13. September 2015

Sport zwischen Folter und Freiraum Sport zwischen Folter und Freiraum

Wissenschaftliche Tagung an der Universität Bonn zu Konzentrations-, Straf- und Internierungslagern

Stundenlanges Exerzieren in glühender Hitze oder eisiger Kälte: In Konzentrations- oder Straflagern wurde Sport häufig als Folterinstrument eingesetzt. Doch Lagerinsassen organisierten körperliche Aktivitäten oft auch in eigener Regie, um sich Freiräume zu verschaffen. Die Lagerwächter wiederum waren dann teils auch Zuschauer. Diese Ambivalenz des Sports in Straf- und Internierungslagern beleuchten Osteuropa-Historiker der Universität Bonn von Mittwoch bis Freitag, 23. bis 25. September, mit der englischsprachigen wissenschaftlichen Tagung „Violence, Discipline and Leisure: Sport in Penal and Internment Camps“. Zu den öffentlichen Veranstaltungen sind Journalisten und Interessierte herzlich willkommen.

Sport im Konzentrationslager Ausschwitz (1945):
Sport im Konzentrationslager Ausschwitz (1945): - Thomas Geve malte dieses Bild als Kind aus Papiermangel auf die Rückseite einer Registrierungskarte. © Repro: mit freundlicher Genehmigung von Thomas Geve

„Nachmittags mussten wir zum Exerzieren antreten. Die alten Lagerinsassen nannten es `Sport´. [...] Auf dem riesigen Appellplatz lag heiße Sonne, vier SS-Scharführer erwarteten uns, empfingen uns und vor allem die heranhumpelnden Fußkranken [...]: wir werden Euch schon fertig machen! Dann hieß es Laufschritt, marsch, marsch!“, erinnert sich Friedrich Maase an den Alltag im Konzentrationslager Sachsenhausen.

„Sport in Internierungslagern war ein zweischneidiges Schwert“, sagt Dr. Dittmar Dahlmann, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Bonn im Ruhestand. Einerseits sei Sport als ein Folterinstrument zur Drangsalierung der Insassen missbraucht worden. Andererseits ermöglichte sportliche Betätigung Freiräume, in denen zumindest zum Teil eine selbstbestimmte Organisation gelebt wurde. „Sport konnte auch Souveränität bedeuten, die es ermöglichte, nach selbst gewählten Regeln zu agieren und sich damit zumindest temporär den Autoritäten des Lagers zu entziehen“, sagt Dr. Anke Hilbrenner, Privatdozentin an der Universität Bonn. Darüber hinaus diente Sport auch als Unterhaltung - für Lagerwächter wie für Lagerinsassen gleichermaßen.

Wechselspiel von Repression und Selbstorganisation

Die Tagung „Violence, Discipline and Leisure: Sport in Penal and Internment Camps“ (Gewalt, Disziplin und Freizeit: Sport in Internierungs- und Straflagern) zeigt das Wechselspiel von Repression durch die Lagerleitung und Selbstorganisation der Insassen in Lagern des 20. Jahrhunderts auf. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache am Donnerstag und Freitag, 24. und 25. September, im Gebäude des Instituts für Geschichtswissenschaft, Konviktstraße 11, statt.

Am Mittwoch, 23. September, um 18 Uhr wird die Tagung im Hörsaal V des Universitätshauptgebäudes eröffnet. Der international renommierte Lagerexperte Dr. Alan Kramer, Professor für Europäische Geschichte am Trinity College Dublin wird zunächst mit seinem Vortrag: „The World of Camps. A Protean Institution in War and Peace” Errungenschaften und Desiderate der Lagerforschung generell aufzeigen. Anschließend werden in vier thematischen Panels die unterschiedlichen Lagerformen genauer diskutiert. Im ersten Schwerpunkt geht es um Kriegsgefangenenlager. Sport gehörte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zur militärischen Ausbildung. Die Lagerbehörden nutzten die körperliche Betätigung deshalb zur Deeskalation und Ablenkung der Gefangenen.

Im zweiten Panel werden nationalsozialistische Konzentrationslager und Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion thematisiert. Dort wurde Sport vor allem als Repressionsmaßnahme eingesetzt, diente aber auch unter diesen Bedingungen extremer Gewalt der Selbstermächtigung bestimmter, „privilegierter“ Häftlingsgruppen. Der dritte Themenschwerpunkt dreht sich um Flüchtlings- und Migrantenlager. Mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert, war und ist Sport eine Möglichkeit, den Alltag mit Sinn zu füllen. Damit berührt die historische Tagung ein höchst aktuelles Thema. Im vierten Themenblock geht es um Lager für politische Gefangene, die körperliche Aktivität als Strategie der Selbstbehauptung nutzten und damit die Fremdbestimmung der Internierung unterliefen.

Am 24. September findet um 18.00 Uhr in Hörsaal II des Universitätshauptgebäudes eine weitere öffentliche Veranstaltung statt. Dr. Meinhard Stark, Autor zahlreicher Bücher über den Gulag, das sowjetische Lagersystem, spricht mit drei Zeitzeugen über „Sport im Gulag“.

Die interdisziplinäre Tagung bringt auf bisher nie dagewesene Weise Gewalt- und Sporthistoriker zusammen. „Sport und Lager, ja mehr noch, Sport und Gewalt – diese beiden Themen zusammen zu betrachten rührt, sowohl in der Erinnerung der Opfer als auch in der Wissenschaft, vielfach an ein Tabu“, sagt Dr. Hilbrenner. Die Tagung in Bonn ziele darauf, dieses Tabu zu überwinden.

Informationen zur Tagung im Internet:
www.osteuropa.uni-bonn.de


Kontakt für die Medien:

PD Dr. Anke Hilbrenner
Osteuropäische Geschichte
Universität Bonn
Tel. 0179/4983512
E-Mail: a.hilbrenner@uni-bonn.de

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann
Osteuropäische Geschichte
Universität Bonn
Tel. 0228/737393
E-Mail: d.dahlmann@uni-bonn.de

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