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Datum: 30.08.2013

Vom Top-Räuber zum Vegetarier Isotopenanalyse von Forschern der Uni Bonn belegt: Ausgestorbener Riesenvogel war gar kein Fleischfresser

Der Riesenvogel „Gastornis“ lebte vor etwa 56 bis 40 Millionen Jahren. Wissenschaftler nahmen lange Zeit an, dass er Jagd auf Säugetiere machte und mit seinem großen Schnabel deren Knochen knackte. Forscher unter Federführung der Universität Bonn wiesen nun anhand von Isotopenanalysen nach, dass der vermeintliche Topräuber offenbar friedlicher war als gedacht. Er ernährte sich etwa wie pflanzenfressende Säugetiere.

Die Ernährungsweise des ausgestorbenen flugunfähigen Riesenvogels „Gastornis“, der in Europa und Nordamerika im Eozän vor etwa 56 bis 40 Millionen Jahren lebte, wird unter Paläontologen kontrovers diskutiert: War er ein furchteinflößender Fleischfresser oder ein friedlicher Pflanzenfresser? Neue Forschungsergebnisse, die nun auf der internationalen Goldschmidt-Tagung für Geochemie in Florenz präsentiert wurden, könnten helfen, diese Frage zu klären. Ein Team deutscher Wissenschaftler hat dafür die Kalzium-Isotopenzusammensetzung 47 bis 44 Millionen Jahre alter fossiler Knochen von „Gastornis“ aus den Schichten des ehemaligen Braunkohletagebaus im Geiseltal (Sachsen-Anhalt) analysiert.

Der massive Schnabel deutete auf einen Fleischfresser hin

Gastornis war ein flugunfähiger, bis zu zwei Meter großer Vogel mit einem riesigen Schnabel. Aufgrund seiner schieren Größe sowie dem massiven Schnabel, der starke Beißkräfte ausüben konnte, wurde er lange als Fleischfresser angesehen. „Man nimmt an, dass Gastornis seinen riesigen Schnabel dafür genutzt hat, seine Beutetiere zu ergreifen und deren Knochen zu brechen. Diese Annahme beruht auf biomechanischen Berechnungen seiner Beißkräfte“, sagt Dr. Thomas Tütken vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn. Gastornis lebte, nachdem die Dinosaurier bereits mehr als zehn Millionen Jahre ausgestorben waren. Die Säugetiere waren noch relativ klein und befanden sich in einem frühen Stadium ihrer Evolution. „Daher wurde angenommen, dass Gastornis zu dieser Zeit der Topräuber unter den Landtieren war“, berichtet Dr. Tütken.

Allerdings gibt es auch Indizien, die auf eine vegetarische Lebensweise hindeuten. Amerikanische Paläontologen haben kürzlich fossile Fußspuren gefunden, die Gastornis zugeschrieben werden. Diese Fährten weisen keine Abdrücke von Krallen auf, wie sie für die meisten Greifvögel typisch sind, um ihre Beute zu ergreifen. Auch wird von einigen Wissenschaftlern bezweifelt, dass Gastornis sich aufgrund seiner Körpergröße sowie seinen kurzen Beinknochen schnell fortbewegen und Jagd auf frühe Säugetiere machen konnte. Andere argumentieren hingegen, dass der Riesenvogel ein Lauerjäger war.

Um zu klären, ob der Riesenvogel ein Fleisch- oder Pflanzenfresser war, haben Dr. Thomas Tütken und seine Kollegen Dr. Meinolf Hellmund (Geiseltalmuseum der Martin-Luther-Universität Halle), Dr. Stephen Galer (Max-Planck-Institut für Chemie Mainz) und Petra Held (Universität Mainz) einen neuen geochemischen Untersuchungsansatz gewählt. Mittels der Analyse der Kalziumisotope in fossilen Knochen des Riesenvogels konnten sie bestimmen, ob Gastornis überwiegend pflanzliche oder tierische Nahrung gefressen hat und auf diese Weise auch seine Position in der Nahrungskette entschlüsseln.

Entlang der Nahrungskette reichert sich leichtes Kalzium an

Die Methode beruht auf der Tatsache, dass sich entlang der Nahrungskette bevorzugt die leichten Kalziumisotope in Knochen und Zähnen anreichern. Dieses Verfahren testeten die Forscher zunächst an heute lebenden pflanzen- und fleischfressenden Säugetieren und wendeten sie an Dinosauriern - inklusive des Topjägers T-Rex - an, bevor sie schließlich die fossilen Knochen von Gastornis analysierten. Diese Knochen stammen aus der Geiseltalsammlung der Martin-Luther-Universität Halle.

Die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler zeigen, dass die Kalziumisotope in den Knochen des Riesenvogels ähnliche Werte aufweisen wie pflanzenfressende Säugetiere und Dinosaurier. Sie unterscheiden sich darüber hinaus deutlich von den Werten von Fleischfressern. Um dieses Ergebnis noch weiter abzusichern, wollen die Wissenschaftler zusätzlich noch Knochen von Urpferdchen und Raubtieren analysieren, die gemeinsam mit Gastornis im Geiseltal vorkommen. „Dies wird uns die notwendigen Vergleichsdaten liefern, um endgültig zu klären, was diese riesigen Vögel gefressen haben“, erklärt Dr. Tütken.

Kontakt:

Dr. Thomas Tütken
Leiter Emmy-Noether-Gruppe „Knochengeochemie“
Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn
Tel. 0228/736545
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