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Datum: 16.06.2020

Sinnstiftung gegen die Not Wie kulturelle Muster Objekte zu emotionalen Ankern in Krisen aufladen können

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Die Corona-Pandemie beeinflusst unser tägliches Leben im bislang kaum gekannten Ausmaß. Doch so einmalig ist die Krise nicht, wie ein Blick Jahrtausende zurück zeigt. Dominic Jacobs, Annika Felten und Ludwig Morenz von der Ägyptologie der Universität Bonn reflektieren die Seuchen am Nil.

Zu Beginn der aktuellen Corona-Krise machten beunruhigende Berichte von Hamster-Käufen die Runde, zunächst jedenfalls wohl weniger ein rationales wirtschaftliches als ein von einer Krisenfurcht getriggertes massenpsychologisches Phänomen. Die tatsächlich massiv erhöhten Absatzzahlen führten dann zu Beschränkungen im Verkauf bestimmter Artikel. Besondere Konjunktur erlebten in den ersten Wochen natürlich krisenfeste Artikel wie lang haltbare Lebensmittel und vor allem – das spiegelt sich auch in dem enormen Preisanstieg in nur wenigen Wochen wider – Hygieneartikel von Desinfektionsmitteln über Toilettenpapier bis zu Atemschutzmasken. Gerade die beiden letztgenannten Objekte verdeutlichen unsere Hilfslosigkeit in einer für die meisten Menschen neuen Situation. So konnte man vereinzelt Personen in den Supermärkten beobachten, die sich mit einer einfachen medizinischen Atemschutzmaske nicht zufriedengaben, sondern auf eine für das nukleare Schlachtfeld taugliche ABC-Atemschutzmaske aus alten Bundeswehr-Beständen setzten. Ebenso wurde die Situation einige Wochen von einer (vermeintlichen) Toilettenpapier-Knappheit begleitet, was handlungsleitend wirkte und sehr reale Folgen zeigte (frei nach Karl Marx: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift…“).

Offenbar neigen wir Menschen zudem dazu, in Situationen gesteigerter Hilflosigkeit Objekte mit Bedeutung aufzuladen, ihnen einen Sinnüberschuss zuzuschreiben. Bestimmte Objekte dienen der Externalisierung von Ängsten und Hoffnungen, machen sie greifbar oder zumindest scheinbar begreifbar. So generieren wir ein Gefühl, in einer Situation, gegen die man erstmal nicht viel ausrichten kann (Stichwort: fehlender Impfstoff), trotzdem etwas zu machen und somit ein Stück Kontrolle zurückzuerlangen und Ängste zu bändigen. Diese Art Krisenmanagement durch Sinnstiftung berührt den Fragehorizont unseres BMBF-Verbundprojekts „Sinnüberschuss und Sinnreduktion von, durch und mit Objekten. Materialität von Kulturtechniken zur Bewältigung von Außergewöhnlichem“ (Laufzeit 2018-2021). Dabei fällt in unserem aktuellen Horizont der Corona-Krise neues Licht auf Jahrtausende alte Verhaltensmuster, die wir aus textlichen und bildlichen Quellen der pharaonischen Hochkultur (selbstverständlich ein problematischer Begriff) am Nil kennen.

Der Tod kam mit der Nilflut

Ägypten als Mnemotop ist nicht nur das Land der biblischen Plagen, aus dem Mose das Volk Israel führte (Exodus), sondern praktisch auch ein Land, das in seiner immerhin 3000 Jahre andauernden pharaonischen Historie durch eine ganze Reihe immer wiederkehrender Seuchen geplagt wurde, deren Entstehung und Verbreitung vor allem erst durch den Nil ermöglicht wurde. Man muss sich nur einmal das ambivalente Verhältnis in den Sinn rufen, das die Ägypter zu ihrem Fluss gehabt haben dürften: einerseits war Ägypten als Flußtal-Oase „Geschenk des Nils“ (so der griechische „Vater der Geschichtsschreibung“ und Reisestiftsteller Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr.), brachte reiche Ernten und ermöglichte überhaupt erst das Leben in dieser sonst so lebensfeindlichen Region des afrikanischen Kontinents. Andererseits war die jährliche Nilflut derart unberechenbar, dass ihr Ausbleiben zu Hungersnöten führen, genauso gut aber auch weite Teile des Niltals unter Wasser setzen konnte, diese in ein weitläufiges Sumpfgebiet verwandelte und somit nicht nur die Behausungen und Besitztümer der Menschen zerstörte, sondern gleichzeitig auch der Verbreitung von Krankheiten Vorschub leistete. Denn gerade der durch die herangetragenen Wassermassen verlangsamte Flusslauf, bot Krankheitserregern und deren Überträgern ein vorzügliches Brutnest. Ein Problem, das übrigens erst in der Moderne durch den unter Gamal Abdel Nasser begonnenen und dann 1971 unter Anwar as-Sadat eröffneten Assuan-Staudamm als Nebeneffekt gelöst wurde.

Das Auftreten dieser Nilflut-Seuchen war für die Ägypter im Laufe der Jahrhunderte derart vorhersehbar geworden, dass sie ihr spätestens ab dem Mittleren Reich (Ende des Dritten Jahrtausends v. Chr.) nicht nur den Namen jadet renpet „Seuche des Jahres“ (= jährliche Seuche) verliehen, sondern ihr Auftreten auch noch als festes Datum seinen Weg in den ägyptischen Kalender fand. Dieses war eine 60-tägige Periode vom 24.9. bis 22.11. des gregorianischen Jahres, das heißt circa zwei Monate nach Auftreten der eigentlichen Nilflut. Dabei dürfen wir in dem Begriff jadet „Seuche“ einen Sammelbegriff für allerlei verschiedene Krankheitserscheinungen vermuten, womit auch die im alten Ägypten immer wieder auftretenden Pest-, Typhus- oder Bilharziose-Epidemien gemeint sein könnten.

Bezeichnenderweise kannte man auch eine Reihe von Seuchen, deren Ursprung im eigentlich ausnahmslos negativ konnotierten Ausland und deren fremden Göttern vermutet wurde. So ist etwa die Lepra als „Asiaten-Krankheit“ bekannt geworden – aktuelle Vergleiche mit Donald Trumps rassistischen Aussagen zur Chinese Disease drängen sich auf. Für das Auftreten der heimischen Seuchen wurde zwar der Zusammenhang mit der jährlichen Nilflut angesetzt, aber die aus moderner Perspektive relevanten biologischen Ursachen wurden weder gesucht noch gesehen. Selbstverständlich suchten die Ägypter vielmehr im traditionalen Rahmen ihrer Sinnsysteme und Wissenskultur(en) nach Gründen und Erklärungen des Außergewöhnlichen. Sie fanden Begründungen dafür vor allem in der Welt ihrer Götter, und diese Götter gehörten selbstverständlich und substantiell zur traditionellen Lebenswelt. So wurde ein sinnstiftendes Narrativ gewoben, das kulturintern stimmig wirkte und Handlungspraktiken generierte. Nach Jahrtausenden können wir es heute archäologisch in verschiedenen Objekten materialisiert finden.

Erzürne nicht die Löwin Sachmet!

Immer, wenn die Jahrtausende alten ägyptischen Quellen Krankheiten und Seuchen behandeln, dann ist die Erwähnung einer Göttin nicht weit: Sachmet, die löwengestaltige Göttin (ikonographisch als Löwin oder vor allem als Frau mit Löwenkopf dargestellt), die wie so viele andere ägyptische Gottheiten eine recht ambivalente Rolle in der Götterwelt einnimmt, denn einerseits tritt sie oft als Beschützerin und Kriegerin des Königs auf, andererseits steht sie auch – oder vielleicht gerade deshalb – immer in Verbindung mit Tod und Krankheit. Letzteres war natürlich in zwei Richtungen gültig: einerseits konnte sie durch Aussenden ihrer sogenannten „Boten“ – aggressiven Dämonen – die Menschen mit Krankheit strafen, andererseits konnte sie auch Krankheiten heilen, wenn sie entsprechend zufrieden gestellt wurde.

Dies verdeutlicht die in Ägypten vorherrschende enge Verbindung von Religion und Heilkunde, und so überrascht es auch nicht, dass beispielsweise viele Ärzte (ägypt. sewenu) gleichzeitig auch Sachmet-Priester waren. Zwar kannten die Ägypter für viele Beschwerden des Körpers durchaus auch natürliche Ursachen (für viele Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts wurde etwa eine falsche Ernährungsweise erkannt), allerdings vermutete man hinter dem Großteil der Krankheiten, die ja oft auch ohne äußerlich erkennbare physiologische Ursachen auftraten, einen göttlichen oder dämonischen Verursacher. Um diesem beizukommen, griff man deshalb auf ein bestimmtes Mittel zurück: die Medico-Magie (ägypt. heka).

Die Bedeutung der Medico-Magie für die Kranken materialisiert sich unter anderem in den zahlreichen Heka-Objekten, die in unserer projektspezifischen Fragestellung im Untersuchungszentrum stehen. Dazu zählen die zahlreichen mit Sachmet verbundenen und dadurch mit Sinn aufgeladenen Heka-Objekte wie etwa die zu Tausenden und Zehntausenden angefertigten Amulette, Statuetten und Statuen (mit der ganzen Bandbreite von religiöser Kunst bis zu heiliger Massenware), die den Menschen ein Mittel zur Bewältigung entsprechender Krisensituationen an die Hand gaben.

Das hier dargestellte Amulett stammt aus einem Grab der Nekropole namens Qubbet el-Hawa bei Assuan an der damaligen Südgrenze Ägyptens (Fig. 1) und datiert in das Erste Jahrtausend v. Chr. Dieses Amulett stammt aus den Bonner Grabungen unter der Leitung Elmar Edels und wird heute im Ägyptischen Nationalmuseum in Kairo aufbewahrt. Es zeigt die löwenköpfige Sachmet unter der geflügelten Sonne, die in ihren Händen ein Lebenszeichen (Anch-Zeichen) und einen Stab mit bekrönender Lotosblüte hält. Hier wird in Miniaturform eine monumentale Stele imitiert.

Die Öse an der Rückseite des Amuletts deutet darauf hin, dass es an einer Schnur oder Kette getragen wurde. Sachmet sollte hier eindeutig in ihrer heilenden Funktion eintreten, wie an den Attributen zu erkennen ist: Das Lebenszeichen und die Lotosblume standen symbolisch für die Lebensspende, die Neu- und Wiedergeburt, und sollten die Kranken heilen und vor Unheil beschützen. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Besitzer dieses Amuletts erkrankt war oder jedenfalls große Angst vor Erkrankungen hatte und dieses Amulett trug, um mithilfe der heilenden Magie der Göttin Sachmet jene Krankheiten zu bewältigen. Noch sehr viel häufiger als dieses stelenförmige Objekt waren Statuetten wie die folgende kleine Sachmetfigur. Sie kam als Bestandteil der Privatsammlung Lisa Schwarz in das Bonner Ägyptische Museum (Fig. 2).
   
Wie auf der Amulett-Stele von der Qubbet el Hawa ist Sachmet hier in der typischen ägyptischen Götterikonographie als Frau mit Löwenkopf charakterisiert. Diese Figuren aus Fayence  wurden in Modeln in einer Art Massenproduktion hergestellt. Dabei zeigt die Öse oberhalb des Kopfes, wie diese Statuette wie ein Amulett den Hals umgehängt getragen werden konnte. Ikonographisch markant ist das Kätzchen am Fuß der Löwengöttin. Den mythologischen Hintergrund hierfür bildet die in diversen Texten und Bildern seit dem Alten Reich bis in die Römerzeit bezeugte Vorstellung, daß die aggressive Löwin („Sachmet“ = „die Mächtige“) mit einem Rauschtrunk (Bier oder Wein) in einem großen Fest (wir kennen neben ägyptischen Quellen dafür auch die Schilderung des griechischen Reiseschriftstellers Herodot) zur friedlich-freundlichen Katze (Bastet) besänftigt wird. Man lebte mit den Mythen.

Ihre eindrücklichste Ausprägung erfuhr diese Praxis der magischen Krankheitsbewältigung mit Sinnbezug auf Sachmet schließlich im Statuenprogramm des Königs Amenhotep III. (18. Dyn., Neues Reich, 14. Jhd. v. Chr.), Vater des späteren „Ketzerkönigs“ Echnaton. Während seiner Regierungszeit entstanden schätzungsweise 730 lebensgroße Sachmet-Statuen, jeweils eine sitzende und eine stehende Statue für die 365 Tage des Jahres, von denen heute noch ca. 600 erhalten geblieben sind (Fig. 3).
 
Sie stammen wahrscheinlich allesamt aus seinem „Millionenjahrhaus“ (ägyptischer Name des Totentempels, bezieht sich auf das ewige Jenseitsleben) in Kom El Heitan, Theben und wurden nach seinem Tod insbesondere im Mut-Tempel von Karnak aufgestellt. Diese außergewöhnlich große Anzahl an Statuen legt die Annahme nahe, dass der König unter einer schweren Krankheit litt und dieser letztlich zum Opfer fiel, jedenfalls kennen wir keinen anderen König, der jemals einen vergleichbaren Aufwand für seine Gesundheit betrieben hat.

Wenn die große Menge an Statuen einen Vergleich zum Toilettenpapier-Kaufverhalten einiger Mitbürger nahelegen mag, mag doch hinter dem Statuenprogramm mehr gesteckt haben, als die bloße magische Prämisse eines „viel hilft viel“. Hier wurde eine individuelle Krise – die massive Krankheit des Herrschers – zu einem die Gesellschaft im Blick auf ökonomischen Aufwand, aber auch kulturelle Inszenierung stark prägenden Phänomen.

Unsere anthropologische Reaktionspalette auf Krisen changiert zwischen einem simplen Leugnen bis zu verschiedensten Versuchen ihnen irgendwie zu begegnen und sie spezifischer zu bewältigen oder in Fällen wie – gerade in westeuropäischer Perspektive und abendländischer Tradition viel diskutiert – den Trumps und Bolsonaros dieser Welt, sie für bestimmte Zwecke zu instrumentalisieren. Wenn D. Trump im März einen kompletten Stopp aller Flüge aus China verfügte und das mit Corona begründete, scheint dies im Nachhinein vielleicht hygienetechnisch begründbar, war aber wahrscheinlich primär politisch motiviert. Solche Ideologiekritik erscheint für unsere Gegenwart zumindest im Prinzip einfach, während sie für das Altertum stärker am Überlieferungszufall hängt.

Wenn Entzauberung der Welt (Max Weber) als ein erfolgreiches Paradigma der westlichen Moderne gesehen werden kann, bedürfen wir in dieser kalten Welt anscheinend trotzdem immer wieder Sinnstiftungsnarrativen. Als Augenöffner jenseits unserer vertrauten Alltagspraktiken kann uns gerade ein Blick in alte Kulturen neue Horizonte eröffnen, und zwar sowohl unsere Sicht auf „die Alten“ als auch auf uns selbst, aber auch Mechanismen und Strukturen dieser Sinnstiftungsnarrative.


Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!

Das Dezernat für Hochschulkommunikation veröffentlicht unter dem Titel: „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ Beiträge aus der Universität Bonn, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Als Bildungseinrichtung will die Universität Bonn damit auch in schwierigen Zeiten im Diskurs bleiben und die universitäre Gemeinschaft fördern. In loser Folge erscheinen dazu auf der Website der Universität Bonn Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

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