Die Moxos-Ebenen in Bolivien zählen zu den monumentalsten archäologischen Landschaften des südwestlichen Amazonasgebiets. Sie überschneiden sich mit vielen saisonal dynamischen Feuchtgebieten, die eine große Artenvielfalt und reiche Tierwelt unterstützen. Einst prägten komplexe präkolumbische Gesellschaften diese Region durch großflächige Erdwerke, darunter Hügel, Dämme, Kanäle und Wassermanagementsysteme.
Die archäologischen, ökologischen und landschaftlichen Daten der Moxos-Ebenen zeigen, dass soziale Komplexität nicht zwangsläufig auf Monokulturen oder intensive Landwirtschaft im modernen Sinne angewiesen war. Vielmehr ist die Landschaft offensichtlich von vielfältigen, kombinierten Subsistenzstrategien geprägt, also beispielsweise von sowohl Landwirtschaft auf erhöhten Feldern als auch von Fischerei und Waldmanagement sowie von der Nutzung saisonaler Überschwemmungen. Diese ökologische Diversität und Flexibilität ermöglichte offensichtliche die extensive Bevölkerung sowie großflächige Erdarchitektur, ohne die Umwelt dauerhaft zu schädigen. „Diese nicht auf Expansion angelegten, sondern nachhaltigen Lebensweisen“, erklärt Prof. Dr. Carla Jaimes Betancourt von der Abteilung Altamerikanistik der Universität Bonn, „sind der heutigen konsumorientierten Wirtschaftsweise nicht von vornherein unterlegen. Das Verschwinden dieser Lebens – und Wirtschaftsformen“, erläutert die Altamerikanistin weiter, „ist vielmehr das Ergebnis kolonialer Eingriffe, der Landenteignung und später auch der industriellen Ausbeutungsmodelle“.
In der Amazonienforschung hatte sich bereits durchgesetzt, dass Regionen wie die Moxos-Ebenen nicht „unberührte Natur“ sind, sondern das Wissen indigenen Gesellschaften von mehreren Jahrtausenden hinweg umfassen. Lange Zeit aber wurde eine solche soziale Komplexität dann auch stets mit zwangsläufig intensiver Landwirtschaft, hohem Landnutzungsdruck oder sogar Monokulturen gleichgesetzt.
Neuere Arbeiten sowie Prof. Dr. Carla Jaimes Betancourt halten das nicht für zutreffend: „Viele dieser früheren Systeme sind heute natürlich nicht mehr auf den ersten Blick sichtbar, aber sie wirken nachwievor in Landschaftsstrukturen, in den Böden, in Vegetationsmustern und in indigenem Wissen weiter. Die Hoffnung liegt nicht in einer Rückkehr zur Vergangenheit, sondern darin, diese historischen Landschaften als Archive langfristiger Nachhaltigkeit für die Zukunft zu verstehen“, erklärt Jaimes Betancourt. „Die Moxo-Ebenen machen deutlich, dass komplexe Gesellschaften auf Diversität statt Vereinheitlichung beruhen können – eine Erkenntnis, die angesichts der aktuellen ökologischen Krisen hochaktuell ist“, sagt Jaimes Betancourt. Archäologische Forschung kann zum Verständnis der Vergangenheit beitragen und konkrete Impulse für den Schutz des Kulturerbes sowie für eine nachhaltige Regionalentwicklung liefern.
Expertise für den Schutz des Kulturerbes
Im November 2025 unternahm die Regionalregierung von Beni (Bolivien) einen Schritt zur Sicherung des biokulturellen Erbes, indem sie den Rechtsrahmen für das Regionalgesetz Nr. 52 zum kulturellen, archäologischen und paläontologischen Erbe von Beni verabschiedete. Auch wenn „weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen heute noch nicht beschrieben werden können“, erklärt Betancourt, „kann aber als strategisch bedeutendes Ergebnis des partizipativen Prozesses bereits der Aufbau archäologischer Fachstellen in der Departementsregierung des Beni und der Stadtverwaltung von Trinidad benannt werden. Diese können auf Zufallsfunde reagieren, können archäologische Fundstellen dokumentieren, Schutzmaßnahmen koordinieren und die Behörden als auch lokale Gemeinschaften beraten. Solche Strukturen gab es zuvor nicht“, resümiert die Bonner Wissenschaftlerin den bisherigen Erfolg, der bereits nach wenigen Monaten eingetreten war.
Die Behörden der Region müssen nun daran arbeiten, das Gesetz wirksam umzusetzen. Der Rechtsrahmen für Beni wurde in einem kontinuierlichen Dialog zwischen lokalen Gemeinschaften, staatlichen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftlichen Akteuren, darunter die „Grupo de Trabajo para los Llanos de Moxos“ – entwickelt. In partizipativen Workshops wurden zentrale Herausforderungen wie mangelndes Bewusstsein und unzureichende institutionelle Kapazitäten identifiziert; die Ergebnisse flossen in die Gestaltung rechtlicher und administrativer Schutzmechanismen ein. Das daraus entstandene Regelwerk schafft rechtliche und administrative Instrumente für den Schutz des Kulturerbes, betont die Beteiligung der Gemeinschaft sowie die Koordinierung über verschiedene Verwaltungsebenen hinweg und verankert den Schutz des Kulturerbes als Teil einer umfassenden Strategie für Naturschutz, Gebietsmanagement und eine nachhaltige regionale Zukunft – anstatt ihn als Entwicklungshemmnis zu betrachten. Obwohl das Gesetz den Schutz voranbringt, stellen wirtschaftliche Interessen und der zunehmende Druck auf die Landnutzung im bolivianischen Amazonasgebiet weiter Herausforderungen dar.
Modellcharakter
„In der Gesamtschau“, erklärt Prof. Dr. Carla Jaimes Betancourt, „erfordert ein wirksamer Fortschritt eine dauerhafte Beteiligung der Gemeinschaften, eine bessere Koordinierung zwischen den staatlichen Ebenen, die Integration des biokulturellen Erbes in die Raumplanung und in die Landnutzungspolitik sowie verstärkte Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit und den Ausbau institutioneller Kapazitäten.“
Besonderen Wert legt Betancourt auf dieses Ergebnis ihres Projektes in den Moxos-Ebenen: „Bei wachsendem Druck auf die Ökosysteme des Amazonas könnte diese Initiative als Modell für das Management des Kulturerbes und eine nachhaltige Landschaftsbewirtschaftung in der gesamten Region dienen.“