Mit diesem Werk liegt nun eine umfassende Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen vor. Alle politischen und vor allem sicherheitspolitischen Aspekte, auch die ökonomischen und nicht zuletzt die kulturellen und persönlichen Dimensionen des wechselhaften Verhältnisses der beiden Staaten hat Dr. Hendrik Ohnesorge unter das Brennglas seines zentralen Analysekriteriums gelegt: Soft Power, die Kraft der sanften Macht.
Zwar liegt der Abschluss dieser Arbeit zeitlich vor der Entmachtung des Staatspräsidenten von Venezuela und vor der jüngsten Eskalation des Grönland-Konflikts, doch das Werk verdeutlicht gerade durch diesen Abstand Ohnesorges Blick auf eine effektive Soft-Power-Strategie in der globalen Politik des 21. Jahrhunderts.
Ohnesorge folgt der Idee des im letzten Jahr verstorbenen Harvard-Professors Joseph S. Nye, was soft power ist, und schreibt sie fort: „Es geht um die Fähigkeit, andere für sich zu gewinnen und sie dazu zu bringen, ebenfalls das zu wollen, was man zunächst nur selbst will. Es geht nicht um unmittelbaren Zwang wie bei Hard Power, sondern um Attraktion und Überzeugungsarbeit. Nicht Drohung oder Zahlung sind die Mittel der Wahl, sondern eine starke Anziehungskraft, die von den Werten und der Kultur eines Gemeinwesens ausgeht, und von seiner Politik und seinem Führungspersonal“, erklärt der Bonner Politikwissenschaftler. Dazu gehört, dass Macht immer in Bewegung ist, sie von unterschiedlichen Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen ausgeübt wird und sich zumindest in Teilen der Kontrolle durch Regierungshandeln entzieht.
Ohnesorges Studie zeigt anhand der Untersuchung von fünf Jahrhunderten der transatlantischen Beziehungen und insbesondere mit Blick auf die Zeit seit Ende des Kalten Krieges, dass Soft Power wie ein Pendel zwischen den beiden Staaten hin und her schwingt. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, so erklärt der Politikwissenschaftler Ohnesorge heute, in der der amtierende US-Präsident die Soft Power der Vereinigten Staaten verspielt – und damit auch den fulminanten Einfluss, den die USA auf Deutschland über lange Zeit genießen konnten.
Aktuell seien wir live dabei, erklärt Ohnesorge weiter, wie die USA in der Dimension Soft Power rapide verlieren, was durch einen Präsidenten verstärkt werde, der mehr und mehr auf Hard Power zu setzen scheint. Ohnesorge erinnert hier an eine Mahnung des US-Präsidenten Harry S. Truman aus dem Juni 1945, anlässlich der Unterzeichnung der frisch formulierten Charta der Vereinten Nationen: „Wir alle müssen erkennen – egal wie stark wir sind – dass wir uns selbst versagen müssen, immer nur zu tun, was uns selbst gefällt.“
In einer immer stärker vernetzten Welt, betont Ohnesorge, sei für die Bewältigung von globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, nuklearer Proliferation oder Pandemien Kooperation nötig. Dafür seien demokratische, offene Gesellschaften weitaus besser positioniert als autokratische, geschlossene Gesellschaften. Aber auch Staaten, die über überragende Hard Power verfügen, benötigten dafür Allianzen und Partner – und sie sollten auch in Zukunft die sanfte Kraft der Soft Power nicht vergessen.
Das englischsprachige Werk ist allgemein verständlich verfasst, klar aufgebaut und unterstützt die Lektüre durch einen umfangreichen Index und Quellenfundus.Professor Michael Cox, Professor em. der London School of Economics and Political Science (LSE) schreibt über das jetzt erschienene Werk, es sei eine brillante, tiefgründige Studie über die deutsch-amerikanischen Beziehungen, auf die Nye selbst mit Recht stolz wäre.