„Vorsicht! Rattengift gelegt“ steht in verblichenen Lettern auf einem großen Schild an der Tür.
Dahinter öffnet sich ein langer Gang mit einem unverputzten Tonnengewölbe und kahlen Wänden. Dort beginnt der Rundgang durch die Ausstellung mit einer „Ahnentafel“ aller Bonner Geschichtsprofessor*innen seit Gründung der Universität 1818. Acht Ausstellungsräume erwarten die Besucher*innen. Die Räume werden von Scheinwerfern und Leuchtröhren erhellt. In einigen Räumen hallt es, die Luft ist feucht. An manchen Stellen bröckelt der Putz. Es ist überraschend warm, mehrere Meter unter der Erde. Handyempfang? Fehlanzeige hier im Bunker.
Reise durch die Geschichte
Anlässlich des Historikertags im September 2025 konnten Interessierte in der Ausstellung „Intriganten, Pedanten und Biergenies – Schlaglichter auf die Bonner Geschichtswissenschaft im Wandel der Zeit“ hier drei Monate lang durch 200 Jahre Geschichtswissenschaft in Bonn reisen, von den Anfängen des Historischen Seminars bis heute. Die Ausstellung war ein wahres Gemeinschaftswerk: Geschichtsstudierende hatten im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts bei der Recherche und Ausstellungsgestaltung mitgewirkt. Zahlreiche Geschichts- und Uniinteressierte besuchten die Ausstellung. Einige davon haben selbst in Bonn studiert. „Viele von ihnen berichteten uns von ihren Erinnerungen an Professor*innen, das Institut oder die Fachschaftsarbeit zu ihrer Studienzeit, und füllten mit ihren Erlebnissen Lücken in der Überlieferung“, so Rohrschneider.
Weitere Räume wurden unter anderem umstrittenen, streitenden, jüdischen und weiblichen Historiker*innen der Bonner Geschichtswissenschaft gewidmet – mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen. Schreibtisch, Schreibmaschine, Aschenbecher, ein altes Jackett am Kleiderständer vor einem Bücherregal mit Bonner Schriftenreihen: So sieht das Büro eines Professors aus. Zwei Räume weiter liegt in einer Vitrine das Buch mit der kleinsten Zugangsnummer der Institutsbibliothek. Nebenan hängen Karikaturen und Darstellungen einzelner Institutsmitglieder.
Ein paar Schritte führen zum Talar von Professor Wilhelm Levison, dem ersten jüdischen Professor mit ordentlichem Lehrstuhl in Bonn.
Dass sich auch das Aufbewahren alter, scheinbar banaler Unterlagen und Broschüren lohnen kann, zeigt die anschauliche Sammlung von Verwaltungsunterlagen, Infoheften für Erstis und Ausgaben der Fachschaftszeitschrift „Historia aktuell“ in einer der Vitrinen, die aus dem privaten Fundus der Kurator*innen zusammengetragen werden konnte. Schätze aus dem Institut geben wertvolle Einblicke in die nicht immer kollegiale Zusammenarbeit am Historischen Seminar. Als Inspiration für den Namen der Ausstellung hat ein in der ULB aufbewahrter Brief des Historikers Karl Lamprecht gedient, der sich darin abschätzig über seine Kollegen am damaligen Bonner Historischen Seminar äußerte und sie als „Intriganten, Pedanten und Biergenies“ beschrieb. Diese und andere hier gezeigte Quellen werden künftig in der geplanten digitalen Fassung der Ausstellung zu sehen sein, sodass die Ergebnisse der Forschungs- und Ausstellungsarbeit nachhaltig gesichert werden und zugänglich bleiben.
Der Bunker ist der Star
„Der eigentliche ‚Star der Ausstellung‘ bleibt aber der Bunker selbst“, stellt Rohrschneider fest. Er gehört mit Dr. Simon Ebert, Alma Hannig und Sandra Müller-Tietz zum Kurator*innenteam.
Der Bunker wurde in den 1930er Jahren für das damals in der Konviktstraße ansässige Preußische Oberbergamt fertiggestellt. Wer ihn möglicherweise während des Zweiten Weltkriegs genutzt hat, lässt sich anhand der Akten nicht klären. Für die neue Ausstellung wurde der Bunker renoviert und in Sachen Brandschutz ertüchtigt. Neue Stromleitungen wurden gelegt und die Fluchtwege gesichert. Um nachhaltig nutzbare Ausstellungsräume zu schaffen, wurden Ösen und Halterungen mit Metallstangen für die Befestigung von Ausstellungspostern an den Wänden installiert, ein LED-Lichtrahmen und einige Bildschirme angeschafft, sowie Vitrinen aufgestellt.
Gerade die Wandhalterungen sollen eine künftige Realisierung von Ausstellungen mit geringen finanziellen Mitteln ermöglichen.
„Es bleibt natürlich ein Bunker mit feuchter Luft, bröckelndem Putz und besonderen konservatorischen Bedingungen, was bei der Planung und Gestaltung zukünftiger Ausstellungen und der Auswahl sensibler Exponate berücksichtigt werden muss“, so Müller-Tietz. Auch künftig werden die Ausstellungsräume aus Brandschutzgründen nur im Rahmen von besonderen Führungen zugänglich sein. Der Bunker bietet Raum für ausgefallene Ausstellungen in einzigartiger Atmosphäre, der zukünftig auch anderen Teams für ihre Ideen offenstehen soll, so das Kurator*innenteam. Jetzt warten diese Räume voller Geschichten auf neue Geschichten, die es dort unten zu erzählen gilt.