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Datum: 14.09.2011

Investition für die drängenden Fragen der Menschheit Auf dem Campus Klein-Altendorf der Universität Bonn entsteht für 15,4 Millionen Euro neue Forschungsstruktur

Auf dem Campus Klein-Altendorf der Universität Bonn rollen die Bagger und drehen sich die Kräne. Für rund 15,4 Millionen Euro entstehen auf dem fast 140 Hektar großen Gelände neue Gebäude und Forschungsinfrastruktur. Mit den Investitionen soll das Außenlabor der Landwirtschaftlichen Fakultät noch besser an Lösungen für die drängendsten Fragen der Menschheit forschen können. Die Wissenschaftler suchen etwa mit modernsten Methoden nach neuen Pflanzensorten, die mit Trockenstress infolge des globalen Klimawandels besser zu Recht kommen, weniger krankheitsanfällig sind und Düngemittel effizienter verwerten. Außerdem erforschen sie nachwachsende Rohstoffe für die energetische und stoffliche Nutzung.

Pferd und Esel auf der Koppel des Universitätscampus Klein-Altendorf wundern sich derzeit wahrscheinlich über die Veränderungen, die auf dem idyllisch gelegenen Fleckchen zwischen Wiesen, Feldern, Bäumen und traditionellen Backsteingebäuden vor sich gehen. Lastwagen fahren vorbei, Bagger rollen an, große Baugruben entstehen, Erdhügel türmen sich in der Landschaft auf. Vor kurzem haben die Baumaßnahmen begonnen. „Für insgesamt rund 15,4 Millionen Euro entstehen dringend benötigte neue Gebäude und neue Forschungsinfrastruktur“, sagt Prof. Dr. Ralf Pude, Geschäftsführer des Außenlabors der Universität Bonn. 11,2 Millionen Euro stammen vom Land sowie 4,2 Millionen aus dem Wettbewerb zur Regionale 2010 für das Projekt „AgroHort“, mit dem in Klein-Altendorf eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie zwischen Gartenbau und Landschaftsarchitektur geschaffen wird.

Neue Gebäude mit kühn geschwungene Architektur

Dort, wo jetzt eine große Baugrube klafft, soll in kühn geschwungener Architektur eine rund 2100 Quadratmeter große Maschinenhalle mit einer Werkstatt entstehen. Ein Traktor tuckert vorbei, der anmutet als würde er aus einem Science-Fiction-Film stammen: Er ist ungewöhnlich breit und hoch, vorne ist ein auffälliges gelbes Fass befestigt. „Das ist eine von uns entwickelte Spezialmaschine“, berichtet Prof. Pude. „Damit können wir unsere Versuchsparzellen befahren und bewirtschaften, ohne dass die Pflanzen berührt werden.“ Solche Arbeitsgeräte sind aber zu groß, um in ein bestehendes Gebäude zu passen. „Deshalb brauchen wir die neue Maschinenhalle“, sagt der Geschäftsführer. Die Landmaschinen Marke Eigenbau werden von den Wissenschaftlern für unterschiedliche Zwecke mit Messfühlern bestückt. „Die Sensoren erkennen zum Beispiel unterschiedliche Boden- und Pflanzeneigenschaften“, sagt Dr. Heiner Goldbach, Professor für Pflanzenernährung der Universität Bonn. „Das ermöglicht, nur dort Pflanzenschutzmittel zu spritzen und zu düngen, wo nötig – das schont die Umwelt.“

Mit einem fahrbaren Dach machen die Forscher ihr eigenes Wetter

Nicht weit von der Baugrube entfernt ragen die Metallstreben eines riesigen Daches in den blauen Himmel. Die Scheiben fehlen noch. Der Clou: Es kann auf Rollen und Schienen hin- und herbewegt werden. Auch diese Konstruktion wurde von Wissenschaftlern und Technikern der Universität ersonnen und gebaut. „Das Dach hält den Regen von den Kulturen ab - deshalb machen wir hier unser eigenes Wetter“, berichtet Prof. Pude. Unter der rund 24 Tonnen schweren Bedachung wollen die Wissenschaftler Weizen, Rüben und Gerste anbauen. „Durch den Klimawandel nimmt auch hierzulande die Häufigkeit von Dürreperioden absehbar zu“, berichtet der Geschäftsführer. „Wir suchen nach Pflanzensorten, die mit weniger Wasser klarkommen und trotzdem hohe Erträge liefern“, ergänzt Prof. Goldbach. Hierzu simulieren die Forscher unter der mobilen Regenhaube Trockenstress und erfassen automatisch mit Hightech-Sensoren das Befinden der Pflanzen und wie schnell sie wachsen. „Das fahrbare Dach ist einzigartig“, sagt Pude. „Es bietet quasi Freilandbedingungen, denn ringsherum ist die Konstruktion offen.“ In den Boden sind zwei 180 Meter lange Betonfundamente mit Schienen eingelassen. Ein Traktor kann das Dach ein Stück weiterbewegen, wodurch die nächste Kultur unter Wassermangelstress gerät.

Baustoffe und Energie aus schnell wachsenden Gräsern und Bäumen

Neben den Folgen des Klimawandels widmen die Forscher ihr Augenmerk auf ein anderes brennendes Zukunftsproblem. „Die Vorräte an fossilen Ressourcen für die Energie- und Rohstoffgewinnung nehmen weltweit rapide ab“, erläutert der Geschäftsführer. „Es geht nun also darum, verstärkt nachwachsende Rohstoffe zu nutzen.“ Am Campus Klein-Altendorf erforschen die Wissenschaftler schon seit vielen Jahren schnell wachsende Gräser und Bäume, die sich etwa als Dämm- und Werkstoffe in der Bauwirtschaft oder auch für die energetische Nutzung gewinnen lassen. Das natürliche Pflanzenmaterial wird entweder zu Bauplatten oder zu Pellets für die Verfeuerung gepresst.

Auf dem Campus soll ein Forschungsgewächshaus entstehen, an dem sich die Außenhaut nach Bedarf austauschen lässt. Je nach Material dringen verschiedene Wellenlängen des Lichtes zu den Kulturen in dem Gewächshaus durch. Damit simulieren die Wissenschaftler etwa verschiedene Umweltbedingungen für Arzneipflanzen. Ein intelligent geführter Luftkanal sorgt im Sommer dafür, dass es für die wertvollen Versuchspflanzen nicht zu heiß ist. Wird es zu kühl, springt die Heizung an. „Unser Ziel ist, die Gewächshäuser auf dem Campus allein mit Holzhackschnitzeln zu heizen“, sagt Prof. Pude. Das ist eine klimaneutrale Lösung, denn was beim Heizen aus den Hackschnitzeln an Kohlendioxid freigesetzt wird, haben die Pflanzen zuvor durch ihr Wachstum der Atmosphäre entzogen. Mit „AgroHort“-Mitteln soll auch eine Solartrocknungsanlage für die Hackschnitzel entstehen, die mit Hilfe der Sonnenwärme den Holzhäckseln die Feuchtigkeit entzieht.

Transparente Gebäude für transparente Forschung

Der ökologische Campus der Universität in Klein-Altendorf widmet sich über die Forschung hinaus auch der forschungsnahen Lehre und Öffentlichkeitsarbeit. Deshalb entsteht am Eingangsbereich ein neues Seminargebäude. Die Bodenplatte ist bereits gegossen. Demnächst sollen die Spezialscheiben für die Wände geliefert werden. „Das Gebäude ist nahezu transparent“, berichtet der Geschäftsführer. „Man wird also von außen schemenhaft sehen können, wenn drinnen eine Veranstaltung stattfindet.“ Diese Architektur setzt die Grundidee um: Denn die Erkenntnisse der Forschungsprojekte sollen nicht in Klein-Altendorf bleiben, sondern möglichst allen Menschen zugute kommen.

Vom früheren Rittergut zum ökologischen Universitätscampus

Bei dem zwischen Meckenheim und Rheinbach gelegenen Campus Klein-Altendorf handelt es sich um ein früheres Rittergut, das schon im 10. Jahrhundert urkundlich erwähnt wird. 1963 ging es in den Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen über und dient seitdem der Universität Bonn als Lehr- und Forschungsstation. 2002 wurde dort das Kompetenzzentrum Gartenbau gegründet und ab 2004 der Versuchsbetrieb des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (früher Forschungsanstalt für Weinbau und Gartenbau) nach Klein-Altendorf verlagert. Im April 2009 trat auch das Forschungszentrum Jülich dem Kompetenzzentrum Gartenbau bei. Nach einem Rektoratsbeschluss von 2007 werden in Klein-Altendorf in einer ersten Stufe zurzeit die Lehr- und Forschungsstationen der Pflanzenfächer zusammengeführt (Ausnahme derzeit Wiesengut), in einer zweiten Stufe auch die Tierfächer. Viele der Forschungsaktivitäten werden zusammen mit verschiedenen Partnern, insbesondere dem Forschungszentrum Jülich, durchgeführt.

Kontakt:

Prof. Dr. Ralf Pude
Geschäftsführer der Außenlabore Agrar, Geodäsie, Ernährung
Leiter des Fachbereichs Nachwachsende Rohstoffe
Tel. 02225/9996313
 r.pude@uni-bonn.de

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