11. November 2019

Hühnerstall mit Durchblick Hühnerstall mit Durchblick

Neues Gebäude der Uni Bonn ermöglicht Forschung zum Tierwohl und Einblicke in moderne Geflügelhaltung

Fast “bühnenreif” ist der neue Hühnerstall auf der Lehr- und Forschungsstation Frankenforst in Königswinter-Vinxel. In der eigens eingerichteten Besucherzone rücken große Glasscheiben das Federvieh ins Rampenlicht. Durch die Fenster können Interessierte das Geflügel beobachten und sich einen Eindruck davon verschaffen, wie die Forschung der Universität Bonn für mehr Tierwohl vonstattengeht.

Volierenhaltung:
Volierenhaltung: - Im neuen Hühnerstall der Universität Bonn befindet sich das Geflügel nicht in Käfigen, sondern kann sich auf mehreren Etagen in den Abteilen frei bewegen. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Alle Bilder in Originalgröße herunterladen Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.

In nur acht Monaten wurde der veraltete Vorgängerbau mit Hilfe der Landwirtschaftlichen Fakultät sowie des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW umfangreich instandgesetzt und auf der vorhandenen Bodenplatte ein hochmoderner Stall für wissenschaftliche Zwecke geschaffen. „Das ist eine großartige Leistung aller Beteiligten“, sagt Dr. Inga Tiemann vom Institut für Tierwissenschaften der Universität Bonn.

Für das Forschungsprojekt „Open Livestock in der Landwirtschaft – Moderne Geflügelhaltung aus der biologischen Perspektive des Huhns“ wurde der neue Stall hergerichtet. Das Vorhaben wird vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW binnen drei Jahren mit 160.000 Euro gefördert.

Der Stall mit rund 100 Quadratmetern Grundfläche ist mit modernen Klima-, Beleuchtungs- und Lüftungssystemen ausgestattet. In sechs voneinander getrennten Abteilen lässt sich die LED-Beleuchtung sowie die Inneneinrichtung verschieden gestalten. „Wir können damit unterschiedliche Bedingungen in der Volierenhaltung und deren Einfluss auf das Verhalten der Tiere untersuchen“, erläutert die Doktorandin Sonja Hillemacher, die in dem Projekt mitarbeitet. Bei der Volierenhaltung befindet sich das Geflügel nicht in Käfigen, sondern kann sich in größeren mehretagigen Ställen frei bewegen – wie die rund 45 Millionen Legehennen in Deutschland. Gerade ist der Außenklimabereich fertig geworden, der den Tieren auch einen geschützten Aufenthalt im Freien ermöglicht.

Forschung aus Sicht des Tieres

„Wir untersuchen, wie sich das Wohl der Hühner weiter steigern lässt“, sagt Tiemann, Spezialistin für Verhaltensbiologie. „Wir wollen nicht die Tiere an die Haltung, sondern die Haltung an die Tiere anpassen.“ Hierfür erforschen die Wissenschaftler zum Beispiel, wie die Lichtverhältnisse im Stall optimiert werden können. Weil die Tiere gerne an höher gelegenen Plätzen schlafen und sich bevorzugt in gut ausgeleuchteten Bereichen aufhalten, geht die Beleuchtung über den Sitzstangen oben auf der Voliere automatisch zuletzt aus, um den Tieren am Abend das Aufbaumen auf den hochgelegenen Sitzstangen zu erleichtern. Dagegen haben es die Hühner beim Eierlegen lieber dunkler – die LED-Lampen sind entsprechend ausgerichtet. „Optimierte Funktionsbereiche“ nennt das die Wissenschaft.

Videosysteme übertragen das Treiben der Tiere in den Kontrollraum. Dort wird mit Hilfe von automatisierter Computersoftware ausgewertet, ob die Hühner entspannt ihrem Tagesgeschäft aus Fressen, Scharren, Staubbaden und Picken nachgehen oder gar Stressverhalten zeigen. „Ob es den Tieren gut geht, lässt sich an ihrer Gesundheit und ihrem Gefiederzustand ablesen, uns interessiert aber vorranging das Verhalten“, sagt Tiemann. Verhaltensbiologische, standardisierte Tests geben entsprechenden Aufschluss. So messen die Wissenschaftler zum Beispiel die Distanz, die die Hühner zu einem Menschen einhalten. Kommen die Tiere in direkte Nähe, werten die Forscher dies als Hinweis auf eine intakte Mensch-Tier-Beziehung.

Manchmal packen die Wissenschaftler auch Kinderspielzeug in die Abteile – ein weiterer Verhaltenstest. Gehen die Hühner auf die unbekannten Objekte zu, spricht dies ebenfalls für ein „gesundes“ Verhalten. „Dies wird als Neugier interpretiert“, erklärt Hillemacher. „Sie ist Voraussetzung für eine aktive Anpassung an die Umwelt.“ Auch das optimale Material und die beste Form für die Sitzstangen erforschen die Wissenschaftler: Kühles Metall und ein runder Querschnitt werden gemieden, eine eckige Stange aus wärmerem Kunststoff dagegen bevorzugt.

Eier am laufenden Band

Vollautomatisch werden auch die Eier eingesammelt. Die Nester sind auf einer leicht schiefen Ebene gebaut: Dadurch rollen die Eier nach dem Legen auf ein Fließband, das sie dann in einen Raum fördert, wo sie Mitarbeiter des Außenlabors in Kartons packen. Diese „Ware“ wird jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr im „EiScienceShop“ verkauft, der sich gleich am Parkplatz von Gut Frankenforst befindet. Dort gibt es für alle Interessierten neben Eiern unterschiedlicher Rassen auch wissenschaftliche Informationen und Tipps rund um die Geflügelhaltung – und neuerdings auch nach Absprache die Besuchsmöglichkeit im neuen Hühnerstall. „Das neue Gebäude soll die Forschung zu mehr Tierwohl ermöglichen, aber auch unsere Tierhaltung transparent machen“, sagt Tiemann.

Informationen:
www.frankenforst.uni-bonn.de/forschung/forschungsbereich-gefluegel

Video: https://youtu.be/Tdaw3pUXBSw

Kontakt:

Dr. Inga Tiemann
Institut für Tierwissenschaften
Universität Bonn
Tel. 0228/735075
E-Mail: inga.tiemann@uni-bonn.de

Anfragen zu Besichtigungen:

Sonja Hillemacher
Institut für Tierwissenschaften
Universität Bonn
Tel. 02223/917241
E-Mail: sonja.hillemacher@uni-bonn.de

Sind Krallen und die Federn an den Flügeln okay?
Sind Krallen und die Federn an den Flügeln okay? - Dr. Inga Tiemann (links) und Sonja Hillemacher (rechts) prüfen den Gesundheitszustand eines Huhns. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Hühner der Rasse Lohmann Brown:
Hühner der Rasse Lohmann Brown: - In dem hochmodernen Stall wird untersucht, welche Haltungsbedingungen am besten für das Tierwohl sind. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Vollautomatisch:
Vollautomatisch: - Die Nester der Hühner sind auf leicht schiefen Ebenen gebaut. Nach dem Legen rollen die Eier auf ein Fließband, das in den Kontrollraum des Stalls mündet. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Sonja Hillemacher (links) und Dr. Inga Tiemann (rechts)
Sonja Hillemacher (links) und Dr. Inga Tiemann (rechts) - im Besuchergang des neuen Hühnerstalls der Lehr- und Forschungsstation Frankenforst der Universität Bonn. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Kontrollraum:
Kontrollraum: - Der hochmoderne Hühnerstall ist mit Kameras ausgestattet. Mit automatisierter Software lässt sich überprüfen, ob es den Hühnern gut geht. Von hier aus können auch Licht und Klima gesteuert werden. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Verhaltensbiologische Tests:
Verhaltensbiologische Tests: - Dr. Inga Tiemann (links) und Sonja Hillemacher (rechts) platzieren Kinderspielzeug im Hühnerabteil. Wenn die Tiere sich neugierig nähern, spricht dies für ein „gesundes“ Verhalten. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Dr. Inga Tiemann vom Institut für Tierwissenschaften
Dr. Inga Tiemann vom Institut für Tierwissenschaften - im neuen Hühnerstall der Universität Bonn auf der Lehr- und Forschungsstation Frankenforst in Königswinter-Vinxel. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
Wird geladen