„Erstmals in der Geschichte der Diversity Days mussten wir einen größeren Raum buchen. Das Thema trifft also offenbar einen Nerv“, betonte Prof. Dr. Irmgard Förster zur Eröffnung der Veranstaltung, an der mehr als 100 Interessierte vor Ort teilnahmen. Die hohe Relevanz des Themas für Hochschulen belegte die Prorektorin für Chancengerechtigkeit und Diversität mit Zahlen: „Schätzungen zufolge sind zwischen 15 und 20 Prozent der Studierenden und Mitarbeitenden an unserer Universität neurodivergent. Aber es gibt nur einen Lernstandard, an den sich alle anpassen müssen.“ Das Ziel der Diversity Days sei daher, über Neurodiversität aufzuklären, dafür zu sensibilisieren und konkrete Tipps für den Umgang damit zu geben.
Am ersten Veranstaltungstag beleuchteten drei Vorträge das Thema fachlich aus gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und aktivistischer Perspektive, die zum Teil durch persönliche Erfahrungen mit Neurodivergenz ergänzt wurden. Durch den Tag führte Céline Bartholomaeus (Kritik & Kreppband), die durch eine lebendige, diskriminierungssensible und fachlich versierte Moderation die unterschiedlichen Beiträge miteinander verknüpfte und Fragen aus dem Publikum einfließen ließ.
An Hochschulen wird Neurodivergenz besonders stigmatisiert
Den Auftakt machte der Vortrag „Wer definiert normal? – Neurodivergenz im Spannungsfeld zwischen Pathologie, Paradigmenwechsel und Inklusion“. Darin zeigten die Diversity-Trainerinnen Maren Frank und Jessica Stazzone Manazza, wie neurologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt statt als Defizit verstanden werden können: „Neurodiversität weicht von der Norm ab, sie ist weder besser noch schlechter.“ Neben der großen Bandbreite neurologischer Ausprägungen ging es in dem Vortrag auch um strukturelle Barrieren, denen neurodivergente Menschen insbesondere im Bildungssystem begegnen – sie haben etwa eine deutlich höhere Abbruchquote als neurotypische Menschen. „Besonders an Hochschulen sind die Stigmatisierung und Tabuisierung von Neurodivergenz groß“, betonten die Referentinnen. Sie machten deutlich, dass Neuroinklusion nicht bedeutet, Menschen an bestehende Systeme anzupassen, sondern vielmehr die Systeme selbst zu verändern und Barrieren abzubauen.
Im Anschluss sprach Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie stellvertretende Ärztliche Direktorin am Universitätsklinikum Bonn (UKB), die seit über 25 Jahren zur Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) forscht. Ihr Vortrag „ADHS im Erwachsenenalter – Herausforderungen und Chancen“ vermittelte Einblicke in das klinische Bild von ADHS, Diagnosewege sowie aktuelle Erkenntnisse zu Ursachen und Häufigkeiten. „Mindestens 2,5 Prozent der Bevölkerung haben ADHS“, erläuterte Philipsen. Anders als lange angenommen, sei ADHS keine Kinderkrankheit, die sich von alleine „auswachse“. Zugleich zeigte Philipsen Wege auf, wie Betroffene ihren Alltag erfolgreich gestalten und sich therapeutisch unterstützen lassen können – neben Medikamenten etwa auch durch Psychoedukation und -therapie.
Der universitäre Alltag enthält viele Hürden für Autist*innen
Den ersten Veranstaltungstag schloss Beccs Riley ab, Gründer*in des Vereins Minzgespinst und DEIB-Consultant* (Diversity, Equity, Inclusion, and Belonging, auf Deutsch: Vielfalt, Gleichberechtigung, Inklusion und Zugehörigkeit). Riley beleuchtete in dem Vortrag „Superkraft, Subklinik, Studium – Autismus im Studium“ Neurodivergenz aus aktivistischer Perspektive sowie persönlicher Erfahrung und stellte die Frage, was es für Hochschulen bedeutet, dass autistische Menschen anders wahrnehmen, lernen und kommunizieren als die neurotypische Mehrheit. Denn viele Dinge aus dem universitären Alltag stellen für Autist*innen besondere Hürden dar: selbstorganisiertes Lernen, eine eigenständige Strukturierung des Tagesablaufs, Blockseminare, die die gewohnte Routine durchbrechen, oder Reizüberflutung in Lehrveranstaltungen. Neurodivergenten Personen rät Riley, sich selbst zwei Fragen stellen: Was kostet mich Energie? Und wo kann ich mir Hilfe holen? Für Riley selbst hat sich die Strategie bewährt, vom Präsenz- zum Fernstudium zu wechseln.
Am zweiten Veranstaltungstag wurden die Inhalte in Workshops praktisch vertieft. Den Auftakt machte der Workshop „Autismus im universitären Kontext: Andere Betriebssysteme, gleiche Berechtigung“, der sich speziell an Studierende richtete. Unter der Workshopleitung von Beccs Riley setzten sich die Teilnehmenden darin mit autistischer Wahrnehmung sowie Barrieren für autistische Personen im Studium auseinander und diskutierten gemeinsam Lösungsansätze, wie eine gleichberechtigte Teilhabe am Hochschulalltag ermöglicht werden kann.
Autismussensible Kommunikation in Lehre und Beratung
Wie gelingt Kommunikation im Hochschulalltag, sodass sie auch für autistische Studierende verständlich, entlastend und tragfähig ist? Damit beschäftigte sich der parallel stattfindende Workshop für Beratende und Lehrende. Alexandra Harth, Beraterin, Coachin und Systemische Therapeutin, vermittelte darin praxisnah Ansätze, wie neurosensible Kommunikation funktioniert und wie sich herausfordernde Gesprächssituationen in Lehre und Beratung sicher und klar gestalten lassen.
Zum Abschluss der Diversity Days kamen in einer Lesung Aktivist*innen der „Disability and Mad Pride Bonn“ zu Wort. Die Herausgebenden, sowie zwei der Autor*innen lasen Beiträge aus dem Buch „Behindert und Verrückt – Jetzt reden Wir!“, in dem getreu dem Motto der UN-Behindertenrechtskonvention „Nichts über uns ohne uns!“ CIMND* Menschen (Abkürzung steht auf Deutsch für: chronisch kranke Menschen, Krüppel, Verrückte, psychisch kranke, neurodivergente, Menschen mit Behinderung, sowie T*taube Menschen) über ihr Leben, ihre Diagnose, ihre Erfahrungen mit Ableismus und über Community schreiben. Die Sachtexte, Geschichten, Gedichte und Zeichnungen machten klar, wie wichtig Sichtbarkeit, Barrierefreiheit, Empowerment und insbesondere strukturelle Veränderungen für Betroffene sind.
Neurodivergenzfreundliche Diversity Days
Besonderes Augenmerk legten das Prorektorat und die Stabsstelle für Chancengerechtigkeit und Diversität – die Veranstaltenden der Diversity Days – auf eine möglichst barrierefreie und neurodivergenzfreundliche Gestaltung. Unterschiedliche Sitzmöglichkeiten, Rückzugsräume, Fidget Toys, um Stress abzubauen und die Konzentration zu fördern, ein Awareness-Team vor Ort sowie das Dolmetschen in Deutsche Gebärdensprache und Englisch sorgten dafür, dass möglichst viele Menschen Zugang zu der Veranstaltung hatten.