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Datum: 09.04.2020

Mit "One Health" gegen Epidemien und Pandemien Die Coronavirus-Pandemie zeigt die Dringlichkeit eines integrierten Ansatzes

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Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hat die Welt überrascht, mit verheerenden Folgen für die nationalen Gesundheitssysteme und die Weltwirtschaft. Gesundheitsexperten warnen seit Jahren vor dem pandemischen Risiko von Zoonosen, Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Sie fordern die Entwicklung von Überwachungssystemen, die schnellere Reaktionen ermöglichen. Darauf weist Dr. Timo Falkenberg vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn hin und plädiert für einen „One Health“-Ansatz, bei dem die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt im Mittelpunkt steht.

Text: Dr. Timo Falkenberg

Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2, der Erreger des aktuellen COVID-19-Ausbruchs, hat die Welt überrascht, mit verheerenden Folgen für die nationalen Gesundheitssysteme und die Weltwirtschaft. Gesundheitsexperten warnen jedoch seit Jahren vor dem pandemischen Risiko zoonotischer Ausbrüche und betonen wie dringend die Entwicklung integrierter Überwachungssysteme an der Schnittstelle Mensch-Tier sind. Denn die Kombination von Überwachungsdaten über Menschen, Tiere und wildlebende Tiere in einem integrierten System kann die Erkennung von Krankheitsausbrüchen verbessern und zu einer schnelleren Reaktion führen.

Nicht so neue Zoonosen

Zoonotische Krankheiten sind Krankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragbar sind. Diese entstehen in der Regel in Wildtierpopulationen und involvieren Nutztiere als Zwischenwirte, bevor sie auf die menschliche Population überspringen. Das US-Center for Disease Control (CDC) hat geschätzt, dass 60 Prozent aller menschlichen Infektionskrankheiten zoonotischen Ursprungs sind. Dazu gehören viele seit längerem grassierende Krankheiten wie Tollwut, Grippe und Tuberkulose, aber auch die meisten der in jüngster Zeit auftretenden Krankheiten wie Ebola, SARS und Zika. Nach Angaben des CDC sind 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten zoonotisch. Die Frage für Gesundheitsexperten lautet daher nicht, ob neue Zoonosen auftreten werden, sondern wann und wo der nächste Zoonosenausbruch stattfinden wird. Und wie als Reaktion darauf, wirksame Frühwarnsysteme eingerichtet und schnelle Reaktionsstrategien etabliert werden können.

Tiere und Menschen konkurrieren um Raum zum Leben

Die wichtigste Ursache für den vermehrten Ausbruch von Zoonosen sind ein verstärkter Kontakt zwischen Mensch und Tier. Das menschliche Bevölkerungswachstum und die globale wirtschaftliche Entwicklung führen zu einer steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln, insbesondere nach tierischem Eiweiß, was wiederum zu einer Intensivierung der Landwirtschaft führt. Eine weitere Rolle spielt die Ausweitung menschlicher Siedlungen, landwirtschaftlicher Nutzflächen und die Gewinnung von Ressourcen. Diese Faktoren stellen ein Eingriff des Menschen in den natürlichen Lebensraum von Wildtieren dar, wodurch es zu mehr Kontakt zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen kommt. Die Zerstörung der natürlichen Ökosysteme und Lebensräume der Wildtiere zwingt diese dazu, auf ihrer Suche nach Nahrung näher an den menschlichen Siedlungen zu leben. Einige Tiere passen sich so gut an das städtische Leben an, dass sie Teil des städtischen Kosmos werden, wodurch ein ständiges Risiko des Erregeraustauschs mit dem Menschen besteht.

Tiermärkte in Asien, Jagd und Handel in Afrika

Die Märkte, insbesondere die so genannten „wet markets“, die in Asien üblich sind, bilden einen wichtigen Hotspot für eine mögliche zoonotische Übertragung. Auf diesen engen Märkten sind sehr viele Menschen mit sehr vielen verschiedenen Tierarten (sowohl tot als auch lebendig) auf sehr engem Raum zusammen, was zu einem engen Kontakt zwischen Wild- und Nutztieren und ihren Verkäufern, Händlern und Käufern führt. Es ist diese extreme Nähe, die den Austausch von Krankheitserregern auslöst und somit das potenzielle Auftreten neuer zoonotischer Krankheiten ermöglicht. Elizabeth Maruma Mrema, die amtierende Generalsekretärin für die Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen, hat die globale Gemeinschaft dazu aufgerufen wet markets zu verbieten um zukünftige zoonotische Krankheitsausbrüche zu vermeiden. Im Kontext der aktuellen COVID-19-Pandemie erscheint ein solches Verbot angemessen, allerdings müssen die Konsequenzen ganzheitlich betrachtet werden bevor solche Maßnahmen getroffen werden. Ein Verbot könnte die Lebensgrundlage vieler Menschen, die auf wet markets arbeiten untergraben. Des Weiteren würde der Markt wahrscheinlich nicht verschwinden, sondern sich auf den Schwarzmarkt verlagern, welches das zoonotische Risiko eher verschlimmern würde. Daher ist die Einführung von strikten Regulationen und Überwachungsmechanismen wohlmöglich eine effektivere Maßnahme um das zoonotische Risiko dieser Märkte zu minimieren.

Eine weitere wichtige Gelegenheit für den zoonotischen Übersprung von Krankheitserregern bietet der Buschfleischhandel, der besonders in afrikanischen Ländern beliebt ist. Einerseits sind die Buschfleischjäger Wildtierkrankheiten ausgesetzt und damit potentielle Überträger von Krankheitserregern in ihre Gemeinden. Andererseits erleichtern Schlachtung, Handhabung, Transport und Verzehr von Buschfleisch den Austausch von Krankheitserregern und die mögliche Verbreitung von Zoonoseerregern in der breiteren Bevölkerung, insbesondere wenn keine angemessenen Vorschriften und Überwachungsmehanismen vorhanden sind oder durchgesetzt werden. Neben diesen prominenten Beispielen für zoonotische Spillover-Hotspots gibt es weltweit zahlreiche Fälle, in denen die Nähe zwischen menschlichen Populationen und Nutz- und Wildtieren den Erregeraustausch und damit die Entstehung von Zoonosen begünstigt. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann ein zoonotischer Erreger auftauchen würde, der von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Zusammenarbeit über Grenzen und Disziplinen hinaus notwendig

Wir leben in einer globalisierten Welt, in der Menschen, lebende Tiere, tierische Produkte und Waren frei über Grenzen und zwischen Kontinenten bewegt und gehandelt werden. Letztlich spielt es also keine Rolle, wo eine neue Krankheit auftritt, da sich Krankheitserreger schnell ausbreiten können und somit die gesamte Weltbevölkerung bedrohen. Deshalb ist es notwendig, dass alle Länder zusammenarbeiten und gemeinsam Strategien für eine integrierte Überwachung und Prävention von Zoonosen entwickeln. Die komplexen Beziehungen an der Schnittstelle Mensch-Tier-Umwelt, die zu Bedrohungen durch Zoonosen führen, erfordern interdisziplinäres Fachwissen und sektorübergreifende Zusammenarbeit, um die Entwicklung wirksamer und nachhaltiger Interventionen zu ermöglichen. Die voneinander abhängigen Beziehungen zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Nahrungsmittelproduktion, Lebensgrundlagen, Integrität der Ökosysteme und Gesundheit erfordern einen sorgfältigen und ganzheitlichen Ansatz und damit systemorientierte, integrierte Gesundheitsansätze.

Erarbeitung eines internationalen „One Health“-Ansatzes

In Anerkennung dieser Notwendigkeit nach dem Ausbruch der H5N1-Grippe (Vogelgrippe) im Jahr 2006 und der H1N1-Grippe (Schweinegrippe) im Jahr 2009 haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schließlich das „Tripartite Collaboration Agreement“ abgeschlossen. Dieses Dreiparteien-Abkommen zielt darauf ab, Zoonosen und ihre wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen zu verhindern und zu bewältigen. Parallel dazu wurde in der Wissenschaft das Konzept der „One Health“ (‚Eine Gesundheit‘) wiederbelebt, das besagt, dass die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt eng miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Obwohl das „One Health“-Konzept weltweit von immer mehr Ländern akzeptiert wird, wird seine Umsetzung immer noch durch sektorübergreifende Konflikte, mangelnde Finanzierung und Machtungleichgewichte behindert.

Das „One Health“-Konzept

Der Begriff „One Health " stammt aus der Tiermedizin und wird meist auf Calvin Schwabe zurückgeführt, der 1964 den Begriff "One Medicine" prägte. Schwabe bezog sich im Wesentlichen auf die Gemeinsamkeiten zwischen Human- und Veterinärmedizin und forderte eine Zusammenarbeit zwischen den medizinischen Disziplinen. Auf der Konferenz „One World, One Health“ im Jahr 2004 formulierte die Wildlife Conservation Society die zwölf Manhattan-Prinzipien, die die Zusammenhänge zwischen Mensch, Tier und Umwelt unterstreichen und die Bedeutung integrierter Ansätze zum Verständnis der komplexen Krankheitsdynamik und zur Entwicklung von Präventionsstrategien hervorheben. Heute wird „One Health“ allgemein definiert als „die gemeinsame Anstrengung mehrerer Disziplinen, die auf lokaler, nationaler und globaler Ebene zusammenarbeiten, um eine optimale Gesundheit für Menschen, Tiere und unsere Umwelt zu erreichen“. Obwohl das „One Health“-Konzept inhaltlich erweitert wurde, sind Zoonosen nach wie vor das Hauptanliegen. Das Verständnis der Dynamik zoonotischer Krankheiten, die Implementierung integrierter Überwachungssysteme und die Entwicklung von Präventionsstrategien gehören zu den wichtigsten Zielen von „One Health“.

Erste Lehren aus COVID-19

Der aktuelle COVID-19-Ausbruch hat aufgezeigt, wie wichtig die Früherkennung von Zoonoseausbrüchen sowie die Entwicklung globaler Frühwarnsysteme ist. Denn nur durch solche kann verhindert werden, dass aus Zoonoseausbrüchen eine Pandemie entsteht. Der „One Health“-Ansatz bietet eine integrierte, interdisziplinäre Perspektive auf die Krankheitsdynamiken von Zoonosen, und ermöglicht es, kritische Kontrollpunkte zu identifizieren und Präventionsstrategien zu entwickeln. Die Annahme und Umsetzung von "One Health" auf lokaler, nationaler und globaler Ebene muss daher beschleunigt werden, um die Welt besser auf die Erkennung und Bekämpfung der nächsten Zoonosen vorzubereiten.

Mehr Informationen zum One Health Projekt in dem die Universität Bonn Partner ist finden Sie unter https://www.zef.de/onehealth.html.


Der Autor

Dr. Timo Falkenberg ist Wissenschaftler am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Kontakt: Telefon: 0228/73-4634, E-Mail: [Email protection active, please enable JavaScript.]


Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch

Unter dem Titel „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ veröffentlicht die Universität Bonn Beiträge aus den Reihen ihrer Angehörigen, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Sie will damit auch in schwierigen Zeiten den Diskurs aufrechterhalten und die universitäre Gemeinschaft stärken. In loser Folge erscheinen dazu auf dieser Website Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

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