Accessibility - also Barrierefreiheit zur Inklusion von Nutzerinnen und Nutzern mit Einschränkungen - ist kein „Nice-to-have“-Feature, sondern ein Hebel für Reichweite, Kundenbindung und Reputation. Dies kann gerade für kleine Start-ups und junge Unternehmen dazu beitragen, sich von anderen abzuheben. Wer Accessibility früh mitdenkt, erschließt nicht nur bisher ausgeschlossene Nutzer*innengruppen, sondern baut Produkte, die insgesamt klarer, robuster und zukunftssicherer sind.
Indie-Games: Celeste als Vorbild für Gameplay-Accessibility
Celeste wurde vom Indie‑Studio Maddy Makes Games (heute Extremely OK Games) entwickelt – also kein AAA-Studio wie Rockstar, Capcom oder Sony Studios, die über ein riesengroßes Budget verfügen. Das preisgekrönte Spiel hat ein starkes Accessibility-Element: den Assist Mode. Spieler*innen und Spieler können bestimmte Parameter anpassen, wie etwa die Spielgeschwindigkeit reduzieren, Unverwundbarkeit aktivieren, Ausdauer erhöhen oder ganze Kapitel überspringen. Damit werden Spielerinnen und Spieler unterstützt, die aus kognitiven oder sensomotorischen (Augen-Hand-Bewegung) Gründen ein langsameres Gameplay benötigen, ohne dabei die Herausforderung zu verringern. Die Gameplay-Ziele in der Story und Narrative müssen immer noch erreicht werden, wobei hier lediglich eine Accessibility eingebaut wird.
Wichtig ist ebenfalls, dass diese Optionen nicht versteckt sind (wie in einem Geheimmenü oder mittels Code-Eingabe) und die Kommunikation explizit betont, dass jede Nutzung legitim ist und den „Sieg“ nicht entwertet.
Apps: Be My Eyes als Accessibility-first Start-up
Die dänische App Be My Eyes verbindet blinde und sehbehinderte Menschen mit sehenden Freiwilligen, und seit 2023 zusätzlich mit einem KI-gestützten Assistenten („Be My AI“) für visuelle Unterstützung in Echtzeit. Das Geschäftsmodell basiert nicht darauf, Accessibility nachträglich zu ergänzen, sondern darauf, Barriereabbau selbst zum Kernprodukt zu machen – ein klassischer Ansatz von „Accessibility-first“.
Be My Eyes verzeichnet weltweit mehrere Hunderttausend blinde Nutzerinnen und Nutzer und Millionen freiwillige Helferinnen und Helfer. Die App wird als eine der einflussreichsten Accessibility-Innovationen der letzten Jahre eingeordnet, etwa durch die Auszeichnung von Be My AI als eine der „Best Inventions“ von Time. Für Start-ups ist das ein starkes Signal: Wer radikal von den Bedürfnissen marginalisierter Nutzergruppen ausgeht, kann komplett neue Märkte und Ökosysteme schaffen – statt nur bestehende Produkte minimal anzupassen.
Brettspiele: Inclusive Imagination als Designlabor
Im Tabletop-Bereich zeigen kleine Initiativen wie die in USA als Start-up gegründete Inclusive Imagination, wie universelles Design von Anfang an aussehen kann. Bei ihren Spielen wie Enchant ICG, Apprencite ICG, Touch & See oder Galaxy Dice werden taktile Elemente, Braille-Beschriftungen, klare Layouts und kontrastreiche Farbgebung nicht als „Sonderedition“, sondern als Standardbestandteil jedes Spiels verstanden, damit blinde und sehende Spieler am gleichen Tisch spielen können. Was öfters als Zusatzelemente oder “Erweiterungen” von einigen Brettspielen vermarktet wird, ist bei Inclusive Imagination Bestandteil jedes Brettspiels.
Accessibility-Guidelines aus Brett- und sogar Computerspielen – hohe Kontraste, große Schrift, doppelte Codierung von Farben mit Symbolen oder Texturen, gut greifbare Komponenten – sind direct in den Spielmaterialien (Würfel, Figuren, Karten usw.) umgesetzt, ohne dass für ihre Nutzung Extra-Regeln verfolgt werden müssen. Start-ups, die physische Spiele oder hybride Formate entwickeln, können so zeigen, dass sie Accessibility-Verantwortung übernehmen und gleichzeitig ihre Zielgruppe erweitern, ohne eine Parallelversion pflegen zu müssen.
Was können Start-ups konkret daraus lernen?
Aus diesen Beispielen lassen sich u.a. drei praktische learnings mitnehmen:
- Früh anfangen: Celeste und Inclusive Imagination zeigen, dass Accessibility-Entscheidungen am Anfang des Spiele-Designs viel günstiger und konsistenter sind als spätere Anpassungen. Solche Ergänzungen werden auch als Inclusive Design bezeichnet.
- Betroffene einbeziehen: Alle drei Beispiele arbeiten eng mit beeinträchtigten Nutzer*innengruppen zusammen und erhalten, je nach Accessibility-Ansatz (kognitiv, visuell, haptisch) nützliche Zielgruppeninformationen, eine höhere Qualität, sowie persönliche Weiterempfehlungen von ihnen.
- Strategisches Wachstum und Finanzierung: Inklusive Produkte vergrößern die Zielgruppe und senken Abbruchraten. Sie sind für viele Venture Capitals ein Pluspunkt, weil Accessibility als Signal für Reife, Risikobewusstsein und ESG-Fit (Environment, Social, Governance) betrachtet wird.
Wie können Start-ups mit Accessibility starten?
Hier gibt es eine kurze Checkliste , mit der ihr gleich anfangen könnt, Accessibility in euren Projekten mitzudenken.
- Früh einplanen: Accessibility schon bei User Journeys, Wireframes und Komponentenbibliothek mitdenken. Nachträgliche Ergänzungen sind teurer und inkonsistenter.
- Zielgruppen realistisch sehen: Mindestens 15–16 % der Weltbevölkerung leben mit einer Behinderung (WHO-Bericht, 2023); mit inklusiven Elementen erreicht man eine breitere Kundengruppe und somit mehr Nutzerinnen und Nutzer.
- Betroffene einbeziehen: Menschen mit Behinderungen strukturiert ins Testing holen (Remote-Tests, Feedback-Runden, Advisory-Panel).
- Kleine Standards, große Wirkung: Kontrast, Schriftgröße, klare Sprache, Tastaturbedienbarkeit, alternative Eingaben und Fehlertoleranz sind bereits eine gute Basis, die ohne große Investition erreicht werden kann.
- Accessibility ins Pitch Deck holen: Im Pitch-Deck und in der Produktbeschreibung zeigen, welche Accessibility-Standards erfüllt sind – das signalisiert Investor*innen und Kund*innen Professionalität, Risikobewusstsein und Wachstumsfähigkeit