18. Februar 2021

Dentalhistorische Sammlung ist der neue Name Dentalhistorische Sammlung ist der neue Name

Zentrum für Zahn-Mund- und Kieferheilkunde distanziert sich von Sammlungsgründer und ehemaligem Klinikdirektor.

Der Vorstand des Zentrums für Zahn-Mund- und Kieferheilkunde des Universitätsklinikums Bonn hat entschieden, die bisher unter dem Namen bekannte Gustav-Korkhaus-Sammlung in Dentalhistorische Sammlung der Universität Bonn umzubenennen. Wie der Leiter der Sammlung, Priv.-Doz. Dr. Ernst-Heinrich Helfgen, mitteilt, basiert die Entscheidung auf Untersuchungen des Medizinhistorikers Prof. Dr. mult. Dominik Groß, RWTH Aachen, und auf dem Resultat einer alle Tatsachen würdigenden, kritischen Debatte des Zentrums.

Ausstellungsraum Dentalhistorische Sammlung
Ausstellungsraum Dentalhistorische Sammlung © Priv.-Doz. Dr. Ernst-Heinrich Helfgen / Universität Bonn

In der Studie „Zahnheilkunde im Dritten Reich – Eine Bestandsaufnahme“ haben Prof. Dr. Dominik Groß und Mitarbeiter vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen die politische Einstellung der deutschen Zahnärzteschaft gegenüber dem NS-Regime herausgearbeitet. Es werden drei Personengruppen betrachtet: Die Gruppe der zahnärztlichen Kriegsverbrecher, dann die Angehörigen der „Einheitsfront zahnärztlicher Hochschullehrer“ und die Gruppe der politisch belasteten Namensgeber einer Auszeichnung oder einer Einrichtung, zum Beispiel einer zahnärztlichen Sammlung. So richteten die Forscher bei ihren Untersuchungen zur dritten Gruppe auch den Blick auf Prof. Dr. Gustav Korkhaus.
Die Autoren der Studie schreiben, dass sie keine Empfehlung zum Umgang mit ihren Erkenntnissen abgeben. Die zutage geförderten Fakten sollen die betroffenen Institutionen in der Auseinandersetzung mit ihrem Nachlass unterstützen, um dann ggfls. eine eigene Entscheidung zu treffen.

Die Entscheidung des Zentrumsvorstands resultiert aus der Erkenntnis, dass Dr. Korkhaus Mitglied der NSDAP und weiterer NS-Verbände war und dass er vorwiegend opportunistisch zur nationalsozialistischen Diktatur vor 1945 eingestellt war. So wurde er zum Beispiel durch den nationalsozialistischen Reichszahnärzteführer Ernst Stuck gefördert und unterstützt. Mit der Umbenennung der Sammlung am 2. Februar 2021 in Dentalhistorische Sammlung der Universität Bonn distanziert sich das Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde vom politischen Bekenntnis des Sammlungsgründers Dr. Gustav Korkhaus der Jahre vor 1945.
Seine wissenschaftlichen Verdienste und seine bis heute reichende fachliche Wirkung sind von diesem Beschluss schon deshalb nicht berührt, weil dies nicht Thema allein des Zentrums oder der Fakultät wäre, sondern des fachwissenschaftlichen Diskurses der hochschulübergreifenden Wissenschaftsgemeinschaft.
Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Bernd Weber, sprach dem Leiter der Sammlung, Priv. Doz. Dr. Ernst-Heinrich Helfgen, stellvertretend für alle Beteiligten, den Dank der Fakultät für den umsichtigen und konsequenten Entscheidungsprozess aus.

Die Sammlung

Die Dentalhistorische Sammlung der Universität Bonn wurde „seit 1948 bis in die 1960er Jahre maßgeblich von Prof. Dr. Gustav Korkhaus aufgebaut“, erläutert der Leiter der Sammlung. Nach Einweihung des Zahnklinikums an der Welschnonnenstraße im Jahr 1960 waren die meisten Objekte bis in die 1970er Jahre in einem eigenen Sammlungs- und Ausstellungsraum ausgestellt. Nach Jahren der bestandssichernden Aufbewahrung und eingeschränkten Zugänglichkeit während umfangreicher Umzugsmaßnahmen in der Klinik präsentierte sich die Dentalhistorische Sammlung seit 2007 wieder in einem eigenen Raum in der Zahnklinik. Die erneuerte Konzeption der Sammlung und die daran orientierte Auswahl der ausgestellten Objekte bleiben von der Umbenennung der Sammlung unberührt. „Alle Objekte und ihre historischen Kontexte sind erfasst“, erklärt Dr. Helfgen. „Ein missbräuchlicher Einsatz der ausgestellten Objekte in Zeiten vor Aufnahme in die Sammlung ist ausgeschlossen.“

Wer den Ausstellungsraum betritt, wird zunächst unwillkürlich in eine zahnärztliche Praxis versetzt: Einige historische zahnärztliche Behandlungsstühle spiegeln die Entwicklung der optimalen Patientenlagerung. Daneben werden zahnärztliche Instrumente ausgestellt, die anschaulich die Geschichte der Zahnbehandlung seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bis heute repräsentieren. Das Repertoire reicht von Spritzensystemen für die Lokalanästhesie über Extraktionszangen für die Zahnentfernung bis zu chirurgischen Hebeln zur Wurzelhebung oder auch bis zu verschiedenen Artikulatoren, mit denen eine Modellanalyse der Kiefer und eine Bewegungssimulation durchgeführt werden können. Die Entwicklung des Kausystems wird veranschaulicht.

Die Sammlung bietet nach Terminvereinbarung eine etwa 30minütige Führung für Gruppen von mindestens 8 bis maximal 12 Personen an.

Kontakt Dentalhistorische Sammlung der Universität Bonn:
Priv.-Doz. Dr. Ernst-Heinrich Helfgen
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Universitätsklinikum Bonn
Welschnonnenstr. 17, 53111 Bonn
E-Mail: Ernst-Heinrich.Helfgen@ukb.uni-bonn.de

Kontakt „Täterforschung zur Zahnmedizin im Nationalsozialismus“:
Prof. Dr. med. Dr. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Universitätsklinikums Aachen MTI 2
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
E-Mail: dgross@ukaachen.de

Literatur:
Groß, D. / Westermeier, J. / Schmidt, M. / Halling, T. / Krischel, M. (Hrsg.): Zahnärzte und Zahnheilkunde im „Dritten Reich“ – Eine Bestandsaufnahme. Medizin und Nationalsozialismus Band 6, LIT Verlag, Berlin 2018
Groß, D., Krischel, M.: Täter und Verfolgte im Dritten Reich – Abschlussbericht, in : Zahnärztliche Mitteilungen, 110. Jg., Heft Nr.23-24 vom 1.12.2020, S. 231

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