21. Dezember 2020

„Christbaumschmuck spiegelt auch den Zeitgeist wider“ „Christbaumschmuck spiegelt auch den Zeitgeist wider“

Historikerin Sandra Müller-Tietz von der Universität Bonn spricht über die Kulturgeschichte geschmückter Weihnachtsbäume

Gerade oder krumm, bauschig oder schlank. Vergoldet mit Lametta oder natürlich mit Äpfeln behangen. Ein Weihnachtsbaum kann auch nach jahrhundertelanger Tradition wiederkehrend für Gesprächsstoff sorgen. Wie wichtig der Brauch im westlichen Kulturkreis ist, zeigt sich auch im Corona-Jahr, denn Weihnachtsbaumverkäufe sind nicht vom Lockdown betroffen. Die Historikerin Sandra Müller-Tietz hat sich auf Spurensuche begeben und gibt im Interview Einblicke in die Kulturgeschichte des Christbaumschmucks.

Sandra Müller-Tietz
Sandra Müller-Tietz - vom Institut für Geschichtswissenschaft der Uni Bonn © Danielle Biskup

Frau Müller-Tietz, in vielen Familien gehört ein geschmückter Weihnachtsbaum zu den Festtagen dazu. Wo und wann hat die Tradition ihren Ursprung?

Den Quellen nach holten sich bereits im 15. Jahrhundert Menschen in der kalten und dunklen Jahreszeit etwas Grün ins Haus. Die Bräuche waren aber nicht auf die Tanne festgelegt. Auch Stechpalme, Eibe oder Buchsbaum kamen zum Einsatz. Weihnachtspyramiden, die mit Kerzen besetzt waren, oder andere geschmückte Gestelle waren tatsächlich schon vorher verbreitet, und der Weihnachtsbaum orientierte sich daran als Vorbild. Der zeitliche und räumliche Ursprung des Baums lässt sich also nicht so ganz genau belegen, aber grob kann man das 16. Jahrhundert und den deutschsprachigen Raum ansetzen. Anfangs war der Weihnachtsbaum eine protestantische Tradition, später übernahmen sie auch die Katholiken. Man dekorierte die Bäume mit Nüssen, Obst, Gebäck, Oblaten und Basteleien aus Papier. Neben diesen meist essbaren Dekorationen hat man auch schon recht früh Gold verwendet und zum Beispiel vergoldete Nüsse aufgehängt. Die Kerzen kamen erst ein bisschen später dazu, im ausgehenden 18. Jahrhundert. Aus Platzmangel hängte man den Baum tatsächlich auch gern an die Decke.

Wie verbreitete sich die Tradition aus dem deutschsprachigen Raum heraus?

Aus Deutschland trat der Weihnachtsbaum im 19. Jahrhundert seinen Siegeszug in die Welt an. Dazu trugen vor allem deutsche Auswanderer bei. In die USA brachte ihn angeblich unter anderem ein Harvard-Professor, nach Großbritannien kam er durch dynastische Verflechtungen: Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, der Ehemann von Queen Victoria, brachte die Tradition des deutschen Weihnachtsfestes und damit auch des Weihnachtsbaumes an den englischen Hof. In der Weihnachtsausgabe der „Illustrated London News“ aus dem Jahr 1848 sind Prinz Albert und Queen Victoria vor einem mit Kerzen, Süßigkeiten und Spielzeugen geschmückten Weihnachtsbaum zu sehen. Der dazu veröffentlichte Artikel zeigt aber, dass den Lesern noch erklärt werden musste, was es mit einem solchen Baum auf sich hatte.

„Früher war mehr Lametta“ aus Loriots 70er-Jahre-Fernsehserie ist zu einem geflügelten Wort geworden. Wie hat sich der Weihnachtsschmuck tatsächlich im Laufe der Zeit verändert?

Spezielles Zubehör, um es an den Baum zu hängen, gab es schon im 18. Jahrhundert auf Weihnachtsmärkten zu kaufen. Es gab dort Krippenfiguren, Baumschmuck und Rauschgoldengel. Lametta und Christbaumkugeln begann man Mitte des 19. Jahrhunderts herzustellen. Christbaumschmuck aus Glas wird in seinem Ursprung auf Thüringen zurückgeführt, genauer gesagt auf die Glashütten in Lauscha. Anfangs imitierte der gläserne Christbaumschmuck noch die essbaren Dinge, die man sonst typischerweise an den Baum gehangen hatte, wie Nüsse und Äpfel. Spätestens für das Jahr 1860 gibt es gesicherte Nachweise über Glaskugeln als Christbaumschmuck. Ab 1870 wurden diese Kugeln dann auch von innen verspiegelt, so wie wir es heute kennen. Eine umfassendere Kommerzialisierung des Papierschmucks setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Der Ursprung von kleinen Kunstwerken aus sogenanntem Luxuspapier liegt vor allem in Dresden. Um 1900 hatte sich eine breite Vielfalt an Schmuckstücken für den Baum entwickelt – von unterschiedlich verzierten Kugeln über Engel, Sterne, Weihnachtsmänner, Trompeten und Glöckchen bis hin zu U-Booten und Zeppelinen während des Ersten Weltkriegs.

Man hat Kriegssymbole an den Weihnachtsbaum gehängt?

Tatsächlich war das Schmücken des Baums in den beiden Weltkriegen durchaus ein politisch-patriotischer Akt. Fotografien und Originalobjekte aus dem Ersten Weltkrieg belegen Pickelhauben, militärische Abzeichen, Schiffe und Bilder von Wilhelm II. am Baum. Später versuchten die Nationalsozialisten, die angeblich „germanischen“ Wurzeln des Weihnachtsfestes herauszuarbeiten. Dass es Christbaumschmuck mit sehr deutlicher NS-Symbolik gab, ist gut belegt. 2015 wurde bei einer Wormser Militaria-Auktion ein Set mit SS-Runen und „Sieg Heil“-Parolen für fast 300 Euro versteigert. Aber eigentlich standen Christbaumkugeln nicht im Einklang mit nationalsozialistischer Politik zum Weihnachtsfest. Vielmehr versuchte man in entsprechender Literatur zu propagieren, dass Christbaumschmuck nach Möglichkeit selbstgemacht sein sollte. Lametta, Engelshaar, Christbaumwatte und Glasschmuck wurden als kitschig abgetan. Heute ist der Christbaumschmuck sicher kein derartiges Politikum mehr. Dennoch spiegelt er in gewisser Weise immer auch den Zeitgeist wider – in diesem Jahr kann man zum Beispiel Weihnachtskugeln mit aufgedruckter Maske kaufen.

Kontakt für die Medien:

Sandra Müller-Tietz, M.A.
Universität Bonn
Institut für Geschichtswissenschaft, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Prof. Dr. Peter Geiss
E-Mail: sandra.mueller@uni-bonn.de

Kugel am Weihnachtsbaum
Weihnachtskugel
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