04. Februar 2007

Dinoschädel nach 170 Jahren wieder vollständig Dinoschädel nach 170 Jahren wieder vollständig

Fragmente werden vor laufender Kamera zusammengefügt

Als Dr. August Goldfuß 1842 in Mainz das Skelett eines krokodilartigen Raubsauriers vorstellte, war das eine wissenschaftliche Sensation: Schließlich war es das erste Mal, dass ein fast unversehrter fossiler Schädel des "Meeresungeheuers" Mosasaurus gezeigt wurde. Was fehlte, war allerdings die Schnauzenspitze. Erst 2004 tauchte sie in Paris wieder auf. Ein Abguss der Schnauze ist inzwischen auf dem Weg ins Goldfuß-Museum der Universität Bonn, wo auch der Rest des Skeletts lagert. Am Montag, 5. Februar um 11 Uhr findet dort vor laufenden Kameras die "Wiedervereinigung" des Schädels statt " nach mehr als 170 Jahren. Bis Ende März sind die Knochen dann im Museum als "Fossilien des Monats" zu sehen.

Bild Dinoschädel nach 170 Jahren wieder vollständig
Bild Dinoschädel nach 170 Jahren wieder vollständig © Universität Bonn

Die Odyssee des Mosasaurus-Schädels ist auch die Geschichte eines großen Missverständnisses: Anfang der 1830er Jahre fand ein Pelzhändler am Missouri ein Skelett, das er für einen Alligator hielt. Die fossilen Knochen waren in eine Felswand eingeschlossen; die Schnauzenspitze ragte jedoch hervor. Der Händler brach sie ab und verkaufte sie im nahen St. Louis an einen Sammler. Über Umwege landete das Fragment schließlich im Besitz des Chirurgen und Naturkundlers Dr. Richard Harlan. Der hielt es für den fossilen Rest einer bis dahin unbekannten Dinosaurierart, die er 1834 auf den Namen "Ichthyosaurus missouriensis" taufte.

Zur selben Zeit unternahm der deutsche Naturkundler und Ethnologe Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied eine Expedition durch den Westen der USA. In St. Louis stieß er auf das Skelett eines alligatorähnlichen Tieres, das kurz zuvor am Missouri ausgegraben worden war. Es war ausgesprochen gut erhalten; nur die Schnauzenspitze fehlte. Prinz Maximilian ließ es nach Deutschland verschiffen und übergab es dort dem deutschen Wissenschaftler Dr. August Goldfuß.

Goldfuß erkannte, dass es sich um eine neue Art des Meeressauriers "Mosasaurus" handeln musste. Er bedankte sich bei seinem Gönner, indem er der Art den Namen "Mosasaurus maximiliani" verlieh. 1845 publizierte er ein Buch über den Fund, das auch ausgesprochen detaillierte Zeichnungen des Schädels enthielt. Auch Richard Harlan hatte die Schnauzenspitze mit Feder und Tusche festgehalten. Schnell mehrten sich die Stimmen, dass "sein" Fragment den Skizzen nach hervorragend an den von Goldfuß beschriebenen Fund zu passen schien. Einen endgültigen Beweis gab es aber nicht: Die Schnauzenspitze galt nach dem Tode Harlans als verschollen.

Bis zum Jahr 2004. Dann stießen die beiden US-Paläontologen Gordon Bell und Mike Caldwell bei Recherchen im Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris auf ein ungewöhnliches Knochenfragment, das ihnen bekannt vorkam: Die Schnauze des angeblichen "Ichthyosaurus missouriensis", die so lange verschwunden gewesen war. Dr. Richard Harlan hatte sie wohl kurz vor seinem Tode dem berühmten Museum vermacht. Dort hatte man es registriert und prompt vergessen.

Mosasaurus verlor seinen blaublütigen Nachnamen

Als wertvolles Belegexemplar wird die Original-Schnauzenspitze in Paris bleiben. Momentan ist aber ein Abguss auf dem Weg nach Deutschland. Im Goldfuß-Museums der Bonner Universität lagert nämlich der Rest des Originalskeletts. "Wenn die Schnauze passt, ist endgültig bewiesen, dass Harlan keinen Ichthyosaurus beschrieben hatte, sondern eine neue Mosasaurus-Art " und das schon Jahre vor August Goldfuß", erklärt der Kustos des Museums Dr. Martin Sander. "Damit könnte der Fund so viele Jahre nach seiner Entdeckung noch einmal Wissenschaftsgeschichte schreiben." Denn wer eine Art als erstes wissenschaftlich beschreibt, dem gebührt das Recht der Namensgebung. Schon 1969 wurde der Meeressaurier daher auf Verdacht umbenannt. In Anlehnung an Harlans ursprünglichen Vorschlag heißt er seitdem "Mosasaurus missouriensis". "Der endgültige Beweis ist aber noch nicht erbracht", betont Sander.

Dass Harlan das Schnauzenfragment ausgerechnet nach Paris schickte, ist übrigens kein Wunder: Frankreichs Hauptstadt genoss unter Paläontologen damals einen hervorragenden Ruf. Hier hatte schließlich bis in die 1830er Jahre der berühmte Georges Cuvier geforscht und gelehrt. Der Franzose gilt als Begründer der Paläontologie. "Eine seiner wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse verdankte Cuvier übrigens just dem Mosasaurus", erklärt Martin Sander. "Allerdings nicht unserem: 1770 waren bereits in der Nähe von Maastricht erste Mosasaurus-Fossilien gefunden worden. Napoleon erbeutete sie später und ließ sie nach Paris bringen, wo Cuvier sie untersuchte." Der französische Naturforscher erkannte, dass die Überreste von einem Tier stammten, das es gar nicht mehr gab. "Cuvier wies so erstmalig nach, dass Arten tatsächlich aussterben können", sagt Sander. "Eine revolutionäre Entdeckung!"

Am 5. Februar um 11 Uhr wird der Schnauzenabguss im Goldfuß-Museum der Uni Bonn, Nussallee 8, an den Original-Schädel angepasst. Journalisten sind dazu herzlich willkommen; um Anmeldung unter 0228/73-7647 (Vera Schmitz) oder per Mail an v.schmitz@uni-bonn.de wird gebeten.


Kontakt:
Dr. Martin Sander
Institut für Paläontologie
Telefon: 0228/73-3105
E-Mail: martin.sander@uni-bonn.de







Bilder zu dieser Pressemitteilung:

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Schädel von Mosasaurus missouriensis. Foto: Georg Oleschinski / Uni Bonn



Passt, wackelt, hat Luft: Nach 170 Jahren kommt der Mosasaurus-Schädel wieder zu seiner Schnauzenspitze. Fotos: Frank Luerweg / Uni Bonn












Bild Dinoschädel nach 170 Jahren wieder vollständig
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