Wie „hemdsärmlig“ ist die Kleiderordnung tatsächlich beim Häko?
Robert Glaum: Die Zeiten von Anzug, Krawatte und heldenhaft durchgestandenen Hitzewellen im Hörsaal sind spätestens seit dem tropischen Sommer 2006 passé. Heute dominieren Jeans und Polohemden das Bild, ganz im Sinne thermischer Vernunft. „Hemdsärmlig“ meint allerdings weniger freie Unterarme als vielmehr den entspannten, kollegialen Umgang. Hier zählt die gute Idee mehr als der perfekte Knoten in der Krawatte.
Nach welchen Regeln läuft es ab?
Erstaunlich einfachen: Drei Tage lang versammeln wir uns geschlossen im Großen Hörsaal auf dem Campus Poppelsdorf – kein Parallelprogramm, kein Davonschleichen. Rund 60 Teilnehmende präsentieren jeweils maximal 15 Minuten. Oft kennen wir vorab nur ein paar kryptische Stichworte. Was genau dahintersteckt, erfahren wir erst live – wissenschaftliches Überraschungsei inklusive.
Wie viel Raum bleibt für Diskussionen?
Großzügige fünf bis zehn Minuten – und die haben es in sich. Hier darf unverblümt gefragt, kritisch nachgehakt und pointiert widersprochen werden – ganz vertraulich natürlich. Bisweilen nimmt der Kampf um Wahrheit und wissenschaftliche Korrektheit die Züge eines Duells an: Die Kontrahenten verteidigen und attackieren, mal mit Finesse, mal grob und direkt, dabei aber immer im Interesse wissenschaftlicher Erkenntnis. Das Publikum verfolgt die Wortduelle gespannt – gelegentlich auch mit ungläubigem Raunen, schmerzendem Stöhnen oder belustigtem Johlen. Am Ende steht für alle ein Gewinn an Erkenntnis.
Steht der klassische wissenschaftliche Disput im Mittelpunkt?
Aber selbstverständlich – schließlich ringen wir mit Leidenschaft um die beste Erklärung für rätselhafte Phänomene der Festkörperchemie und Materialforschung. Mitunter sucht jemand ein halbes Forscherleben einem Syntheseweg für eine „nicht-existierende“ chemische Verbindung oder nach der Antwort, warum sich ein Feststoff mit einer bestimmten Kristallstruktur physikalisch ausgerechnet so und nicht anders verhält – Atome sind bekanntlich eigensinnig. Da beim Häko ganz unterschiedliche Arbeitsgruppen vertreten sind, können wir aus den Vollen schöpfen. Sehr häufig entstehen aus den scharfen Diskussionen und Gesprächen beim Kaffee interdisziplinäre Zusammenarbeiten; so wurde manches chemische Rätsel gelöst und die Antwort dann auf dem nächsten Häko gemeinsam präsentiert.
Wie zurückhaltend sind die Jungen – also Studierende und Promovierende?
Überraschend wenig – jedenfalls nach ein paar Augenblicken. Zunächst schauen sie meist still zu, tauschen sich in eigenen Foren aus und sammeln Eindrücke. Später übernehmen sie selbst das Rednerpult. Zwischen Laboren entstehen dann ungezwungene Kooperationen: „Schick mir deine Probe, wir checken das mal!“ – so verbinden sich Teams mit ganz unterschiedlichen Methoden zu spontanen Forschungs-Allianzen.
Welche Erfahrungen haben Sie als junger Mensch bei der Häko gemacht?
Ganz ehrlich: Beeindruckend! Sonst wird kaum so offen diskutiert. Die chemischen Grundlagen kannte ich aus dem Studium – aber nach drei Tagen Häko sah ich plötzlich glasklar, welche Themen gerade heiß laufen und wie clever nach Lösungen gesucht wird. Besser als jedes Lehrbuch – und viel lebendiger!
Welches Thema wurde diesmal ausführlicher diskutiert?
Ich glaube, die Forschungsgebiete der beiden Preisträger zeigen, dass diese Frage nicht so einfach beantwortet werden kann. Die Bandbreite der Vortragsthemen reicht von elementarster Grundlagenforschung über die Entwicklung innovativer Messmethoden bis hin zu vielfältigen Anwendungen, etwa in der Medizin, der Katalyse oder den erneuerbaren Energien. Deshalb steht diese Tagung bewusst nie unter einem Leitthema, sondern schafft Raum für einen offenen, uneingeschränkten wissenschaftlichen Austausch.
Sie verlangen keine Tagungsgebühren – wie finanzieren Sie das Kolloquium?
Die Teilnehmenden zahlen nur ihre Reisekosten und Unterkunft, den Rest stemmen die Gastgeber gemeinsam mit Sponsoren. Hersteller von Messgeräten und Laborausstattung sind live vor Ort – oft mit bekannten Gesichtern aus der Alumni-Ecke. Schließlich finden viele Absolventen bei diesen Firmen einen Arbeitsplatz, weil sie während ihrer Promotion mit diesen Geräten gearbeitet haben. Für viele fühlt es sich dann an wie ein großes Familientreffen.
Nun kommen wir zum wissenschaftlichen Kern des Kolloquiums: Was wird in der Festkörperchemie erforscht?
Die Festkörperchemie beschäftigt sich mit festen Stoffen wie Metallen, Keramiken oder Halbleitern – also mit allem, was nicht einfach davonfließt. Sie untersucht, wie Atome in einem Material ordentlich (oder manchmal auch weniger ordentlich) angeordnet sind und warum genau das darüber entscheidet, ob etwas hart wie Diamant ist, elektrisch halbleitend wie Silizium im Computerchip oder gar als Katalysator taugt. Ein besonders wichtiges Werkzeug ist die Röntgenbeugung. Dabei schießt man Röntgenstrahlen auf einen Kristall und erhält ein charakteristisches Beugungsmuster. Aus diesem Muster lässt sich berechnen, wie die Atome im Inneren angeordnet sind – ein bisschen wie Detektivarbeit im Nanomaßstab. So hilft die Festkörperchemie, neue Materialien für Akkus, Solarzellen und viele Alltagsgeräte zu entwickeln.