14. September 2015

Woher kam die Macht des Dalai Lama? Woher kam die Macht des Dalai Lama?

Professor Peter Schwieger von der Uni Bonn untersucht ein wichtiges Kapitel der tibetischen Geschichte

Wer herrschte über Tibet – der Dalai Lama oder die Kaiser Chinas? In seinem Buch „The Dalai Lama and the Emperor of China“ untersucht der Tibetologe Prof. Dr. Peter Schwieger vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn jetzt die historischen Hintergründe zu dieser Frage. Er stellt fest: Völlig frei vom starken Einfluss ihrer Nachbarn - zum Beispiel Chinas, aber auch der Mongolen - war die tibetische Politik nie. Das Buch ist in der Columbia University Press in New York erschienen.

Prof. Dr. Peter Schwieger
Prof. Dr. Peter Schwieger - vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn mit einer tibetanischen Schrift. Davor sein neues Buch "The Dalai Lama and the Emperor of China". © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn

Das traditionelle politisch-gesellschaftliche System Tibets basierte auf der sozialen Position des „Trülkü“. Mit diesem Begriff werden im Tibetischen Personen bezeichnet, die als Emanation einer spirituell bedeutenden Wesenheit und als Re-Inkarnation erleuchteter geistlicher Lehrer gelten. Mit der sozialen Position des „Trülkü“ waren religiöse, wirtschaftliche, rechtliche und politische Funktionen verbunden. Es gibt viele verschiedene „Trülküs“; der bekannteste von ihnen ist der Dalai Lama. In seinem neuen Buch „The Dalai Lama and the Emperor of China“ untersucht der Tibetologe Prof. Dr. Peter Schwieger vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn die Entwicklung dieses Amtes – und wie es sich mit seinen mächtigen Nachbarn vertrug, den Kaisern von China.

Urkunden in tibetischer Schreibschrift

Für seine Studie versuchte Prof. Schwieger den Kreis der benutzten Quellen deutlich zu erweitern. Bislang sei die Geschichte Tibets „vor allem auf Basis historiographischer Quellen beschrieben worden“ – nach absichtlich als „Geschichtsschreibung“ gedachten Aufzeichnungen also. Insbesondere die englischsprachige Tibetologie habe sich bislang überwiegend auf solche Quellen gestützt, kritisiert Schwieger: „Nicht berücksichtigt wurde, dass es in großem Umfang andere Quellen gibt: Urkunden, Akten und Briefe. Aus ihnen gewinnt man ein anderes Bild der Geschichte – freier von Tendenzen.“ Prof. Schwieger hat solche Aufzeichnungen in tibetischen Archiven zusammengesucht und ausgewertet.

Das schreibt sich schneller, als es getan war. Viele Urkunden sind in sehr schlechtem Zustand oder - falls sie in Tibet verblieben sind - je nach politischer Großwetterlage für westliche Forscher gar nicht erst zugänglich. Zuweilen musste sich der Bonner Experte daher auch mit Abschriften und Editionen begnügen, deren Zuverlässigkeit nicht immer restlos geklärt werden konnte. Außerdem sind die Texte nicht in tibetischer Druckschrift gehalten, sondern in verschiedenen Schriftarten, darunter auch sehr schwer lesbare Schreibschriften.

In seinem Buch beschreibt Prof. Schwieger das politische Ringen diverser Akteure innerhalb und außerhalb Tibets. So konkurrierten nördlich des Landes mongolische Völkerschaften miteinander; im Osten eroberte im Jahre 1644 die mandschurische Dynastie der „Qing“ (gesprochen: tsching) den chinesischen Kaiserthron von der Vorgängerdynastie, den legendären Ming. Mongolische Herrscher und chinesische Kaiser versuchten ihre Macht auch auf Tibet auszudehnen und griffen dabei immer wieder massiv in dessen Politik und Verwaltung ein; Fernziel war laut Prof. Schwieger „die Bildung eines innerasiatischen Großreichs“.

Die „Gelbmützen“: Ein Faktor unter vielen

In Tibet waren die Dalai Lamas zunächst nur ein Faktor unter vielen – sie standen an der Spitze der buddhistischen Schule der „Gelugpa“ (Gelbmützen). Erst im Laufe komplizierter Auseinandersetzungen „gewann die Linie der Dalai Lamas ihre Macht in Tibet“, sagt Prof. Schwieger – zunächst im 17. Jahrhundert mit Hilfe mongolischer Unterstützung, dann im 18. Jahrhundert durch das Eingreifen der Qing-Kaiser. Es entwickelte sich ein enges Verhältnis zwischen der religiös-politischen Elite Tibets und dem chinesischen Kaiserhof, von dem beide Seiten zu profitieren wussten: Erstere brauchten eine militärische Stütze ihrer Macht, letztere im Gegenzug die spirituelle Legitimation ihrer militärischen Vorherrschaft in Innerasien. Die Herrscher auf dem Drachenthron erreichten Stabilität am Westrand ihres Imperiums; die „Gelbmützen“ konnten geistliche und innenpolitische Herrschaft in einer Hand vereinen – in der Person des Dalai Lama in der Potala-Burg in Lhasa. Es entstand eine Art „buddhistischer Gottesstaat“ – obwohl es im Buddhismus keine Gottesvorstellung gibt. „Max Weber hat es eine »Hierokratie« genannt“, sagt Prof. Schwieger – „eine »Herrschaft des Heiligen«.“

Ein Ergebnis der Untersuchung ist also, „dass die Kaiser der Qing-Dynastie ab dem frühen 18. Jahrhundert die Institution der re-inkarnierten Geistlichkeit in Tibet in einem großen Maße mitgeprägt haben.“ Erst als das Kaiserreich 1911 aus innerer Schwäche zusammenbrach, konnte der Amtsvorgänger des derzeitigen Dalai Lama eine Art De-facto-Unabhängigkeit Tibets etablieren. Somit ist einer der größten Störfaktoren im heutigen Verhältnis vieler Länder zu China auch ein Ergebnis chinesischer Politik.

Publikation: Schwieger, Peter: The Dalai Lama and the Emperor of China. A Political History of the Tibetan Institution of Reincarnation. Columbia University Press, New York 2015, 352 S., 50,00 US-Dollar / 34,50 britische Pfund

Kontakt für die Medien:

Prof. Dr. Peter Schwieger
Institut für Orient- und Asienwissenschaften
Universität Bonn
Tel.: 0228/737465
E-Mail: pt.schwieger@uni-bonn.de

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