29. Juli 2026

Uni Bonn On Tour: Auf Grabung im römischen Ostia Uni Bonn On Tour: Auf Grabung im römischen Ostia

Bei dem Format stellen Bürger*innen Fragen, Archäolog*innen antworten von unterwegs

Forschende erzählen beim Format „Uni Bonn On Tour“ der Universität Bonn von ihren ungewöhnlichen Arbeitsorten rund um die Welt und geben Einblicke in ihren (Forschungs-)Alltag. Wovon sie genau erzählen, hängt dabei von den Bürgerinnen und Bürgern ab: Sie stellen die Fragen! Im September fahren Archäologin Prof. Sabine Feist und ihr Team nach Ostia, Italien, wo sie eine der ältesten und größten Kirchen sowie angrenzenden Bischofssitz inklusive prachtvoll ausgestatteter „Aula“ freilegen. Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, ihre Fragen an die Archäolog*innen per Mail an kommunikation@uni-bonn.de oder über den Instagram-Account der Universität @universitaetbonn zu stellen.

Freilegung einer Bestattung.
Freilegung einer Bestattung. © Archiv Ostia-Projekt
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Die Grabung ist am 5. September gestartet - und die ersten Fragen, die uns über E-Mail und Instagram erreicht haben, hat Professorin Sabine Feist bereits beantwortet:

Was wäre “der Fund”, den Sie sich wünschen würden?

Grabung Fläche
© Archiv Ostia-Projekt

 Eine Wasserleitung, die mit dem Namen Gallicanus gestempelt ist. Diese Namensstempel nennen die Besitzer des antiken Wohnblocks (Insula). Wenn wir eine Wasserleitung mit dem Namen Gallicanus finden würden, wüssten wir endlich, dass er Besitzer der Insula war - und das würde erklären, warum er die Kirche gemeinsam mit Kaiser Konstantin genau an dieser Stelle hat errichten lassen - ihm hätte der Baugrund gehört.

Was ist spannender: Laboranalyse, Bestimmung oder Ausgrabung?

Das Spannendste ist die Kombination von allem! Wir finden während der Grabung zum Beispiel Münzen, die uns bei der Datierung helfen. Die Münzen sind aber nicht mehr gut zu erkennen. Dann müssen sie erst einmal professionell gereinigt werden und erst dann kann man sie zeitlich einordnen. Wenn wir also eine Münze in einer spannenden Schicht finden, kann es sein, dass wir erst Wochen, nachdem wir schon längst wieder zurück sind, erfahren, von wann die Münze stammt und wie die gesamte Schicht datiert. 

Besprechung Grundriss und Mauerzüge des Grabungsfälche 2026.webp
Prof. Sabine Feist (rechte) in ihrem Element: Auf der Ausgrabungsstätte. © Archiv Ostia-Projekt

Beneidet man Paläontologen, wenn sie wieder einen Dinosaurier entdeckt haben?

Nein – sonst würden wir das Fach wechseln ;) Wir sind sehr glücklich damit, eine der ältesten Kirchen überhaupt ausgraben zu dürfen. Deshalb sind wir Archäolog*innen und keine Paläontolog*innen. 

Wie oft gräbt man an der falschen Stelle oder findet nicht das, was man vorher für wahrscheinlich gehalten hat?

Uni Bonn On Tour in Ostia: Apsis
© Archiv Ostia-Projekt

An der falschen Stelle graben wir dank moderner Technik zum Glück so gut wie nie. Dank der Geophysik wissen wir, wo sich die Außenmauern im Boden befinden, und wir messen unser Grabungsareal jedes Jahr mit GPS ein, so dass wir im nächsten Jahr genau wissen, wo wir weitermachen können. 

Wir finden nur sehr selten das, was wir uns vorgestellt haben - in den meisten Fällen werden unsere Erwartungen und Hoffnungen übertroffen. Unser Vorstellung davon, wie eine Kirche in konstantinischer Zeit ausgesehen hat, gründet eigentlich nur auf wenigen Informationen aus den Schriftquellen. Das heißt, wir haben ein vages Bild im Kopf von dem, was wir ausgraben, aber die Realität ist sehr viel spannender, weil es so viele Sachen gibt, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie existiert haben – wie zum Beispiel  eine spätantike Bischofsaula, die wir im vergangenen Jahr hier in Ostia freigelegt haben.

Welchen Erkenntnisgewinn erhält man, wenn man gefühlt die xte Kanalisation oder Kochstelle ausgegraben hat?

Heute wird nur noch das ausgegraben, was tatsächlich einen großen Erkenntnisgewinn verspricht. Wir graben nicht, um zu graben, sondern weil wir uns von dem Fundplatz Erkenntnisse versprechen, die uns in unserem bisherigen Bild der Vergangenheit noch fehlen. Bei unserer Grabung ist das eine der ersten Kirchen. Wir haben zwar eine vage Vorstellung davon, wie so eine Kirche ausgesehen haben soll, aber eigentlich ist das eher eine Rückprojektion späterer Kirchen auf die früheste Phase. 

Wie lange dauert die Vorbereitung für eine Ausgrabung? 

Vor- und Nachbereitungszeit gehen Hand in Hand und dauern eigentlich das gesamte Jahr zwischen zwei Kampagnen. Den Termin legen wir immer schon ein Jahr vorher fest. Das ist wichtig für unsere Unterkunft und die Anreise, aber auch für den Archäologischen Park von Ostia, wo wir graben. Das Leitungsteam – bestehend aus meinen Kollegen Professor Michael Heinzelmann von der Universität Köln und Professor Norbert Zimmermann vom Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Rom und mir – hat das Projekt von Beginn an geplant und eingeworben, wir sind immer dabei.

Die Studierenden können sich bewerben, wir nehmen sowohl Alte Hasen mit als auch Studierende, die vorher noch nie gegraben haben. Wir diskutieren, wo wir uns für die Kirche und die angrenzenden Bauten die meisten Ergebnisse erhoffen und legen dann die Fläche fest, die gegraben werden soll. Das dauert alles mehrere Monate. Kurz vorher wird es noch einmal stressig. Es muss viel Grabungsgerät eingepackt werden, Listen geschrieben werden, was wir vor Ort kaufen müssen, Pläne ausgedruckt werden usw.

Uni Bonn On Tour in Ostia: Apsis
Ausgrabung der Apsis. © Archiv Ostia-Projekt

Wer legt vor Ort fest, wer wo gräbt?

Uni Bonn On Tour in Ostia: Besprechung des Tages.webp
Wer wo gräbt, wird im Team besprochen. © Ostia Projekt

Wir sind immer mit dem gesamten Team auf der Fläche (Teamleitung, Mitarbeiter*innen, Studierende). Wir besprechen jeden Tag gemeinsam (Leitung, Mitarbeiter*innen und Schnittleitungen), was in dem Tag zu tun ist und wer wo gräbt. 

Wann wurde die Kirche ursprünglich fertig gebaut?

Die Kirche wurde 320-330 n. C. errichtet. Bauherr war Kaiser Konstantin der Große, der das Christentum legalisiert hat und unter dem zum ersten Mal überhaupt große Kirchen entstanden sind. Damit zählt die Bischofskirche von Ostia zu den ältesten Kirchen, die es gibt. Hinzu kommt, dass sie, anders als die anderen konstantinischen Kirchenstiftungen, in den folgenden Jahrhunderten nicht grundlegend verändert worden ist. Wir haben also das einzigartige Glück, eine tatsächlich konstantinische Kirche auszugraben 

Die Kirche von oben.
© Archiv Ostia-Projekt

Uni Bonn On Tour in Ostia

Auch wenn es auf der Landkarte kaum noch weiße Flecken gibt, viele Geheimnisse vergangener Zeiten bereits gelüftet sind und moderne Technologien Forschenden die Arbeit erleichtern: Forschungsreisen legen auch heute noch bisher Unbekanntes frei und üben eine besondere Faszination aus. Doch wie sieht der Alltag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor Ort tatsächlich aus? Wie lebt und arbeitet man sechs Wochen lang auf engstem Raum an Bord eines Forschungsschiffs in der Arktis? Wie fühlt sich der Forschungsalltag im Amazonas an? Wie werden archäologische Funde ausgegraben – und was passiert, wenn dabei einmal etwas schiefgeht?

Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhalten Bürgerinnen und Bürger im Format „Uni Bonn On Tour“. Dort können sie Forschenden ihre Fragen direkt stellen. Die Antworten werden auf der Website der Universität sowie auf dem Instagram-Kanal der Universität Bonn veröffentlicht. Ergänzt werden sie durch persönliche Einblicke in den Alltag auf Expeditionen und Exkursionen sowie in die wissenschaftliche Arbeit vor Ort.

Das nächste „Uni Bonn On Tour“ begleitet Prof. Dr. Sabine Feist von der Abteilung für Christliche Archäologie im September und Oktober auf Grabungskampagne ins römische Ostia.

Prunk und Pracht in Ostia

Unter Kaiser Konstantin dem Großen, dem wichtigsten Förderer des frühen Christentums und dem Initiator von monumentalen Kirchenbauten, entstand auf der Fläche des heutigen Archäologischen Parks Ostia Antica in der Nähe von Rom vor rund 1.700 Jahren eine der frühesten und größten Kirchen überhaupt – quasi das Vorbild für andere Monumentalbauten wie Kölner Dom oder Ulmer Münster – sowie ein angrenzender, prachtvoll ausgestatteter Bischofssitz.

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft graben dort seit 2023 Archäologinnen und Archäologen unter der Leitung von Professorin Sabine Feist und ihren Kollegen Professor Michael Heinzelmann von der Universität Köln und Professor Norbert Zimmermann vom Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Rom. Sie bringen unterschiedliche Disziplinen zusammen: Heinzelmann als klassischer Archäologe, Zimmermann mit einem Schwerpunkt auf Malerei und Feist auf Architektur. Emanuela Borgia von der Universität La Sapienza in Rom ist mit ihrem Team für Kleinfunde, vor allem Keramik, verantwortlich.

Bei ihren Ausgrabungen stießen die Forschenden im Jahr 2025 neben der riesigen Kirche auf den angrenzenden Bischofssitz samt monumentalem Saal. Diese „Aula“ entpuppte sich als eine Prunkhalle des Bischofspalasts – und war die eigentliche Überraschung der Grabungskampagne. „Wir haben aus der konstantinischen Zeit nichts Vergleichbares“, berichtet Sabine Feist, die auch Mitglied in dem Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Present Pasts“ sowie im Exzellenzcluster Bonn Center for Dependency and Slavery Studies (BCDSS) ist. „Die Bischöfe waren eine neue Klasse in der Spätantike, die sich erst etablieren mussten – da wurde nicht gespart.“

Im Zentrum der Grabungskampagne im September und Oktober stehen die Räume, die direkt an die Aula anschließen. „Auch für diese Räume haben wir keine Vergleichsbeispiele aus dem archäologischen Befund und wir wissen noch weniger aus den Schriftquellen“, sagt Sabine Feist. „Davon erhoffen wir uns neue Kenntnisse zu dem frühen Bischofswesen.“

Bürgerinnen und Bürger können ihre Fragen ab sofort per Mail an kommunikation@uni-bonn.de oder über den Instagram-Account der Universität @universitaetbonn einreichen. Ab dem 7. September werden die Antworten dann regelmäßig hier gepostet.

Zu Uni Bonn On Tour:

Es ist bereits das vierte Mal, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bonn im Rahmen von „Uni Bonn On Tour“ Fragen von Bürgerinnen und Bürgern beantworten. Die vorherigen Uni Bonn On Tour-Q&As gibt es auf der Uni-Bonn-On-Tour-Website. 

Zu den Ausgrabungen in Ostia:

Artikel in der forsch 2026/01: Ältester Bischofssitz mit Prunkt und Pracht

Podcast mit Professorin Sabine Feist: Prunk und Pracht ans Licht gebracht: Archäologische Grabungen in Ostia. Lass ma hören mit Dr. Sabine Feist im Mitarbeitenden-Podcast der Uni Bonn.

Projekt- Website

Grabung:
Prof. Dr. Sabine Feist
Abteilung für Christliche Archäologie
Universität Bonn
Tel.: +49 228 73-7454

E-Mail: sabine.feist@uni-bonn.de 

Uni Bonn On Tour:
Wissenschaftskommunikation, Dezernat Hochschulkommunikation
Universität Bonn
Tel.: +49 228 73 4987
E-Mail: kommunikation@uni-bonn.de 

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