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Datum: 27.03.2020

Die Mongolei als Vorreiter gegen das Coronavirus Ein Lebenszeichen aus der Mongolistik

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Die Völker der Welt gehen mit der Gefahr durch das Coronavirus sehr unterschiedlich um. Die einen sind mehr, die anderen weniger erfolgreich mit ihren Maßnahmen. Ein Land, das früh aktiv geworden ist, in dem die Bevölkerung aktiv mithilft und das insbesondere auch in der digitalen Lehre Maßstäbe setzt - ist die Mongolei. Darüber berichten Asienwissenschaftler der Universität Bonn in diesem "Lebenszeichen".

Text: Ines Stolpe & Tümen-Očiryn Erdene-Očir
Illustrationen: S. Cogtbajar
 
 Abbildung 1
 
Die Mongolei, ein oft mit nomadischer Weideviehwirtschaft assoziiertes postsozialistisches Land, das nun dem „Globalen Süden“ zugeordnet wird, hat Deutschland beim Umgang mit der für uns alle historisch neuen Situation einiges voraus: In diesem demokratischen Nachbarstaat Chinas fielen erste Quarantäne-Entscheidungen präventiv, Bildungseinrichtungen wurden schon Ende Januar geschlossen, und sogleich begann mit multimedial verfügbarem Material der Fernunterricht. Uns als Lehrende und Forschende interessierten zunächst vor allem Erfahrungen im Bildungsbereich, doch Recherchen und Telefoninterviews erbrachten weitere interessante Aspekte zu bemerkenswert konstruktiven Strategien in dieser Krise. 
 
Abbildung 2

Was können wir von der Mongolei lernen?

In der Mongolei, die eine 4.700 km lange Grenze zu China aufweist, stand in der aktuellen Krise nie infrage, dass Gesundheit Priorität hat. Unbürokratischer Pragmatismus, Hilfsbereitschaft, Medienkompetenz, Erfahrungswissen, Meinungsfreiheit, Kritikfähigkeit und Humor trugen und tragen dort dazu bei, Maßnahmen zu implementieren und immer wieder flexibel zu reagieren. So hat z.B. das seit Januar im Bildungswesen mit Quarantäne und Fernunterricht gewonnene Know-How, in Kombination mit polyphonen Feedback-Loops, eine konstruktive Fehlerkultur hervorgebracht, die bemerkens- und nachahmenswert ist. Anerkennung verdient ein weiterer Aspekt: Anders als vielerorts, wo jetzt Hilfe unmittelbar vom Staat erwartet wird, ist in der Mongolei seitens der Bevölkerung und vieler Organisationen, Firmen und Geschäftsleute die grundsätzliche Einstellung genau umgekehrt; die meisten Menschen überlegen in erster Linie, wodurch sie selbst einen Beitrag zur Überwindung der Krise leisten können und werden auf vielen Ebenen für die Gesellschaft aktiv. 

 

Neujahr elektronisch 

Seit Beginn der Pandemie gab es in der Mongolei intensive Debatten über Schutzmaßnahmen. Akuter Entscheidungsbedarf bestand im Vorfeld des Neujahrfestes Cagaan Sar. Mit Blick auf die Lage in China wurden Besuchsreisen verboten, sowie jenseits der Kernfamilie alle traditionellen zolgolt-Begrüßungszeremonien, bei denen Jüngere Älteren mit vorgestreckten Unterarmen symbolisch Respekt erweisen.

Abbildung 3Abbildung 4

Allerdings gab es innerhalb vieler Familien Streit darüber, ob in Wahrung der mongolischen Traditionen die Neujahrsbegrüßung nicht doch in gewohnter Manier stattfinden sollte:

 

Abbildung 5

 

Um der Bedeutung des Festes trotz Ansteckungsgefahr gerecht zu werden, riefen Medienkampagnen dazu auf, die Feiertage daheim zu verbringen und Technologien zu nutzen, um Neujahrsgrüße auszutauschen. Jüngere wurden aufgefordert, als Kommunikatoren zu fungieren und die Alten dabei zu unterstützen, mit elektronischen Mitteln zu kommunizieren.
 
Abbildung 6
 
Zur Umsetzung der Quarantäne wurden Überlandstraßen und öffentlichen Verkehrsmittel vorübergehend gesperrt, und nach dem Corona-frei verlaufenen Neujahr etablierten buddhistische Klöster mobile Apps, damit Gläubige religiöse Dienstleistungen aus räumlicher Distanz wahrnehmen können. Alle Feiertage im März (Internationaler Frauentag, Vatertag sowie das kasachische Frühlingsfest Nauryz) wurden weit vorausschauend abgesagt. 
 

30.000 Schafe für den südlichen Nachbarn

In der Mongolei existiert seit dem 20. Jahrhundert eine Tradition (auch grenzübergreifend) großzügiger Hilfs- und Spendenbereitschaft in Notsituationen. Noch bevor dort der erste Corona-Fall diagnostiziert worden war, stellten etliche Fabriken Mundschutz-Tücher her, und Privatpersonen, darunter viele Rentner/innen, sowie Firmen, Teams, zivilgesellschaftliche Gruppen, Rockstars, Schauspieler, Ringer und Mönche spendeten Geld, Schutzkleidung, Lebensmittel und Weidevieh an das Gesundheitsministerium sowie an die staatliche Notfallkommission. Ende Februar reiste der mongolische Staatspräsident nach China, um sich über Maßnahmen zur Eindämmung auszutauschen und anzukündigen, dass die Mongolei dem chinesischen Volk 30.000 Schafe spenden werde. Dies wurde journalistisch und privat eifrig kommentiert; kontrovers erschienen im Lichte der bevorstehenden Wahlen besonders „Hammelspenden“ durch Parlamentsmitglieder.
 
Abbildung 7
 

Lehren und Lernen auf Distanz: Perspektiven auf Herausforderungen

In der Mongolei machte man sich frühzeitig Gedanken darüber, wie anhaltende Schließungen von Bildungseinrichtungen zu kompensieren seien. Die Kinderbetreuung wird häufig von Großeltern auf dem Land übernommen, wo die geringe Bevölkerungsdichte mehr Sicherheit gibt. Dem sog. Ferieneffekt begegnet man durch vom Bildungsministerium initiierten TV-Unterricht sowie Programme im Radio und auf Internetplattformen. Die Nationaluniversität rief alle Telekommunikationsunternehmen auf, in dieser Ausnahmesituation Lernenden, die den Unterricht v.a. auf Mobiltelefonen verfolgten, kostenloses Datenvolumen zur Verfügung zu stellen. Lehrkräfte sind verpflichtet, den TV-Unterricht durch Tutoring zu begleiten. Die Online-Lektionen sind nahezu alle mit Gebärdenspracheinblendungen versehen und spiegeln eine Vielzahl (fach-)didaktischer und medialer Ansätze. 
 
Wie nun sehen praktische Erfahrungen mit dem aktuellen TV-Unterricht konkret aus? Um dies herauszufinden und möglichst verschiedene Perspektiven einzubeziehen, haben wir mit Lehrkräften, Eltern, Kindern und Studierenden Telefoninterviews geführt. Einige Probleme waren angesichts der technischen Infrastruktur, aber auch der sozialen Unterschiede in der Mongolei durchaus vorhersehbar. So berichtet eine Lehrerin aus der Hauptstadt der Provinz Chovd, dass sogar im Zentrum einige Schülerinnen und Schüler nicht erreicht werden könnten, da sie daheim gar keine Internetverbindung haben. Ähnlich geht es vielen Studierenden. Um Material herunterzuladen und für Tutoring und Feedback in Kontakt treten zu können, müssen Lernende in abgelegenen Regionen eigens Orte mit Mobilfunk-Empfang aufsuchen, die im Volksmund Mobicom-Hügel heißen. So lustig dies klingen mag, für die Betroffenen ist es bei den derzeitigen Minusgraden kein Spaß. Doch selbst solche Optionen existieren nicht überall; eine Grundschullehrerin berichtet, dass sie von 23 Kindern aus Nomadenfamilien nur 8 erreicht, denn in der Steppe herrscht vielerorts Funkstille. In der Weideviehwirtschaft tätige Eltern haben nun in der Ablammzeit oft keine Zeit, um ihre Kinder beim TV-Unterricht live zu begleiten, und ohne Smartphone können Lektionen nicht heruntergeladen und wiederholt angeschaut werden. Kindern geht der TV-Unterricht oft zu schnell, Studierende als Digital Natives kritisieren teils die Online-Lehre und fordern den Erlass von Studiengebühren, Lehrende und Eltern organisieren untereinander Know-How-Transfer. Das Bildungsministerium geht Probleme kritikfähig und konstruktiv mit neuen Initiativen an und kommuniziert transparent über die Medien. Die größte Herausforderung in diesem Bereich ist gleichwohl, dass einige Lernende wegen infrastrukturellen und/oder sozialen Problemen nur unvollkommen erreicht werden.  
 
Das Coronavirus gab und gibt Anlass, bestehende Verhältnisse zu überdenken. Es bleibt zu hoffen, dass auch in Europa die Erkenntnis weiter reift, dass Lernen und Erfahrungsaustausch keine Einbahnstraßen sind. Die Mongolei hat in dieser Krise bislang in vieler Hinsicht vorbildlich agiert. Chapeau! 
 
 

 
Dies Artikel ist eine modifizierte Kurzfassung eines ausführlichen Essays der Autoren zum Thema
 
 
Über die Autoren
 
Die Autoren
 
Prof. Dr. Ines Stolpe ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mongolistik an der Universität Bonn. Nach dem Studium der Mongolistik und Erziehungswissenschaften in Berlin und Ulaanbaatar promovierte sie zu Interdependenzen von Bildung, Nomadismus und Migration in der modernen Mongolei. Ihre Lehr- und Forschungsgebiete umfassen u.a. mongolische Sprache und Kultur, Beziehungen von räumlicher und sozialer Mobilität, Kultur- und Politikgeschichte der Mongolei, Bildungsphilosophie, Alltagskulturen, Intercultural Awareness und zivilgesellschaftliche Netzwerke.  
 
Dr. Tümen-Očiryn Erdene-Očir ist seit Oktober 2019 Mongolisch-Lektor am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn. Er wuchs in der ländlichen Mongolei auf, studierte Mongolistik und Linguistik an der Mongolischen Nationaluniversität und lehrte außerdem an der Western Washington University sowie der Australian National University. Zu seinen Lehr- und Forschungsgebieten gehört Mongolisch als Fremdsprache, interkulturelle Linguistik und vergleichende Semantik.
 
 
Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch
 

Unter dem Titel „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ veröffentlicht die Universität Bonn Beiträge aus den Reihen ihrer Angehörigen, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Sie will damit auch in schwierigen Zeiten den Diskurs aufrechterhalten und die universitäre Gemeinschaft stärken. In loser Folge erscheinen dazu auf dieser Website Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

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