Die Forschenden argumentieren, dass wirtschaftspolitische Maßnahmen allein die Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht steigern können, solange traditionelle Vorstellungen über die Rolle der Mutter sie zu Hause binden. Die Studie wurde vom EPoS-Wirtschaftsforschungszentrum an den Universitäten Bonn und Mannheim im Diskussionspapier „Economic Incentives or Social Norms? Labor Supply Differentials between East and West German Mothers“ veröffentlicht.
„Wir haben den umfangreichen Datensatz des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2000 bis 2017 genutzt, um die Auswirkungen wirtschaftlicher Anreize und sozialer Faktoren auf die Beschäftigungsentscheidungen von Müttern zu simulieren“, sagt Zainab Iftikhar vom EPoS Economic Research Center. „Wir stellen fest, dass das traditionelle Rollenbild der Mutter – zu Hause zu bleiben, um sich um ihre Kinder zu kümmern – bei weitem der wichtigste Faktor für Beschäftigungsentscheidungen ist. Im Westen ist diese traditionelle Vorstellung nach wie vor weit verbreitet – was die Wirkung von Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie einschränkt.“
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass höhere Löhne berufstätige Mütter in den westlichen Bundesländern teilweise dafür entschädigen, dass sie vom traditionellen Rollenbild abweichen. Die Forschenden warnen, dass politische Maßnahmen, die diese Entschädigung verringern, verstärkte negative Auswirkungen auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen haben könnten.
Erwerbsbeteiligung von Müttern im Osten und Westen
Insgesamt ist die Erwerbsquote von Frauen seit der Wiedervereinigung gestiegen und hat sich laut dem Statistischen Bundesamt in beiden Regionen auf rund 75 Prozent angeglichen. Allerdings zeichnen sich die beiden Regionen weiterhin durch unterschiedliche Arbeitszeitmodelle von Müttern aus. Die aktuelle Studie zeigt: Im Westen betrug der Anteil der Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren, die Vollzeit arbeiteten, nur etwa die Hälfte des Anteils im Osten.
In den östlichen Bundesländern hat sich eine Kultur der Vollzeit arbeitenden Mütter etabliert, obwohl ihr Anteil zwischen den Jahren 2000 und 2017 um etwa 13 Prozentpunkte zurückgegangen ist. In beiden Regionen arbeiten Frauen nach der Geburt häufig in Teilzeit. Die deutschen Regierungen haben sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der von Frauen geleisteten Arbeitsstunden zu erhöhen. Die Forschenden schlagen jedoch vor, dass politische Maßnahmen wie Elterngeld oder Kinderbetreuungszuschüsse durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden sollten, die Paaren helfen, die Erziehungsaufgaben gerechter zu teilen.
„Ein Vorschlag wäre, den bestehenden Vaterschaftsurlaub zu verlängern und besser zu vergüten“, sagt Zainab Iftikhar. „Generell ist es schwierig, gesellschaftliche Normen zu ändern. Solange traditionelle Vorstellungen über die Rollen von Vätern und Müttern fortbestehen, können sie die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Instrumente einschränken.“