28. Januar 2021

Flechten und Moose zeigen bessere Luft in Bonn an Flechten und Moose zeigen bessere Luft in Bonn an

Biologen der Uni Bonn verglichen, wie sich die Biodiversität in den letzten 20 Jahren gewandelt hat

Neben technischen Messanlagen, können auch sogenannte Bioindikatoren zur Feststellung der Luftgüte einer Region genutzt werden. Flechten und Moose sind aufgrund ihrer physiologischen Eigenschaften besonders für solch ein Biomonitoring geeignet. Zudem ermöglichen sie eine flächendeckende Bewertung der Luftsituation – im Gegensatz zu den punktuellen Messungen der nur sehr wenigen technischen Anlagen im Bonner Stadtgebiet. Die Bachelor-Arbeiten von zwei Biologinnen der Universität Bonn zeigen, dass sich die Luftqualität in Bonn in den vergangenen 20 Jahren verbessert hat.

Die gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina)
Die gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) - zeigt starke Belastungen mit eutrophierenden Luftschadstoffen an, wie zum Beispiel Stickoxide und Ammoniak. © Julia Bellardts

“Da die verschiedenen Flechten- beziehungsweise Moosarten unterschiedlich stark auf Schadstoffbelastungen reagieren, können durch ihre Bestandsaufnahme Rückschlüsse auf die vorherrschende Luftqualität gemacht werden”, sagt Prof. Dr. Dietmar Quandt vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen der Universität Bonn. Sein Team hat in einem Projekt die Diversität dieser Organismen im Stadtgebiet von Bonn analysiert. Die Wissenschaftler konnten aus den Daten auf eine Verbesserung der Luftqualität in den letzten zwanzig Jahren schließen.

Zwei Studentinnen unter Betreuung von Dr. Julia Bechteler und Dr. Jens Mutke haben im Zuge ihrer Bachelorarbeiten die Luftqualität des Stadtgebiets von Bonn durch eine Kartierung von epiphytischen (baumbesiedelnden) Flechten und Moosen analysiert. Dabei dienten Daten einer 1998 in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Frahm (Nees-Institut) durchgeführten Diplomarbeit als Grundlage für einen Vergleich der heute zu sehenden Flechten- und Moosdiversität und damit auch der Bewertung der Luftgüte in Bonn. Beide Studien waren nach einer einheitlichen Methode entsprechend einer Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) durchgeführt worden.

Höhere Diversität an Flechten und Moosen

„Es konnte eine allgemeine Verbesserung der Luftqualität, vor allem für das zentrale Stadtgebiet, zwischen den Erhebungsjahren 1998 und 2020 festgestellt werden“, berichtet Maren Borchardt in ihrer Bachelorarbeit. Dieses Ergebnis ist im Einklang mit den Daten der drei technischen Messstationen in Bonn, welche deutlich niedrigere Schwefeldioxidwerte sowie auch einen Rückgang an Stickoxidimmissionen in diesem Zeitraum verzeichnen. Die Studentinnen fanden heraus, dass sich in den letzten zwanzig Jahren die Diversität und auch das Vorkommen von epiphytischen Flechten und Moosen in Bonn erhöht hat.

„Dennoch zeigen die Ergebnisse deutlich, dass nach wie vor eine Beeinflussung der Vegetation durch die anthropogene Luftschadstoffbelastung – vor allem durch Stickstoffverbindungen – vorliegt“, sagt Julia Bellardts, welche ebenfalls ihre Bachelorarbeit innerhalb dieser Studie anfertigte. Auch wenn sich die lufthygienische Situation in Bonn in den letzten zwanzig Jahren gebessert hat, konnte im größten Teil des Stadtgebiets nur eine niedrige bis mäßige Luftgüte festgestellt werden. Ein positiver Effekt auf die Luftqualität war für innerstädtische Grünanlagen und Friedhöfe nachweisbar.

Gerade die Möglichkeit eines zeitlichen Vergleichs in der Studie zeigt, wie wichtig die Aufnahme der Biodiversität in einer Region über die Jahre hinweg ist. „Wir haben von allen kartierten Proben genaue GPS-Koordinaten, Fotos und, wenn möglich, Belege im Herbarium des Nees-Instituts hinterlegt”, sagt Dr. Julia Bechteler. So haben die Wissenschaftler auch bei einer Wiederholung der Kartierung in der Zukunft eine gute Datengrundlage, um Aussagen über die Artenvielfallt und den Zustand dieser Bioindikatoren im Stadtgebiet von Bonn machen zu können.

Klimawandel macht sich bemerkbar

Bechteler: „Das ist nicht nur für den Umweltschutz in Bezug auf Schadstoffe relevant, sondern auch im Hinblick auf den Klimawandel, der ebenfalls einen Einfluss auf das Artenspektrum hat.“ Und das deutet sich schon an: Julia Bellardts und Maren Borchardt haben in ihren Arbeiten im Vergleich zu 1998 vermehrt Flechtenarten vorgefunden, welche ein wärmeres Klima bevorzugen.

Zur Studie haben auch Prof. Dr. Isabelle Franzen-Reuter (FH Münster), das Amt für Stadtgrün, das Amt für Umwelt, Verbraucherschutz und lokale Agenda der Stadt Bonn, die Biologische Station Bonn/Rhein-Erft, die Statistikstelle der Stadt Bonn und das LANUV NRW beigetragen.

Publikationen:

Borchardt, M. 2020. Zeitlicher Vergleich der epiphytischen Flechten- und Moosvegetation als Bioindikatoren der Luftqualität im Stadtgebiet Bonn.
https://www.nees.uni-bonn.de/pdf/bsc_borchardt


Bellardts, J. 2020. Epiphytische Flechten und Moose als Bioindikatoren der Luftqualität im Stadtgebiet von Bonn unter besonderer Berücksichtigung der räumlichen Verbreitungsmuster
https://www.nees.uni-bonn.de/pdf/bsc_bellardts

Kontakt für die Medien:

Dr. Julia Bechteler
Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen
Universität Bonn
Tel. 0228//733268
E-Mail: bechteler@uni-bonn.de

Julia Bellardts
Maren Borchardt
Flechten und Moose
Das gewöhnliche Igelhaubenmoos (Metzgeria furcata)
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