor ungewiss, wie sich die Versorgungsengpässe in den Exportländern, wie z.B. Brasilien, auf die Versorgung auswirken könnten. Am 25. März kündigte Vietnam, der drittgrößte Reis-Exporteur der Welt, an seine Reisexporte für einige Tage zu stoppen, um die heimische Lebensmittelversorgung zu sichern. Die globalen Reispreise reagierten vorerst nicht auf die Ankündigung. Es ist nötig den Exportmarkt für Reis in nächster Zeit genau zu beobachten, da viele große Exporteure wie Indien, Thailand und Pakistan ihre inländische Ernährungssicherheit sorgfältig überwachen und möglicherweise Exportbeschränkungen zum Schutz der einheimischen Konsumenten in Betracht ziehen. 
 
Menschen auf der ganzen Welt stehen bereits vor massiven Herausforderungen, um ihren Lebensunterhalt während der wirtschaftlichen Einschränkungen, die durch COVID-19 entstanden sind, zu bestreiten. Die meisten internationalen Handelswege sind weiterhin offen, die Lieferketten funktionieren noch immer und die globalen Rohstoffmärkte sind noch nicht von der wirtschaftlichen Krise betroffen. Daher gibt es derzeit keinen Grund zur Panik hinsichtlich der globalen Ernährungssicherheit. Das derzeitige Niveau des weltweiten Nahrungsmittelangebots und der weltweiten Vorräte gibt keinen Anlass für Preisanstiege. Allerdings muss sorgfältig beobachten werden, wie nationale Regierungen reagieren, um die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren und die Gesundheit ihrer Bevölkerung zu schützen. Wenn Exportverbote und Handelsbeschränkungen von Exportländern angewandt werden, wie dies während der globalen Nahrungsmittelkrise von 2008 der Fall war, könnte die Gefahr bestehen, dass die COVID-19-Krise einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise befeuert. Wahrscheinlicher sind regionale Marktstörungen innerhalb Afrikas und Asiens, die auf logistische Engpässe und verfehlte Politikmaßnahmen zurückzuführen sind. Dieses Marktversagen, verbunden mit einer stark eingeschränkten Kaufkraft aufgrund des Zusammenbruchs des Arbeitsmarktes, der Produktionseinschränkungen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und der Beschneidung der Tätigkeit von Unternehmen und Kleinbetrieben des informellen Sektors, von denen die Armen so stark abhängig sind, ist das gegenwärtig größte Risiko für eine große Anzahl von gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Dieses Szenario hätte verheerende Auswirkungen auf die weltweite Armut und den Hunger.
 
Daher müssen Regierungen dringend Maßnahmen ergreifen, um die Märkte funktionsfähig zu halten. In einer globalisierten Welt sollten Länder den internationalen Handel aufrecht und die Lieferketten funktionsfähig halten. Denn nicht Nationalismus, sondern internationale Kooperation und Koordination ist von größter Bedeutung, um diese globale Krise zu überwinden und so schnell wie möglich zur Normalität zurückzukehren. In diesem Zusammenhang sollten die Regierungen ärmerer Länder Ressourcen mobilisieren um ihre sozialen Sicherheitsnetze auszubauen, insbesondere um die Auswirkungen auf die am meisten gefährdeten Bevölkerungsschichten in städtischen Gebieten, die von der Hand in den Mund leben, abzumildern, anstatt die Handelsströme zu beschränken.
 
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