31. Juli 2026

Von Goethe bis zur Uni-Ente: Die Universität im Bonner Karneval Von Goethe bis zur Uni-Ente: Die Universität im Bonner Karneval

Karl-Heinz Erdmann zeichnet eine mehr als 200-jährige Verbindung nach

Professoren als politische Büttenredner, ein späterer Literaturnobelpreisträger auf dem Maskenball, wissenschaftliche Feldforschung am Rosenmontagszug und eine Exzellenzfeier auf dem Karnevalswagen: Die Geschichte der Universität Bonn ist eng mit dem Bonner Fastelovend verbunden. Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Bonn und hat diese besondere Beziehung untersucht.

Uni Bonn im Karneval
Uni Bonn im Karneval - Beim Rosenmontagszug in Bonn ist die Universität jedes Jahr mit zwei Wagen vertreten. © Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
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Anlässlich des 200-jährigen Bestehens des organisierten Bonner Karnevals zeichnet Prof. Erdmann die Verbindung von Hochschule, Stadtgesellschaft und Fastelovend nach. Sie reicht von den ersten Bonner Professoren, die Johann Wolfgang von Goethe für den rheinischen Karneval begeisterten, über den revolutionären Hochschullehrer Gottfried Kinkel und den Kunsthistoriker Heinrich Lützeler bis zu den heutigen Rektoratsempfängen, dem Forschologicum und der Teilnahme der Universität am Rosenmontagszug.

Nach Einschätzung Erdmanns ist die örtliche Universität in keiner anderen deutschen Karnevalshochburg über einen Zeitraum von 200 Jahren so intensiv an der Ausgestaltung des Festes beteiligt gewesen wie in Bonn.

Mit Professor Erdmann sprach Uni-Sprecher Prof. Dr. Andreas Archut. 

Interview mit Karl-Heinz Erdmann 

Herr Professor Erdmann, Sie bezeichnen die Universität als eine Konstante im Bonner Karneval. Was macht die Verbindung so besonders?

Die Universität steht nicht einfach am Rand und schaut dem närrischen Geschehen zu. Ihre Angehörigen haben den Bonner Karneval über viele Generationen hinweg aktiv mitgestaltet. Professoren, Studierende, Mitarbeitende und Mitglieder der Universitätsleitung waren als Ideengebende, Vortragende, Forschende, Gastgebende und natürlich als Feiernde beteiligt. Umgekehrt hat der Karneval der Universität immer wieder einen Spiegel vorgehalten. Diese Verbindung reicht praktisch bis in die Gründungszeit der Universität zurück.

Welche Spuren finden sich in den Anfangsjahren?

Schon in den 1820er-Jahren gehörten Bonner Professoren zu den frühen Unterstützern des modernen rheinischen Karnevals. Der Mineraloge Johann Jakob Noeggerath und der Botaniker Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck standen mit Goethe in Verbindung. Nees von Esenbeck berichtete ihm begeistert vom Kölner Karneval. Schließlich verfasste Goethe 1825 sein Gedicht „Der Cölner Mummenschanz“. Bonner Wissenschaftler haben damit zumindest indirekt dazu beigetragen, dem neuen Festmodell literarische Anerkennung zu verschaffen.

Kurz darauf wurde der öffentliche Karneval in Bonn verboten. Hatte das ebenfalls mit der Universität zu tun?

Die Universität spielte zumindest in der Begründung des preußischen Königs eine zentrale Rolle. Friedrich Wilhelm III. fürchtete, dass vor allem Studenten den Karneval für regimekritische oder sogar umstürzlerische Aktionen nutzen könnten. Deshalb wurde das öffentliche Karnevalstreiben 1828 für 14 Jahre untersagt. Das zeigt, welches politische Potenzial man sowohl der Universität als auch dem Karneval zuschrieb. Der damalige Rektor Karl Gustav Bischof unterstützte später den Bonner Oberbürgermeister bei dessen Bemühungen, das Verbot wieder aufheben zu lassen.

Besonders ausführlich beschäftigen Sie sich mit Gottfried Kinkel. Warum war er für den Bonner Karneval so bedeutend?

Gottfried Kinkel verstand den Karneval als gesellschaftlichen und politischen Freiraum. Gemeinsam mit seiner Frau Johanna Kinkel und dem späteren Bonner Germanistikprofessor Karl Simrock trat er für Freiheit, Gleichheit und nationale Einheit ein. Karneval sollte nach ihrer Vorstellung nicht länger nur eine Angelegenheit des gehobenen Bürgertums sein, sondern alle Menschen zusammenführen.

Kinkel formulierte das sehr anschaulich: Unter der bunten Kappe würden Rang, Titel und Standesunterschiede aufgehoben. Sein „Bürgerlied“ von 1843 war ein gesellschaftliches Trinklied und zugleich ein politisches Bekenntnis. Es wurde über Jahrzehnte hinweg im Bonner Karneval gesungen. Als improvisierender Büttenredner nutzte Kinkel außerdem die Möglichkeit, die Zensur zu umgehen und versteckte Spitzen gegen die preußische Obrigkeit zu setzen.

Späterer Nobelpreisträger entdeckt den Bönnschen Karneval

Gibt es unter den historischen Fundstücken eine Geschichte, die Sie besonders gerne erzählen?

Eine wunderbare Geschichte ist die des späteren Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello. Er studierte ab 1889 Romanische Philologie in Bonn und besuchte einen Maskenball in der Beethovenhalle. Dort wurde der offenbar nicht besonders talentierte Tänzer von einer „kleinen blauen Maske“ durch den Saal geführt. Nach der Demaskierung lernte er die junge Frau näher kennen. Sein Brief an seine Schwester vermittelt einen sehr lebendigen Eindruck davon, wie ausgelassen und frei der Bonner Karneval damals erlebt wurde.

Welche Persönlichkeit steht für die Verbindung von Universität und Karneval im 20. Jahrhundert?

Ganz besonders Heinrich Lützeler. Der Bonner Kunsthistoriker beschäftigte sich wissenschaftlich mit dem rheinischen Humor, war aber zugleich selbst ein leidenschaftlicher Karnevalist. Er hielt 1962 die Proklamationsrede für das Bonner Prinzenpaar, leitete 1973 als Gastschultheiß eine große Bürgersitzung und führte 1976 den Vorsitz in der Jury für die Mottowagen des Rosenmontagszuges. Zudem war er Gründungsvater und bis zu seinem Tod Präsident des Großen Rates der Ehrengarde. Bei ihm gingen wissenschaftliche Reflexion und persönliches Engagement unmittelbar ineinander über.

Karneval unter der Lupe der Wissenschaft

Die Universität feiert den Karneval nicht nur, sondern erforscht ihn auch. Welche Fragen interessieren die Wissenschaft?

Karneval lässt sich aus vielen Perspektiven betrachten: als historisch gewachsener Brauch, als Ausdruck regionaler Identität, als Wirtschaftsfaktor, als touristisches Ereignis und als Raum gesellschaftlicher Integration. An der Universität Bonn gab es dazu Seminare, Geländepraktika, Exkursionen und Abschlussarbeiten.

Bei einem Geländepraktikum haben Studierende 2008 beispielsweise erstmals die Besucher*innen des Bonner Rosenmontagszuges systematisch befragt. Untersucht wurden auch die touristischen Potenziale des Zuges, das Stadtmarketing rund um die Beueler Weiberfastnacht und die Frage, inwieweit Karneval Menschen mit Migrationsgeschichte integrieren kann.

2018 lautete das Sessionsmotto „Loss mer fiere un studiere“

Seit den 1990er-Jahren ist die Universität wieder besonders sichtbar im Karneval vertreten. Woran lässt sich das erkennen?

Seit 1992 hat sich die Zusammenarbeit immer weiter intensiviert. Dazu gehören die Empfänge für Prinz und Bonna im Rektorat, die regelmäßige Teilnahme am Rosenmontagszug seit 2012, universitäre Vertreter*innen in den Elferräten der Prinzenproklamation und das Forschologicum, die Karnevalssitzung der Bonner Wissenschaftseinrichtungen, bei der in den letzten Jahren regelmäßig Rektor Professor Michael Hoch zusammen mit vielen weiteren Beitragenden aus der Universität aufgetreten ist.

Ein besonderer Höhepunkt war die Session 2018. Die Universität feierte damals ihr 200-jähriges Bestehen, der Bonner Rosenmontagszug sein 190-jähriges. Gemeinsam mit dem Festausschuss entstand das Sessionsmotto „Loss mer fiere un studiere“. Es brachte die gegenseitige Verbundenheit auf den Punkt.

Wissenschaftskommunikation abseits der Hörsäle

Kann Karneval auch Wissenschaftskommunikation sein?

Auf jeden Fall. Wissenschaftskommunikation muss nicht immer in einem Hörsaal oder bei einer Podiumsdiskussion stattfinden. Der Karneval ermöglicht Begegnungen auf Augenhöhe. Beim Forschologicum nehmen Wissenschaftler*innen ihre Institutionen, die Politik und nicht zuletzt sich selbst auf die Schippe. Beim Rosenmontagszug greift die Universität aktuelle Themen in verständlichen und humorvollen Bildern auf.

Ein schönes Beispiel war der Wagen zur Plagiatsdiskussion im Jahr 2012 unter dem Motto „Studiere jeht övve kopiere“. Auch die jährlich neu gestalteten Uni-Enten sind inzwischen ein äußerst begehrtes Bindeglied zwischen Universität und Stadtgesellschaft.

2019 feierte die Universität ihre Auszeichnung als Exzellenzuniversität ebenfalls mit Karnevalswagen. War das mehr als eine originelle Idee?

Das war ein starkes Symbol. Nach der Exzellenzentscheidung fuhr das Rektorat um Professor Michael Hoch gemeinsam mit Forschenden und Studierenden mitten im Juli auf Rosenmontagswagen durch die Bonner Innenstadt. Damit wurde deutlich: Die Universität versteht ihren Erfolg nicht als eine abgeschlossene akademische Angelegenheit. Sie wollte ihn mit den Menschen in der Stadt teilen – und griff dazu auf eine Ausdrucksform zurück, die in Bonn nahezu alle verstehen.

Ein Zugang zur rheinischen Kultur

Welche Bedeutung hat die Verbindung heute für die Universität?

Eine Universität ist immer Teil ihres gesellschaftlichen Umfelds. Der Karneval bietet eine besonders niedrigschwellige Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen. Für internationale Studierende und Gäste kann er zugleich ein Zugang zur rheinischen Kultur sein. Umgekehrt profitiert der Karneval von den jungen Menschen, den internationalen Perspektiven und der Vielfalt der Universität.

Es geht also nicht nur ums Feiern. Es geht um Zugehörigkeit, Austausch und die Bereitschaft einer Universität, kein Elfenbeinturm zu sein. Genau deshalb hat diese mehr als 200-jährige Beziehung eine Zukunft.

Uni Bonn im Karneval
Uni Bonn im Karneval - 2026 waren Bonna Stephanie III. und Prinz Roland I. (rechts) an der Universität auf Zeitreise. Links: Rektor Michael Hoch und seine Frau Silvia. © Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
Uni Bonn im Karneval
Uni Bonn im Karneval - Begehrtes Wurfmaterial: Uni-Kamelle und -Enten. © Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
Akademischer Karneval
Akademischer Karneval - Raumfahrt-Aspirantin Dr. Insa Thiele-Eich checkt im Forschologicum die Universität auf Weltraumtauglichkeit. © Foto: Barbara Frommann/Uni Bonn
Erforscht Karneval
Erforscht Karneval - Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann © Foto: Sascha Kreklau/NRW Stiftung

Karl-Heinz Erdmann & Marcus Leifeld (Hsrg.): Zwischen Kontinuität und Wandel - 200 Jahre bürgerlicher Karneval in Bonn (1826-2026); Verlag wird noch bekanntgegeben

Kontakt: khe-1956-bonn@web.de

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