12. Oktober 2018

Deutschland in einer Welt im Wandel Deutschland in einer Welt im Wandel

Welche außenpolitische Rolle sollte Deutschland zukünftig übernehmen? Diese Frage stand im Zentrum der Auftaktveranstaltung zum vierten Quartal des Jubiläumsjahrs der Universität Bonn. Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft diskutierten im gut besuchten ehemaligen Theatersaal des Universitätshauptgebäudes über „Deutschland in einer Welt im Wandel“. Die Ausgangsfrage hatte es in sich. Das belegten die teils pointierten, teils provokanten Debattenbeiträge. Es gab sowohl spontanen Applaus während der Podiumsdiskussion als auch kritisches Nachhaken der Zuhörer bei der abschließenden Publikumsfragerunde.

Deutschland in einer Welt im Wandel:
Deutschland in einer Welt im Wandel: - Um dieses Thema ging es bei der Auftaktveranstaltung zum vierten Quartal des Jubiläumsjahres an der Universität Bonn. Zahlreiche Zuschauer verfolgten die spannende Diskussion im ehemaligen Theatersaal. © Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
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Nachdem in den ersten drei Quartalen des Jubiläumsjahrs der Universität Bonn Rückblick, Nachhaltigkeit und die Welt der Zahlen das jeweilige Motto für die Veranstaltungen waren, trägt das vierte Quartal den Titel „Herausforderungen der Weltgesellschaft“ und stellt die Sozial- und Geisteswissenschaften als thematische Taktgeber in den Mittelpunkt. Die Expertise der verschiedenen Institute und An-Institute der Universität Bonn in diesen Disziplinen habe es den Organisatoren des Jubiläumsjahrs sehr leicht gemacht, eine Vielzahl hochkarätiger Veranstaltungen für die noch kommenden Monate auf die Beine zu stellen, sagte Prof. Dr. Stephan Conermann, Prorektor für Internationales an der Universität Bonn, in seiner Begrüßung. Seine einführenden Thesen zur deutschen Politik und sein Fazit „Die starke Beschäftigung mit uns selbst hat dazu geführt, die außenpolitischen Fragen zu vernachlässigen und an den Rand zu drängen“ fielen bei den Diskutanten auf fruchtbaren Boden.

„Deutschland in einer Welt im Wandel“: Wo stand Deutschland vor fünf Jahren? Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation? Wo könnte beziehungsweise sollte Deutschland in fünf Jahren stehen? Diese Fragen von Moderationen Anja Bröker, Journalistin des WDR, gaben der Diskussion grob gesagt die Struktur. Inhaltlich war die Debatte sehr breit gefächert: das Verhältnis zu den USA und zu Russland, die Entwicklungen in China und Brasilien, die Außenpolitik der EU, Welthandel und Entwicklungspolitik, Klimawandel, Weltbevölkerungswachstum und Migranten-Bewegungen, Multilateralismus und Nationalismus. Zu all diesen Stichworten bezogen Dr. Imme Scholz, Soziologin und Kommissarische Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz Josef Radermacher, Informatiker und Mathematiker an der Universität Ulm sowie Mitglied im Club of Rome, und Prof. Dr. Christian Hacke, emeritierter Politikwissenschaftler der Universität Bonn, Position.
 
Prof. Hacke skizzierte die außenpolitische Position Deutschlands als eine Entwicklung des Niedergangs und des Bedeutungsverlustes, der paradoxerweise zu dem Punkt einsetzte als die Wiedervereinigung aus Deutschland eine „geeinte Nation“ machte: „Wir waren einmal Amerikas Bündnispartner Nummer Eins. Jetzt sind wir eher ein Gegner oder werden sogar als Feind betrachtet.“ Hacke plädierte für ein stärkeres außenpolitisches Engagement Deutschlands auch und gerade in militärischer Hinsicht.

Prof. Radermachers Diagnose hinsichtlich der Herausforderungen der Weltgesellschaft fiel zunächst pessimistisch aus: „Mein Befund ist, dass sich die Situation verschlechtert.“ Da müsse man nur die Explosion des Weltbevölkerungswachstums hochrechnen. Prognosen gingen von bis zu zehn Milliarden Menschen in 2050 aus. Das sei eine echte Überlebensfrage, die auch deutsche Politik nicht länger ignorieren dürfe. Ansätze für eine effektivere Entwicklungspolitik sieht er sehr wohl und warb für einen Marshallplan mit Afrika. Dieser sollte dann unter anderem ein umfangreiches Aufforstungsprogramm beinhalten.

Dr. Scholz wies daraufhin, dass die Ungleichheit der wirtschaftlichen Verhältnisse weltweit ein massives Problem darstelle und das zu einem Zeitpunkt, zu dem der Multilateralismus in der Krise sei, liberale Weltordnung und Rechtsstaatlichkeit infrage gestellt würden. Umso wichtiger sei es daher, das Vertrauen in politisches Handeln zurückzugewinnen: „Wir sollten in die Reform und Stärkung der EU investieren“, sagte Scholz, „und dabei die nationalen Interessen nicht unterdrücken“.

Einfache Antworten auf die Frage nach der künftigen außenpolitischen Rolle Deutschlands konnten und wollten die Diskutanten nicht geben. Auch dominierte das Konstatieren von Krisen die Diskussion dafür zu sehr. Dafür gelang das, was Prof. Hacke bei aller Wertschätzung für den pragmatischen Umgang der Bundeskanzlerin mit schwierigen Partnern, am meisten in der deutschen Politik vermisst: eine offene und kontroverse Debatte zu führen, in der keine Position von vornherein als alternativlos gilt.

Breit gefächerte Debatte:
Prof. Dr. Stephan Conermann,
Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Hoch
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