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Datum: 23.03.2010

Erderwärmung gefährdet Pflanzenvielfalt Verursacher des Klimawandels kommen glimpflich davon

Durch den Klimawandel verändern sich in den kommenden Jahrzehnten weltweit die Lebensbedingungen von Pflanzen. Regional sind dabei jedoch große Unterschiede zu erwarten. So könnten heute kühle und feuchte Gebiete in Zukunft zusätzlichen Arten Lebensraum bieten, in trockenen und warmen Regionen verschlechtern sich die klimatischen Voraussetzungen für eine hohe Artenvielfalt. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Bonn, Göttingen und Yale, die sie jetzt in den Proceedings of the Royal Society London veröffentlicht haben. Gefördert wurde die Studie von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

„Der Klimawandel könnte die bestehende Verteilung der Artenvielfalt gehörig durcheinander wirbeln, mit bisher kaum absehbaren Folgen für die Ökosysteme und den Menschen“, sagt Projektleiter Dr. Jan Henning Sommer vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen der Universität Bonn. Zum ersten Mal wurden die möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf die pflanzliche Artenvielfalt auf globalem Maßstab quantifiziert und räumlich differenziert bemessen. Die Forscher haben untersucht, wie viele Pflanzenarten unter den heutigen Klimabedingungen in unterschiedlichen Regionen der Erde vorkommen. Den gefundenen Zusammenhang haben sie auf 18 verschiedene Klimawandelszenarien für das Jahr 2100 übertragen.

Vorhersagen darüber, wie stark sich die Artenvielfalt einer Region zukünftig tatsächlich den neuen Bedingungen anpassen wird, ob also zusätzliche Arten in begünstigte Gebiete einwandern werden, oder ob benachteiligte Gebiete wirklich in hohem Maße Arten verlieren werden, lässt die Studie allerdings nicht zu. „Das wäre Wahrsagerei. Die Anpassungsfähigkeit von Arten und deren Zusammenwirken im Ökosystem können ebenso wie die menschliche Landnutzung die Umverteilung der Arten stark beeinflussen. Hierüber wissen wir noch viel zu wenig“, erklärt Sommer. Allerdings lieferten die vorgestellten Ergebnisse ein wichtiges Indiz, in welchen Gebieten eher eine Zuwanderung oder ein Verlust von Arten zu erwarten ist.

Globalisierung im Pflanzenreich

Am negativsten könnte sich die Erwärmung auf die Artenzahlen der Pflanzen in den tropischen Amazonas-Regenwäldern Südamerikas auswirken. Für Deutschland erwarten die Wissenschaftler hingegen in Zukunft Klimabedingungen, die mehr Arten Lebensraum bieten. „Dies kann aber nur schwerlich als Gewinn gewertet werden. Eine verstärkte Umverteilung von Pflanzenarten fördert die weltweite Vereinheitlichung der regionalen  Zusammensetzung von Arten und benachteiligt einzigartige, an besondere Standortbedingungen angepasste Arten “, sagt Sommer. Somit fände auch im Pflanzenreich eine Globalisierung statt.

Besonders weisen die Forscher in ihrer Studie auf die klare Zweiteilung unseres Planeten hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels auf die Pflanzenvielfalt hin. „Zusätzlicher Lebensraum für Pflanzen könnte überall dort entstehen, wo heute kühle und feuchte Klimabedingungen vorherrschen“, sagt der Bonner Nachwuchsforscher und Mitautor Dr. Holger Kreft, der inzwischen eine Juniorprofessur an der Universität Göttingen übernommen hat. „Auf der anderen Seite werden in den bereits heute warmen Gebieten der Subtropen und Tropen zukünftig die Voraussetzungen für Artenvielfalt ungünstiger.“

Hauptverursacher des Klimawandels weniger betroffen


Die Zweiteilung hat auch eine politische Dimension: Begünstigte Gebiete decken sich weitgehend mit den Industrienationen, die durch ihren Ausstoß an Klimagasen Hauptverursacher des Klimawandels sind. Auch die Folgen einer halbherzigen Klimapolitik macht die Studie deutlich. Begünstigte und benachteiligte Gebiete halten sich bei einem Anstieg der globalen Temperatur um 1,8°C gegenüber dem Jahr 2000 im weltweiten Mittel noch die Waage. "Selbst wenn die in Kopenhagen vereinbarten Klimaschutzziele eingehalten werden, steuern wir eher auf einen Temperaturanstieg von 4°C zu“, sagt Sommer. In diesem Fall ginge im Durchschnitt Lebensraum für mehr Pflanzenarten verloren, als an anderer Stelle neu entstünde.

„Die internationale Politik sollte den Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt als Lebensgrundlage des Menschen mehr Beachtung schenken“, fordert Professor Dr. Wilhelm Barthlott, Direktor des Nees-Instituts und Mitautor der Studie. Seit 15 Jahren untersucht er mit seiner Arbeitsgruppe die globale Pflanzenvielfalt. Barthlott begrüßt, dass das Jahr 2010 von den Vereinten Nationen zum Jahr der Biodiversität erklärt wurde. „Das war ein wichtiges Signal!“


Kontakt:
Dr. Jan Henning Sommer
Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen
Universität Bonn
Telefon: 0228/73-2125
E-Mail: hsommer@uni-bonn.de

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