24. Juni 2014

Bizarrer Parasit aus dem Jura Bizarrer Parasit aus dem Jura

Forscher der Uni Bonn und aus China entdecken eine fossile Fliegenlarve mit spektakulärem Saugapparat

Vor rund 165 Millionen Jahren tummelte sich in Süßwasserseen der heutigen Inneren Mongolei (China) ein spektakulärer Parasit: Eine Fliegenlarve, bei der der Brustteil komplett zu einem Saugnapf umgestaltet war. Damit heftete sich das Tier an Salamander und saugte mit seinem als Stachel umgestalteten Mundwerkzeug deren Blut. Bislang ist kein Insekt bekannt, das über einen vergleichbaren, spezialisierten Bauplan verfügt. Das internationale Wissenschaftlerteam stellt seine Ergebnisse nun im Fachjournal “eLIFE” vor.

Salamander dienten als Wirt:
Salamander dienten als Wirt: - Die künstlerische Darstellung zeigt, wie sich die Fliegenlarven auf der Haut des Lurchs festsaugen. © Grafik: Yang Dinghua, Nanjing
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Die längliche Fliegenlarve hat im Lauf der Evolution extreme Umbildungen erfahren: Der Kopf ist im Vergleich zum Körper winzig, schlauchförmig und mündet vorne in ein stachelähnliches Mundwerkzeug. Der Brustteil ist komplett zu einem gigantischen Saugnapf umgebildet, woran sich der Hinterleib mit den raupenartigen Beinchen anschließt. Das internationale Forscherteam ist sich sicher: Es handelt sich bei dem rund zwei Zentimeter langen, ungewöhnlichen Tier um einen Parasiten, der vor rund 165 Millionen Jahren im heutigen China in einer Seenlandschaft lebte. Im Süßwasser krabbelte der Schmarotzer auf vorbeischwimmende Salamander, heftete sich mit seinem Saugnapf fest und durchdrang mit seinem spitzen Stachel die dünne Haut des Lurchs, um Blut aus ihm zu saugen.

„Der Parasit saß wie die Made im Speck“, sagt Prof. Dr. Jes Rust vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn. Denn Salamander habe es in den Seen sehr viele gegeben, wie Fossilfunde an dem Fundort in der Nähe von Ningcheng in der Inneren Mongolei (China) bezeugen. „Dort fanden Wissenschaftler bisher auch Fossilien von rund 300.000 unterschiedlichsten Insekten“, berichtet der chinesische Wissenschaftler Dr. Bo Wang, der als Postdoc mit Förderung der Alexander von Humboldt-Stiftung in der Paläontologie der Universität Bonn forscht. Etliche dieser Versteinerungen sind auf die spektakuläre Fliegenlarve zurückzuführen, die den wissenschaftlichen Namen „Qiyia jurassica“ erhielt. „Qiyia“ bedeutet auf Chinesisch so viel wie „bizarr“, „jurassica“ ist dem Ablagerungszeitraum des Jura geschuldet.

Ein feinkörniger Tonstein sorgte für die gute Erhaltung des Fossils

Für das internationale Team aus Wissenschaftlern der Universität Bonn, der Linyi University (China), des Nanjing Instituts für Geologie und Paläontologie (China), der Universität Kansas (USA) und dem Naturhistorischen Museum London (England) ist die Insektenlarve ein spektakulärer Fund: „Es gibt heute kein Insekt mehr, dass über einen vergleichbaren Körperbau verfügt“, sagt Dr. Bo Wang. Dass sich die bizarre Larve aus dem Jura bis heute so gut erhalten hat, ist zum einen dem feinkörnigen Tonstein zu verdanken, in dem die Tiere eingebettet wurden. „Je feiner die Körnung ist, desto besser zeichnen sich die Details in den Fossilien ab“, erklärt Privatdozent Dr. Torsten Wappler vom Steinmann-Institut der Universität Bonn. Zum anderen haben die Bedingungen im Bodenwasser dafür gesorgt, dass die Zersetzung durch Bakterien unterbunden wurde.

Erstaunlicherweise wurden in den Sedimenten der Süßwasserseen aus dem Jura keine versteinerten Fische gefunden. „Dagegen wimmelte es von fossilisierten Salamandern, die dort zu Tausenden zutage gefördert wurden“, sagt Dr. Bo Wang. Diese Besonderheit könnte erklären, warum sich die bizarren Parasiten so stark in den Seen ausgebreitet haben: Fische sind die Fressfeinde von Fliegenlarven und halten sie normalerweise in Schach. „Die extremen Anpassungen im Bauplan von Qiyia jurassica zeigen, wie sehr sich Organismen im Zuge der Evolution spezialisieren können“, sagt Prof. Rust.

So unangenehm die Parasiten für die Salamander waren, an den Fliegenlarven gestorben sind sie nicht. „Ein Parasit darf seinen Wirt frühestens dann töten, wenn er sein Ziel, zum Beispiel Fortpflanzung oder Nahrungsaufnahme erreicht hat“, erklärt Dr. Wappler. Wenn Qiyia jurassica das Larvenstadium durchlaufen hatte, verwandelte es sich im Zuge der Metamorphose in ein erwachsenes Insekt. Wie das ausgesehen und gelebt haben mag, dafür haben die Wissenschaftler noch keine Anhaltspunkte.

Publikation: Extreme adaptations for aquatic ectoparasitism in a Jurassic fly larva, Fachjournal “eLIFE”, DOI: 10.7554/elife.02844, Internet:
elifesciences.org/lookup/doi/10.7554/elife.02844

Kontakt für die Medien:

Dr. Bo Wang
Steinmann-Institut der Universität Bonn
und State Key Laboratory of Palaeobiology and Stratigraphy
Nanjing Institute of Geology and Palaeontology
Chinese Academy of Sciences (Nanjing/China)
Tel. (0086)13951982860
E-Mail: savantwang@gmail.com

Prof. Dr. Jes Rust
Steinmann-Institut der Universität Bonn
Tel. 0228/734842
E-Mail: jrust@uni-bonn.de

Privatdozent Dr. Torsten Wappler
Steinmann-Institut der Universität Bonn
Tel. 0228/734682
E-Mail: twappler@uni-bonn.de

Ungewöhnlicher Parasit:
Ungewöhnlicher Parasit: - Der Kopf von Qiyia jurassica ist im Vergleich zum Körper winzig, schlauchförmig und mündet vorne in ein stachelähnliches Mundwerkzeug. Der Brustteil ist zu einem Saugnapf umgebildet, woran sich der Hinterleib mit den raupenartigen Beinchen anschließt. © Grafik: Yang Dinghua, Nanjing
Das Fossil:
Das Fossil: - Durch den feinkörnigen Tonstein sind die Details des rund zwei Zentimeter langen Parasiten Qiyia jurassica sehr gut zu erkennen. © Foto: Bo Wang/Nanjing
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