Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sections
Sie sind hier: Startseite Neues „Eskapismus ist eine Überlebensstrategie“
Datum: 17.04.2020

„Eskapismus ist eine Überlebensstrategie“ Anglistik-Professorin Irina Dumitrescu zur Rolle der Literatur im Überleben und Überwinden der Krise

— abgelegt unter: , ,

Über „die Rolle der Literatur im Überleben und Überwinden der Krise“ spricht die Anglistin und Schriftstellerin Professor Dr. Irina Dumitrescu in der Serie „Lebenszeichen“ der Universität Bonn. Die Fragen stellte Claudia Wallendorf.

Gibt es das Buch zur Corona-Krise?
Irina Dumitrescu: Mir ist aufgefallen, dass zum Beispiel in den Sozialen Medien derzeit häufig „Das Dekameron“ von Giovanni Boccaccio als Lektüreempfehlung genannt wird. Diese Novellen-Sammlung sei sozusagen die erste Literatur über die Corona-Pandemie. Boccaccio erzählt, wie die Pest in Florenz wütet, eine furchtbare und sehr detaillierte Schilderung. Einige junge Leute fliehen vor der Pest in ein Landhaus etwas außerhalb von Florenz und vertreiben sich dort die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten. Es geht darin um Spiel, Tanz und Sex, und alles ist schön und lustig. Ich denke, dass es sich dabei um eine Art Abwehr-Reaktion handelt. Die beste Literatur in einer Krisenzeit scheint mir diejenige zu sein, die uns ganz aus der momentanen Situation herausnimmt. Literatur, die es uns ermöglicht, in eine andere Welt einzutauchen. Das kann für jeden etwas Anderes sein, auch Unterhaltungsliteratur und Krimis. Ich habe zum Beispiel am vergangenen Wochenende den Krimi „The Big Sleep“ von Raymond Chandler gelesen.

Im Zusammenhang mit Lektüreempfehlungen gibt es aber den Einwand, die Hinwendung zu Literatur-Klassikern sei Eskapismus und daher die falsche Methode, um mit der aktuellen Situation umzugehen.
Dumitrescu: Das sehe ich anders. Eskapismus ist gut, denn es ist eine Überlebensstrategie. Die Menschen befinden sich in einem Trauer- und Schockzustand. Es ist eine sehr beängstigende Situation. In Krisenzeiten wenden sich die Menschen intuitiv schöpferischen Dingen zu. Das kann man auch jetzt beobachten: Gerade üben viele Menschen kreative Tätigkeiten aus. Die Künste, wozu ich übrigens auch die Kochkunst zähle, und die Wissenschaft ermöglichen es den Menschen, eine Perspektive jenseits der Gegenwart zu entwickeln. Das zeigen uns Beispiele von Menschen, die in politischen Krisenzeiten, in Gefangenschaft oder im Exil ihre intellektuellen Fähigkeiten und ihre erlernten Kulturtechniken genutzt und erweitert haben. In den Lebenserinnerungen rumänischer politischer Gefangener, die ich erforscht habe, gibt es zum Beispiel eine 16-Jährige, die Englisch gelernt hat, indem sie neu erlernte Wörter auf gestohlene Seifenstücke kratzte. Ein Mathematiker hat im Kopf Schach-Partien gespielt. Man hat sich Geschichten erzählt. Das Problem bei politischen Krisen ist, dass man in einer Lage gefangen ist, die im Moment keinen Ausweg bietet. Literatur und Wissenschaft jedoch helfen uns, dieser Situation zumindest auf geistiger Ebene zu entfliehen. Das ist anstrengend, aber es ist lebenswichtig. Es geht um Selbstachtung und um Empathie für einander. Gerade wenn man unter menschenunwürdigen Bedingungen leben muss oder wenn im Gefängnis die Gefangenen gegeneinander ausgespielt werden sollen, sind diese Empfindungen von existenzieller Bedeutung, denn dadurch verteidigen wir unsere Menschlichkeit.

Wenn es um die Bedeutung der Literatur in Krisenzeiten geht, denkt man in erster Linie ans Lesen. Bewerten Sie Lesen auch als Ausdruck von Kreativität oder ist es womöglich nur ein bloßes Konsumieren von Literatur?
Dumitrescu: Auf gar keinen Fall. Lesen ist ein aktiver Vorgang. Der Leser knüpft ein imaginatives Band zum Autor und fühlt sich mit ihm verbunden. Es ist ein magischer Vorgang, der an das Unterbewusstsein andockt. Im Lesen wird kreativ das aus der Literatur herausgeholt, was man gerade braucht. Die Bücher werden quasi beim Lesen immer wieder neu geschrieben. Bücher, die in Krisenzeiten oder unter widrigen Umständen entstanden sind, können eine wertvolle Hilfe sein. Denn die Erfahrungen von Menschen in einer ähnlichen Situation wie der eigenen können zeigen, wie man diese überstehen kann. Sie vermitteln Trost und Zuversicht, dass die schweren Zeiten auch vorbei gehen werden, ohne die derzeitige Lage zu verharmlosen.

Hat man in Krisenzeiten wirklich mehr Zeit zum Lesen oder für andere schöne Dinge?
Dumitrescu: Ich habe das Gefühl, dass sich das Zeit-Empfinden in einem paradoxen Spannungsverhältnis befindet. Einerseits geschieht während einer Katastrophe alles wahnsinnig schnell, fast zu schnell, um die Krise noch angemessen zu managen. Andererseits zeigt uns die Krise, wie langsam sich Geschichte ereignet. Krisen schaffen einen Freiraum, um Dinge zu tun, für die man sich sonst keine Zeit nimmt, obwohl die Zeit auch sonst dafür da wäre. Ob Musik, Tanzen oder Schreiben – plötzlich besinnt man sich darauf. Es ist wichtig, dass man sich zeitweise aus dem Strom der Katastrophen-Nachrichten bewusst herausnimmt, dass man sich davon erholt. Bücher zu lesen bedeutet ja letztlich, auch mal Zeit für sich allein zu haben.

Wird der Hunger nach Kunst und Kultur, die Wertschätzung für Konzerte und Lesungen im Live-Stream sowie andere kreative Projekte auch nach der Krise anhalten? Wie bewerten Sie die Qualität von Literatur und anderer schöpferischer Dinge, die in Krisenzeiten entstehen?
Dumitrescu: Zur ersten Frage: Ich denke schon, dass sich das nach der Krise wieder normalisiert. Kunst und Kultur werden dann nicht mehr so im Fokus stehen wie gerade jetzt. Was die zweite Frage angeht: Wir sollten bei der Bewertung von Krisenliteratur oder Krisenkunst nicht so elitär sein. Diese elitäre Herangehensweise ist auch dem Perfektionismus geschuldet, der uns umgibt. Wir sind es gewohnt, dass uns zum Beispiel eine perfekte und fehlerfreie Konzertaufnahme geboten wird. Dass damit nicht jede Aktion im Internet mithalten kann, ist klar. Aber alles, was uns in der Krise hilft, ist erstmal gut und hat seine Berechtigung. Es ist in psychologischer Hinsicht wichtig. Die künstlerische Bedeutung ist nicht so wichtig. Denn selbst wenn es sich nicht um Meisterwerke handelt, haben diese Schöpfungen ihren Wert. Meiner Meinung nach wäre die Welt ein schönerer Ort, wenn viel mehr Menschen schlechte Kunst machen würden.

Im Jahr 2016 haben Sie eine Sammlung von Essays und Gedichten unter dem Titel „Rumba Under Fire: The Arts of Survival from West Point to Delhi“ veröffentlicht. Der „Guardian“ hat dieses Buch kürzlich als eine geeignete Lektüre während der Corona-Krise empfohlen. Was kann man aus dieser Aufsatzsammlung lernen?
Dumitrescu: In „Rumba Under Fire“ geht es um die Bedeutung der Geisteswissenschaften und Künste in Krisenzeiten. Es sind analytische, emotionale, historische und persönliche Geschichten, die zeigen wie Menschen in politischen Krisensituationen kreativ sind, wie sie lernen und lehren, Kunst und Wissenschaft betreiben. Rumänische Gefangene zum Beispiel, die unter dem Ceausescu-Regime in Einzelhaft gehalten wurden, teilen ihre Gedichte im Morsecode miteinander, indem sie auf ihre Stühle klopfen oder sie bewegen, damit sie quietschen. Ein inhaftierter Professor für Englisch schreibt seine Vorlesungen mit Schnur und bindet Knoten für jeden Buchstaben. Es geht in dem Buch nicht darum, eindeutige Lösungen für Krisen anzubieten, sondern es ist ein Versuch, daran zu erinnern, wie wichtig das intellektuelle Menschsein und kulturelle Bildung sind. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Wissenschaft gibt uns das Rüstzeug, um Krisenzeiten besser zu überstehen. Die Beschäftigung mit Literatur ist keine Glasperlenspielerei. Literatur hat immer etwas mit Menschen zu tun, mit dem imaginären Durchleben ihrer Ängste und Sehnsüchte, ihrer Konflikte. Deshalb hat Literatur uns immer etwas zu sagen.


Prof. Dr. Irina Dumitrescu ist Geschäftsführende Direktorin am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn. Sie hat den Lehrstuhl für Englische Mediävistik inne.
Kontakt: [Email protection active, please enable JavaScript.]

Das Buch „Rumba Under Fire: The Arts of Survival from West Point to Delhi“ ist sowohl im Druck als auch über Open Access erhältlich:
https://punctumbooks.com/titles/rumba-under-fire/

Podcast: https://www.megaphonic.fm/spouter/27b

 

Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!

Das Dezernat für Hochschulkommunikation veröffentlicht unter dem Titel: „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ Beiträge aus der Universität Bonn, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Als Bildungseinrichtung will die Universität Bonn damit auch in schwierigen Zeiten im Diskurs bleiben und die universitäre Gemeinschaft fördern. In loser Folge erscheinen dazu auf der Website der Universität Bonn Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

Artikelaktionen