„Unser Beruf ist schnell erklärt“, grinsen die beiden: „Wir machen das mit Steckdose und Licht“. Und davon gibt es eine ganze Menge in den über 350 Uni-Gebäuden, die über die ganze Stadt verteilt sind. Irgendwo ist immer was kaputt oder eine Wartung steht an. „Ohne uns wär´s ganz schön dunkel an der Uni“ - Merlind weiß, dass ihre Arbeit unerlässlich ist für den Unibetrieb. Ein typischer Arbeitstag starte schonmal mit einem Hilferuf aus einem Institut. „Wenn kein Strom da ist, laufen die Geräte nicht. Dann melden sich die Forschenden bei uns, weil sie nicht weiterarbeiten können“, so Fabio. „Mir macht das total Spaß, wenn solche Sachen reinkommen, wir schnell den Fehler finden und helfen können.“
Natürlich ist es nicht immer supereilig. Routineaufgaben machen den Großteil der Arbeit aus, zum Beispiel Kabelkanäle verlegen, Steckdosen montieren und LED-Leuchten austauschen. Neu-Installationen im Rohbau gibt es fast gar nicht. Das Team der Elektroniker*innen kümmert sich vor allem um den Bestand und das, was neu dazu kommt. „Die Uni wächst und es ist super spannend, dabei zu sein“, findet Merlind. Sie mag den Mix aus Alt und Neu an der Uni und dass sie durch ihre Arbeit mitkriegt, welche neuen Gebäude dazukommen: „Unsere Werkstatt ist auf dem Campus Poppelsdorf. Dort wird gerade total viel gebaut und wir sind mittendrin. Auch wenn wir nicht die Neu-Installationen machen, haben wir in allen Neubauten was zu tun und arbeiten in ganz modernen Gebäuden.“
Besonders angetan haben es den beiden aber die alten Gebäude. „Obwohl es oft sehr eng, staubig und manchmal in den Kellern echt nicht schön ist, hat es was, dort zu arbeiten“, sagt Fabio. „Diese uralten Gebäude sind irgendwie verrückte Orte, weil es in den hintersten Ecken so einiges zu entdecken gibt. Wir kommen an Orte, die Studis oder Forschende gar nicht kennen. Wo niemand hinkommt.“ Bei einem Job rechnete er mit einem normalen Waschkeller und wurde überrascht: „Auf einmal stand ich vor einer fetten blauen Stahltür. Dem Eingang zu einem ehemaligen Bunker. In solchen Momenten denk ich, schön, an der Uni zu arbeiten. Denn wo sonst kommt man an so spezielle Orte wie Katakomben, einen Teilchenbeschleuniger oder Labore?!“
Eine Uni ist halt kein 08/15-Privathaus, bei dem klassische Elektroarbeiten anfallen. Die Uni ist eine Stadt in der Stadt. Ein Großbetrieb mit Hörsälen, Bibliotheken, Museen, Instituten, Tierställen, einem Großrechenzentrum, Werkstätten, vielen Verwaltungsgebäuden - und in Bonn sogar mit einem Schloss. Das sorgt für Abwechslung. Und für Lieblingsorte. Fabio liebt alle Technikräume mit Mittelspannungsanlagen und die Dächer der Uni Bonn: „Wenn wir da hoch müssen zum Arbeiten, das ist mega.“
Merlinds Lieblingsort ist eigentlich ihr Lieblingsprojekt. Zusammen mit einem Kollegen hatte sie den Job, eine Lösung zu finden, um die Exponate in den Vitrinen des Mineralogischen Museums neu auszuleuchten. „Wir haben ganz viel überlegt, wie wir´s machen und wie wir die Farben der Mineralien so richtig zur Geltung kommen lassen“. Sie lacht: „Fast wie Innenarchitekten. Dabei habe ich viel von meinem Gesellen gelernt.“ Das habe Spaß gemacht, weil es eine neue Herausforderung war und mit Alublenden, LED-Stripes und Dimmern eine tolle Beleuchtung geschaffen wurde. „Es sieht so viel besser aus als vorher“, freut sie sich. Und genauso die Museumsbesucher*innen, die die Mineralien dank des neuen Lichts noch funkelnder wahrnehmen, als sie eh schon sind!
Aber auch der schönste Ort kann anstrengend sein. Das Viktoriahaus in den Botanischen Gärten ist so einer. „Das Gewächshaus ist absolut besonders, aber dort bei 45 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit an heißen Leitungen zu arbeiten, das schlaucht,“ verrät Fabio. „Ein stressiger Auftrag, ja. Aber mit guten Kollegen empfindet man auch die nervigste Arbeit als gut. Das Wichtigste ist, dass die Leute passen. Wir machen eigentlich immer das Beste draus und gestalten uns den Tag spaßig.“ Für den Spaß im Tropengewächshaus sorgte ein Kollege, der spontan die Dschungelbuch-Musik voll aufdrehte.
Was man wissen sollte, wenn man als Elektroniker*in an der Uni arbeitet? „Man macht feinere Arbeiten als Angestellte in einem Industriebetrieb“, meint Merlind. „Statt Schlitzen und Stemmen im Rohbau, arbeiten wir oft mit kleinen Bauteilen und müssen Lösungen für Probleme finden, die in Bestandbauten auftreten.“ Fabio mag genau das: „Wenn wir rausfahren und die einzige Info ist ‚da ist was kaputt‘ und wir uns auf die Fehlersuche machen. Oder wenn wir zwei Steckdosen tauschen sollen und dabei merken, oh, hier muss die gesamte Verteilung neu gemacht werden.“ Wer Spaß an Knobeln und Rätselraten habe und nicht so schnell die Geduld verliere, sei hier genau richtig. „Man darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen“, sagt Fabio. „Oft bekommen wir mit Bleistift beschriftete, uralte Zeichnungen von Gebäuden und haben erstmal keinen Plan, wo was ist, weil man auf den Skizzen kaum was erkennt. Dann ist´s wie im Escape-Room, wir schauen zusammen drauf, überlegen und gehen die Gänge ab, um zu checken, wo die Orte sein könnten, wo wir hinmüssen.“
Sebastian Klemmer, der Ausbilder von Merlind und Fabio, stimmt zu: „Ruhe und Besonnenheit sind extrem wichtig in unserem Job. Das vermitteln wir den Azubis von Anfang an. Fehlersuche kann dauern. Das muss man aushalten.“ Aber vor allem gehe es um Sicherheit: „Wir arbeiten mit Strom. Deshalb trichtere ich den jungen Leuten immer wieder ein, sich nicht hetzen zu lassen und dadurch womöglich schlampig zu arbeiten.“ Neben der Fähigkeit gelassen zu bleiben, achtet Klemmer bei der Azubi-Auswahl auf ein Interesse an Elektrotechnik und physikalischen Gesetzen. „Man sollte kein Zahlen-Legastheniker sein“, so Klemmer. „Dann kriegen wir das alles hin. Hat man die Grundformeln und Sicherheitsregeln einmal drauf, kann man darauf aufbauen. Und wer hinterherhinkt, der bekommt etwas mehr Zeit. Die nehmen wir uns hier.“ Übrigens auch vor den Prüfungen: An der Wand mit Schaltern und kleiner Verteilung bereiten sich die Azubis vor und üben Aufbauten. Immer mit der Möglichkeit, bei einem Kollegen aus dem 30-köpfigen Werkstattteam nachzufragen. „Das macht was aus und ich bin stolz, wenn ein Azubi mit zuvor mittleren Leistungen nach unseren Übungsphasen eine richtig gute Gesellenprüfung hinlegt.“
Es gibt ein paar Punkte, an denen Klemmer merkt, dass die neuen Azubis richtig „angekommen sind“: Sie stehen morgens nicht mehr in der Werkstatt und wissen nicht, wohin mit sich. Stattdessen erstmal alle begrüßen, Rucksack und Jacke wegräumen und Frühstücksbrötchen auspacken. „Das zeigt mir, jetzt gehören sie emotional dazu. Wenn wir dann auch noch nicht mehr alles erklären müssen und die fünf Sicherheitsregeln wie aus der Pistole geschossen kommen, sind sie technisch eine*r von uns.“ Im Betrieb spielen die Azubis von Anfang an eine große Rolle und sind Teil des Teams. Merlind und Fabio schätzen die Kollegialität und die persönliche Atmosphäre in der Werkstatt. Und ja, dazu gehöre auch mal ein typischer Handwerkerspruch. Das sei mal witzig und mal weniger, aber immer locker und „oft ist ja auch was Wahres dran“, schmunzelt Merlind und hat ein Beispiel: „Es ist nicht dumm, wenn´s funktioniert.“
Auch Klemmer lernt dazu, wenn er mit den jungen Menschen zusammenarbeitet: „Die Wesens-Typen von Azubis sind eigentlich immer gleich. Das kennen wir. Mal schüchterner, mal selbstbewusster. Was sich ändert, ist die Sprache.“ Klemmer lacht: „Da muss ich up to date bleiben und wissen, was ‚Schere‘* heißt.“
*Jugendsprache für „Sorry, das war ich. Ich habe Mist gebaut“