19. Dezember 2016

Das Erbe der „Magischen Laterne“ Das Erbe der „Magischen Laterne“

Eine Sinologin der Universität Bonn hat erforscht, wie das frühe Kino im kaiserlichen China Fuß fasste

Vom Ein-Mann-Unterhaltungstheater in Hongkong und Schanghai zur Verfilmung der Peking-Oper „Der Berg Dingjun“: Die Sinologin Dr. Meimei Xu hat an der Universität Bonn die frühe Filmgeschichte Chinas erforscht. Sie erklärt: Ein wichtiger Faktor, das neue Medium im Kaiserreich bekannt zu machen, waren ausgerechnet die Kämpfe des „Boxeraufstands“.

Dr. Meimei Xu im Kino-Museum in Schanghai
Dr. Meimei Xu im Kino-Museum in Schanghai - vor chinesischen Kinoposters. Die Plakate zeigen eine enge Beziehung zwischen der frühen Filmgeschichte und der traditionellen chinesischen Oper. © Foto: Yuwen Zhou

Der Kompass, das Schießpulver, das Porzellan, der Buchdruck – viele technische Meisterleistungen entstanden in China. Mit der Kunst, bewegte Bilder auf Filmstreifen zu bannen und auf Leinwänden abzuspielen, verhält es sich ausnahmsweise andersherum: Was die Chinesen „Diàn ying“ nennen (Elektrische Schatten), kam als Import aus Europa an die Ufer von Jangtse und Huanghe. Die junge Bonner Sinologin Dr. Meimei Xu hat jetzt an der Universität Bonn untersucht, wie das Medium gegen Ende des 19. Jahrhunderts im kaiserlichen China Fuß fasste. Die 31-Jährige stammt aus Tiantai in der Provinz Zhèjiang südlich von Schanghai und hat ihre Dissertation bei Prof. Dr. Wolfgang Kubin erarbeitet.

Zeitungsanzeigen als wertvolle Quelle

Für den europäisch-chinesischen Technologietransfer hatte die „Laterna Magica“ den Boden bereitet, ein im 17. Jahrhundert (wahrscheinlich in den Niederlanden) entwickeltes Projektionsgerät: In einen beleuchteten Kasten wurden bemalte Glasscheiben eingeschoben, die Motive erschienen durch Linsen vergrößert an der Wand. In China galt die „Magische Laterne“ als Kuriosum zwischen Kunst und Zauberei, vorgeführt in reisenden Varietétheatern – oder verwendet von Missionaren, um dem chinesischen Publikum die Inhalte des christlichen Glaubens nahezubringen. Am populärsten bei den Zuschauern seien jedoch europäische Landschaftsbilder gewesen, berichtet Dr. Xu: „Das fanden die Chinesen einfach sehr exotisch.“

Schon bald nach Erfindung des „Kinematographen“ durch die französischen Gebrüder Lumière kam die neue Technik nach China, berichtet Dr. Xu weiter: „In Hongkong gastierte 1897 Maurice Chavet, in Schanghai gleichzeitig Harry Welby Cook.“ Beide waren reisende Unterhaltungskünstler; Chavet benutzte einen Lumière’schen Kinematographen, Cook ein „Animatoskop“, wahrscheinlich aus England. Was auf dem Programm stand, „wissen wir leider nicht“, bedauert Dr. Xu. Wie die Forscherin erklärt, war dies ein Hauptproblem bei der Untersuchung: Es liegt kaum Quellenmaterial vor. Dr. Xu hielt sich ausschließlich an die harten Fakten: „Als erstes muss man die reine Geschichte rekonstruieren. Die Interpretation kommt später.“ Als hilfreich erwiesen sich vor allem Anzeigen in der Schanghaier „Shenbao“, der damals meistgelesenen chinesischsprachigen Tageszeitung. Auf diesem Weg fand Dr. Xu ursprünglich auch das Thema ihrer Arbeit: „In Beijing machte ich ein Seminar über diese Zeitung – und mir fiel auf, wie viele Anzeigen es für Kinoprogramme gab.“

Der „Boxeraufstand“ auf Zelluloid

Zum Prüfstein für die junge Technik geriet zwei Jahre später der Kampf der Bewegung „Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie“ gegen die acht Kolonialmächte zwischen 1899 und 1901 (in Deutschland als „Boxeraufstand“ bekannt). Dr. Xu: „In dieser Zeit hat sich das Kino im chinesischen Bewusstsein vom Kuriosum zum Massenmedium entwickelt.“ Westliche Filmteams drehten zahlreiche Dokumentationen über die Ereignisse, erzählt die Forscherin. „Die Tendenz der Filme hängt vom Urheber ab.“ Englisches Zelluloid zum Beispiel zeigte dezidiert antichinesische Propaganda; das amerikanische hingegen bemühte sich um eine neutrale Darstellung des Konflikts. Interessierte Chinesen nutzten bald die Gelegenheit, sich mit den Möglichkeiten der laufenden Bilder bekannt zu machen – denn die westlichen Filmemacher brauchten Hilfskräfte vor Ort. Dr. Xu bilanziert: „Dadurch wurde das Wissen über diese Technik auch in die chinesische Bevölkerung getragen.“

So dauerte es nicht lange, bis der erste „echt chinesische“ Film entstand: eine Aufnahme von Szenen der chinesischen Oper „Dingjun Shan“ (Der Berg Dingjun), die von einer bedeutenden Schlacht im Jahre 219 erzählt. „Der Film stammt aus dem Jahr 1905. Der Pekinger Fotostudiobesitzer Ren Fengtai kaufte eine Filmkamera, engagierte einen Kameramann und hat ihn sich einfach auf der Bühne aufstellen lassen, weil er ein großer Fan dieser Oper war.“ Leider ging die einzige Kopie des Streifens in den 1940er Jahren durch Feuer verloren.

Heute spielt die Volksrepublik auf den weltweiten Filmmärkten ganz vorne mit: So entstanden im Jahre 2011 insgesamt 584 Filme, an denen chinesische Produzenten die alleinige oder mehrheitliche Beteiligung besaßen – Rang 3 nach Indien (1255) und den USA (819). Bei den Einspielergebnissen sieht es ähnlich aus: Umgerechnet 3,6 Milliarden US-Dollar gingen im Jahr 2013 zwischen der Mandschurei und der Insel Hainan über die Kinokassentheken – zweitgrößter Wert der Welt nach dem gemeinsamen amerikanisch-kanadischen Markt mit zusammen 10,8 Milliarden Dollar.

Publikation: Xu, Meimei: Knowledge Development – Cinema in China prior to WWI, Internet: http://hss.ulb.uni-bonn.de/2016/4309/4309.htm

Kontakt für die Medien:

Dr. Meimei Xu
Tel.: 0178 / 4720754
E-Mail: xiaopascal@gmail.com

Dr. Meimei Xu promovierte an der Universität Bonn
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