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Datum: 18.05.2020

Lebenszeichen: Internationale Forschende und die „Corona-Krise“ Wie internationale Wissenschaftler Reisebeschränkungen erleben – und das Welcome Center ihnen hilft

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Bedingt durch die Corona-Pandemie ist der wissenschaftliche Austausch und die Mobilität der Forschenden heute sehr erschwert. Für viele bedeuten Einreise-Verbote und Ausgangssperren, dass sie längst geplante Reisen nicht unternehmen und neue Stellen nicht persönlich antreten können. An der Universität Bonn kümmert sich das Welcome Center um „Gestrandete“. Campus-Reporter Alexander Mertes berichtet darüber in der Reihe „Lebenszeichen“.

Text: Campus-Reporter Alexander Mertes (der diesen Bericht Ulrike Eva Klopp widmet)

Dr. Adam Morris betritt nach seinem Arbeitstag am CERN das kleine Zimmer, das er vor ein paar Tagen in einem Hostel in Saint-Genis-Pouilly in Frankreich bezogen hat. Er zieht seine Jacke aus und hängt sie in den Kleiderschrank neben dem kleinen Waschbecken. Anschließend geht er an einem ebenfalls recht überschaubar dimensionierten Schreibtisch vorbei und legt seine Tasche auf das Bett. Dabei wirft er dem lauten Kühlschrank einen bösen Blick zu, obwohl ihn die Geräusche nicht mehr so stören, wie es am ersten Tag der Fall war. Die Küche und das Badezimmer teilt er sich mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern. Es ist Ende Februar 2020 und der Physiker Adam Morris ahnt noch nicht, dass die nächsten Wochen seines Lebens anders verlaufen, als sie geplant waren.

Vor kurzem hat Adam Morris seine Wohnung in Marseille aufgelöst, in der er während der letzten drei Jahre lebte, während er an der dortigen Universität als Postdoc arbeitete. Nach einem Monat am CERN soll er ab 1. April 2020 am Helmholtz-Institut für Strahlen- und Kernphysik (HISKP) der Universität Bonn arbeiten. Adam Morris geht nun zum Waschbecken und wäscht sich mit Wasser und Seife die Hände. Seitdem SARS-CoV-2 in Europa angekommen ist, macht er das besonders häufig. Außerdem meidet er die Kantine und nimmt sein Mittagessen selbst mit zur Arbeit. Wie die meisten anderen Menschen in Europa, kann Adam Morris sich noch nicht ausmalen, welche Einschränkungen des täglichen Lebens schon bald erfolgen werden. Relativ schnell erlebt er allerdings die ersten Veränderungen am CERN. Zunächst sind keine Besucher mehr auf dem Gelände erlaubt. Adam Morris ist enttäuscht, da er ein paar Freunden die Teilnahme an einer Besucherführung unter der Erde ermöglichen wollte. Wenige Tage später werden alle wichtigen Besprechungen am CERN nur noch per Videokonferenz durchgeführt. Kurz darauf wird angekündigt, dass ab dem 16. März 2020 keine externen Wissenschaftler mehr auf dem Gelände erlaubt sind, insofern diese nicht besondere Aufgaben haben. Aus diesem Grund entscheidet sich Adam Morris, früher nach Bonn zu reisen. Er bucht ein Zugticket sowie eine Unterkunft für zwei Wochen. Mit Beginn seiner Arbeit an der Universität am 1. April 2020 hat er ein Apartment im Internationalen Gästehaus des Studierendenwerks Bonn gemietet.

Einen Tag vor der Reise, am 15. März 2020, erhält Adam Morris die schlechte Nachricht, dass Deutschland die Grenzen zu Frankreich und der Schweiz am Morgen des 16. März schließen wird. Auf die Schnelle findet er keine frühere Zugverbindung nach Bonn, um noch vor der Grenzschließung nach Deutschland zu kommen. Da ihm nicht klar ist, ob er mit seinem britischen Pass nach Deutschland einreisen darf, entscheidet er sich, die Unterkunft zu stornieren und seinen Aufenthalt im Hostel in Frankreich zu verlängern. Am 16. März 2020 erreicht ihn die nächste schlechte Nachricht: Frankreich verhängt eine Ausgangssperre ab dem nächsten Tag. Adam Morris deckt sich schnell mit Lebensmitteln für eine Woche ein. In den nächsten Tagen darf er nur noch mit einem ausgefüllten Zettel das Hostel verlassen und Einkaufen gehen. Da er keinen Drucker hat, muss er das Dokument jedes Mal vollständig per Hand schreiben. Adam Morris ist mehr oder weniger gefangen, in seinem kleinen Zimmer mit dem Kleiderschrank, Waschbecken, Schreibtisch, Bett und – nicht zu vergessen – dem lauten Kühlschrank.

Auslassdokument

(c) Dr. Adam Morris darf nur noch mit einem ausgefüllten Zettel das Hostel verlassen, Foto: privat

Anlaufstelle für internationale Forschende

Für alle internationale Forschende ab dem Postdoc-Level, dazu gehört auch Adam Morris, ist das Welcome Center des Dezernats für Internationales der Universitätsverwaltung in Bonn die erste Anlaufstelle. Drei festangestellte Mitarbeitende und eine studentische Hilfskraft unterstützen, beraten und informieren Wissenschaftler vor und während ihres Aufenthalts in der Stadt am Rhein. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie für wenige Monate, Jahre oder dauerhaft in Bonn sind. Die Webseite des Welcome Center informiert die internationalen Forschenden über alle für sie relevanten Themen, z.B. die Anmeldung im Bürgeramt und das Eröffnen eines Bankkontos. Zusätzlich werden Checklisten für die Zeit vor dem Aufenthalt in Bonn, nach der Ankunft und vor der Abreise zur Verfügung gestellt.

Über ein Formular können die Forschenden ihre persönlichen Daten hinterlassen und sich somit beim Welcome Center anmelden. Nach einer Begrüßungsmail erhalten die Wissenschaftler regelmäßig Informationen und Einladungen zu Veranstaltungen wie Deutsch-Kursen, Wanderungen, Museumsbesuchen oder dem jährlichen Sommerfest. Selbstverständlich können sie sich auch direkt mit ihren Anliegen an das Welcome Center wenden. Hauptsächlich werden die Gastwissenschaftler bei der Beantragung von Visa, der Aufnahme einer Krankenversicherung und bei der Vereinbarung von Behördenterminen unterstützt. Die Beratung zur Rentenversicherung und Steuern nimmt ebenfalls einen großen Platz ein.

Das Welcome Center hilft zudem bei der Suche nach einer Unterkunft in Bonn. Zimmer im Internationalen Gästehaus des Studierendenwerks Bonn im Stadtteil Endenich werden ausschließlich über das Welcome Center vermittelt. Mehr als 60 eingerichtete Apartments, eingeteilt in fünf verschiedene Typen, stehen zur Verfügung.

Hilfe für „Gestrandete“

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie hat das Welcome Center zusätzlich die Aufgabe übernommen, Forschende der Universität Bonn, die im Ausland „gestrandet“ sind, zu beraten. Hierbei handelt es sich um Personen, die sich bereits beim Ausbruch der Pandemie zu Forschungszwecken im Ausland aufgehalten haben und nun, durch Reisebeschränkungen sowie den Ausfall von Flügen, nicht mehr wie geplant zurück nach Bonn reisen können.

Darüber hinaus hat sich die tägliche Arbeit im Welcome Center in den letzten Wochen sehr verändert. Alle Mitarbeitenden arbeiten im Home-Office, persönliche Beratungstermine können nicht mehr stattfinden und geplante Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Außerdem können keine Termine beim Bonner Stadthaus und dem Ausländeramt vermittelt werden. Die Wissenschaftler, unter ihnen auch Adam Morris, werden regelmäßig über die aktuelle Lage in Deutschland informiert. Der Austausch erfolgt per E-Mail oder Telefon.

Ein Großteil der internationalen Forschenden, die in den nächsten Wochen und Monaten nach Bonn kommen wollten, haben ihren Aufenthalt auf unabsehbare Zeit verschoben. Unter anderem, weil sie aktuell nicht nach Deutschland einreisen dürfen, es keine Reiseverbindungen mehr gibt oder sie es nicht für sinnvoll erachten.

Kein Weg führt nach Hause

Der Forschungsaufenthalt vom Meterologen Dr. Manuel Felipe Rios Gaona neigt sich dem Ende entgegen. Aktuell arbeitet er als Postdoc am Institut für Geowissenschaften. Danach würde er gerne wieder zurück in seine Heimat nach Kolumbien reisen. Da er die kolumbianische Staatsangehörigkeit besitzt, ist dies der einzige Ort, an dem er kein Visum benötigt. Das Land hat allerdings die Grenzen geschlossen und der weltweite Flugverkehr ist eingeschränkt. Daher bleibt Manuel Felipe Rios Gaona nichts anderes übrig, als weiterhin mit seiner Frau in Bonn zu bleiben. Vor kurzem waren die beiden noch besorgt, dass sie sich bald illegal in Deutschland aufhalten würden. Mittlerweile haben sie allerdings einen Brief erhalten, in dem ihnen zugesagt wird, dass sie vorübergehend weiterhin bleiben dürfen. Nun sind sie über ihre Gesundheit besorgt, da ohne Job keine Krankenversicherung besteht. Aktuell ist er im Gespräch mit dem Institut für Geowissenschaften, um seinen Forschungsaufenthalt zu verlängern und damit ein Einkommen und eine Krankenversicherung zu haben.

Dr.  Manuel Felipe Rios Gaona

(c) Dr. Manuel Felipe Rios Gaona, Foto: privat

Der Italiener Dr. Manuel Balparda befindet sich in einer umgekehrten Situation. Sein Arbeitsvertrag als Postdoc am Institut für Molekulare Physiologie und Biotechnologie der Pflanzen (IMBIO) begann am 1. April 2020, allerdings sitzt er seit März 2020 in Argentinien fest. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurde sein Lufthansa-Flug am 24. März 2020 von Buenos Aires nach Frankfurt annulliert. Seitdem wurde er mehrmals umgebucht und soll nun im Mai 2020 reisen können. Ob das wirklich möglich sein wird, ist aktuell unklar. Erfolglos hat er versucht, einen Platz in einem Rückholflieger für gestrandete Europäer zu bekommen. Zusätzlich zu den Reiseschwierigkeiten bereitet ihm Sorge, dass er nicht nach Deutschland einreisen darf. Die Situation lässt ihn aktuell verzweifeln.

Dr. Manuel Balparda

(c) Dr. Manuel Balparda, Foto: privat

Endlich auf dem Weg nach Bonn

Adam Morris findet nach zehn Tagen in Quarantäne in seinem Hostelzimmer erfreuliche Worte auf der Webseite der Bundespolizei. Dort heißt es am 26. März 2020 in den häufig gestellten Fragen zum Coronavirus, dass eine Einreise nach Deutschland bei Umzug und Vorlage des Mietvertrags möglich sei. Er wendet sich an das Studierendenwerk, um seinen Einzug in das Internationale Gästehaus zu bestätigen und beginnt die Reise nach Bonn zu planen. Er entscheidet sich, einen Flug von Genf nach Frankfurt zu buchen und von dort mit dem Zug nach Bonn zu reisen. Dies ist die schnellste und einfachste Option für ihn. Außerdem kann er den Flughafen Genf von der französischen Seite aus betreten und innerhalb des Flughafens in die Schweiz einreisen. Dies empfindet er als weniger risikoreich als die Einreise mit dem Auto. Ein Freund kann ihn erfreulicherweise zum Flughafen bringen.

Weniger erfreulich ist die Ankunft in Frankfurt für ihn. Er muss eine halbe Stunde in einem Nebenraum der Pass-Kontrolle warten, während die Bundespolizisten ermitteln, ob er einreisen darf. Den Mietvertrag des Apartments hat er zwar dabei, allerdings keinen schriftlichen Nachweis über seine Anstellung an der Universität Bonn. Der Arbeitsvertrag war zu dem Zeitpunkt noch nicht erstellt worden. Nach einigem Hin und Her lässt man Adam Morris in die Bundesrepublik Deutschland einreisen. Sein Apartment im Internationalen Gästehaus ist deutlich größer als das Hostelzimmer in Frankreich. Dort sitzt er nun und sucht nach einer längerfristigen Bleibe in Bonn. Bestimmt wird ihn das Welcome Center für internationale Forschende dabei unterstützen.

Der Autor

Alexander Mertes studiert an der Universität Bonn Mathematik, Informatik und Bildungswissenschaften im Studiengang „Master of Education“. Er ist wissenschaftliche Hilfskraft (WHF) im Dezernat für Hochschulkommunikation. Als Campus-Reporter schreibt er hier Berichte und Reportagen zu aktuellen Themen rund um die Bonner Alma mater.

Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch! 

Das Dezernat für Hochschulkommunikation veröffentlicht unter dem Titel: „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ Beiträge aus der Universität Bonn, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Als Bildungseinrichtung will die Universität Bonn damit auch in schwierigen Zeiten im Diskurs bleiben und die universitäre Gemeinschaft fördern. In loser Folge erscheinen dazu auf der Website der Universität Bonn Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

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