Caesar, Jeanne d’Arc, Mutter Teresa: Ihre Namen kennt (fast) jede und jeder, wir verbinden sie mit Macht, Mut oder grenzenloser Hilfsbereitschaft. Überliefert sind sie durch historische Quellen – und gehören damit zu einer Minderheit. Denn: „Die meisten Personen, die in historischen Quellen erwähnt werden, sind namenlos“, erklärt Prof. Dr. Julia Hillner, Historikerin im Exzellenzcluster Bonn Center for Dependency and Slavery Studies (BCDSS) und am IGW der Universität Bonn. „Diese Menschen hatten entweder keine Möglichkeit, ihre Namen für die Nachwelt zu bewahren, oder sie wollten ganz bewusst unerkannt bleiben.“
Warum so viele Menschen in Quellen namenlos bleiben
Versklavte Menschen etwa hatten keinerlei Kontrolle darüber, wie sie in der Geschichtsschreibung erfasst wurden. „Schiffspassagierlisten verzeichneten sie oft nur anhand bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Größe oder Alter.“ Gelang ihnen die Flucht, war es zudem in ihrem eigenen Interesse, unregistriert und unerkannt zu bleiben. Andere Formen von Namenlosigkeit beruhen hingegen auf Erzählstrategien oder sozialer Etikette: In der Antike wurden in Briefwechseln die Namen von Familienangehörigen häufig nicht genannt, da Briefe oft öffentlich vorgelesen wurden. Auf diese Weise sollte ihre Ehre – und die der Familie – geschützt werden. „Ein und dieselbe Praxis konnte also zugleich menschenentwürdigend und schützend sein“, sagt Julia Hillner.
Für Historikerinnen und Historiker stellen namenlose Personen in Quellen eine große Herausforderung dar: Wie lassen sich Individuen erforschen, wenn kaum etwas über sie bekannt ist? Mit ihrem Projekt verfolgen die beiden Co-Sprecherinnen des BCDSS und Mitglieder im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Present Pasts“, Prof. Dr. Julia Hillner und Prof. Dr. Pia Wiegmink, in Kooperation mit Prof. Dr. Jamie Wood, von der University of Oxford, daher das Ziel, interdisziplinär anwendbare wissenschaftliche Richtlinien zu entwickeln, mit denen sich namenlose Personen erforschen lassen. Untersucht werden unterschiedliche Genres der Geschichtsschreibung und Selbstzeugnisforschung – von erzählenden Quellen und Chroniken über Briefe bis hin zu Romanen – aus der römischen Kaiserzeit und der poströmischen Welt (etwa 1. bis 7. Jahrhundert n. Chr.) sowie aus der Frühmoderne und Moderne. „Wir gehen auch der Frage nach, welche Bedeutung Namenlosigkeit für erinnerungskulturelle Prozesse hat“, so Pia Wiegmink.
Was Namenlosigkeit über Identität und Macht verrät
Denn auch wenn heute persönliche Identität eng mit dem eigenen Namen verknüpft ist, war das historisch keineswegs selbstverständlich. „Im Kontext der Sklavereiforschung ist Namensgebung häufig ein gewaltsamer Akt, ein symbolischer Akt der Inbesitznahme. Die Erforschung von Namenlosigkeit eröffnet Einblicke in historisch kontingente und wandelbare Vorstellungen von Persönlichkeit.“ Das Projektteam untersucht daher, welche Instrumente nötig sind, um Namenlosigkeit in historischen Personendaten systematisch zu erforschen. Wie lassen sich solche Daten nutzen, um neues Wissen über vergangene Gesellschaften zu gewinnen? Wie kann Geschichte über Menschen ohne Namen geschrieben werden? Und wie sieht eine ethisch verantwortungsvolle Erforschung von Namenlosigkeit aus – insbesondere vor dem Hintergrund kolonialer Gewaltverhältnisse? Ziel des Projekts ist es somit, methodische Grundlagen für eine ethisch reflektierte, dekolonial sensibilisierte und wissenschaftlich fundierte Geschichtsschreibung zu entwickeln, die auch Menschen ohne überlieferte Namen sichtbar macht.