„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“ Wer hat sich nicht schon über diesen zugegeben vernünftigen, aber scheinbar genussfeindlichen Spruch geärgert? Immer, wenn wir kurzfristige und langfristige Konsequenzen gegeneinander abwägen, treffen wir sogenannte „intertemporale Entscheidungen“. „Sie prägen unseren Alltag“, sagt Studien-Koordinator Dr. Kristof Keidel vom Institut für Psychologie der Universität Bonn. So ist der Hang zum sofortigen Konsum auch in der Rock-Hymne „I want it all, I want it now“ (Ich will alles, und zwar sofort) verewigt. In vielen Fällen kommen aber größere Vorteile erst nach einem längeren Zeitraum zum Vorschein. Intertemporale Entscheidungen und der damit verbundene Verzicht sind eine Grundlage etwa für größere Anschaffungen, Gesundheit und Nachhaltigkeit.
Weder „falsch“ noch „richtig“
„Hierbei gibt es keine richtigen oder falschen Entscheidungen“, betont Keidel. „Es geht allein um persönliche Vorzüge, die natürlich auch jeweils durch die Situation geprägt sind.“ Bei überschaubaren Ressourcen kann es sogar besser sein, die kleinere Belohnung sofort zu wählen - weil nicht klar ist, ob morgen noch etwas übrig ist. Darüber hinaus hängen solche Entscheidungen häufig auch von der jeweiligen Stimmung ab: Wer Trost sucht, stürzt sich wohl eher in den sofortigen Konsum als derjenige, der sich auf die Zukunft freut.
Doch jenseits individueller Präferenzen deuten Befunde aus vorangegangenen Studien darauf hin, dass sich intertemporales Entscheidungsverhalten auch zwischen verschiedenen Ländern unterscheiden kann. „Wir wollen herausfinden, wie wir Menschen ticken und wie wir dazu beitragen können, dass Entscheidungen so gut wie möglich getroffen werden können“, sagt Keidel. Die Forschenden möchten den Kreis der zu Befragenden deshalb möglichst ausweiten und vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen durchführen.
Monetäre Belohnungen
Die Studie rückt Entscheidungen in den Mittelpunkt, die sich um Geld drehen. „Sie sind besonders gut vergleichbar und quantifizierbar“, begründet Keidel. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse darauf zu, wie Menschen in verschiedenen Ländern zukünftige monetäre Belohnungen einschätzen und welche Auswirkungen dies hat.
„Es handelt sich bei diesem Projekt um eine der größten Studien überhaupt zu intertemporalen Entscheidungen – sowohl in der Größe der Stichprobe als auch in der Anzahl der Länder“, sagt Prof. Dr. Ulrich Ettinger, der die Studie zusammen mit Dr. Kristof Keidel koordiniert. Mehr als 100 Forschende kooperieren in diesem Projekt und koordinieren die Befragung in 77 verschiedenen Ländern (https://www.psychologie.uni-bonn.de/de/institut/abteilungen/allgemeine-psychologie-experimentelle-klinische/tricc-project). Die Studie wird nicht durch Drittmittel gefördert, sondern von den beteiligten Forschungsgruppen getragen.
Die Befragung dauert nur wenige Minuten. Erwachsene können online an der Umfrage teilhaben: https://www.soscisurvey.de/tricc-project/. Teilnehmende tragen dazu bei, dass auch ihre Perspektiven einfließen, damit Entscheidungsverhalten weltweit aus wissenschaftlicher Sicht noch besser verstanden werden kann - und sie verhelfen der großen, internationalen Studie zum Erfolg. Die Ergebnisse sollen in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert und öffentlich zur Verfügung gestellt werden.