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Datum: 07.04.2016

Ein „botanischer Albtraum“ Forscher der Universität Bonn will eine sinnlose Obstsortensystematik aberkennen lassen

Warum haben Apfelsorten Fantasienamen wie „Granny Smith“ oder „Golden Delicious“, obwohl doch ansonsten sämtliche Pflanzen in der Wissenschaft lateinische Namen haben? Mit dieser Tradition brach der Obstkundler Friedrich Jakob Dochnahl im 19. Jahrhundert. Er kreierte eine eigene, scheinbar wissenschaftliche Namensgebung und schafft damit bis heute Verwirrung. Der Botaniker Dr. Norbert Holstein von der Universität Bonn will dem nun ein Ende bereiten und plädiert im Fachjournal „Taxon“ dafür, dass Dochnahls Benennung von Obstsorten nicht mehr berücksichtigt werden soll.

Dr. Norbert Holstein arbeitet an der Systematik von Haselnüssen, von denen es hunderte verschiedene Namen für Arten, Varietäten und Formen gibt, die bislang nicht vollständig erfasst sind. „Das ist angesichts dieser Vielfalt eine echte Herausforderung“, sagt der Biologe vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn. Zu dieser Sisyphusarbeit gehört auch zu recherchieren, ob die Namen bereits früher wissenschaftlich korrekt beschrieben worden sind. Zusammen mit dem versierten Pflanzensystematiker Dr. Werner Greuter, vor seinem Ruhestand Professor an der Freien Universität Berlin, stieß Dr. Holstein bei seinen Recherchen auf das weitgehend unbekannte, aber umso umfassendere Werk von Friedrich Jakob Dochnahl (1820-1904).

Mit 21 Jahren gründete Dochnahl seine eigene Baumschule in Neustadt an der Haardt, dem heutigen Neustadt an der Weinstraße. Dochnahl kultivierte hunderte Obstbaumsorten aus verschiedensten Regionen und reiste dafür auch nach Frankreich. Seine Fachgesellschaft „Allgemeine Centralobstbaumschule“ sollte die Verbreitung der verschiedenen Sorten und ihre wissenschaftliche Beschreibung vorantreiben. Mit unglaublichem Fleiß erfasste der Obstkundler insgesamt allein 1263 verschiedene Apfelsorten, machte Geschmacksproben, maß deren Samengrößen, erkundete exakt die Form der Blätter und die Behaarung. Genauso ging er später mit Birnen, Kirschen, Beeren und Nüssen vor - weshalb Dochnahl in den Fokus von Prof. Greuter und Dr. Holstein rückte.

Dochnahl sah sich als „Linné der Obstkunde“

Der Obstkundler aus dem 19. Jahrhundert hatte in Anlehnung an den Gründer der wissenschaftlichen Systematik Carl von Linné (1707-1778) den einzelnen Obstsorten lateinische Gattungs- und Artnamen verliehen. Dochnahl nahm für sich sogar selbstbewusst in Anspruch, der „Linné der Obstkunde“ zu sein. Aber seine Nomenklatur sollte sich später als Schlag ins Wasser erweisen, denn es gibt eine riesige Vielfalt an Kulturapfelsorten, die aber allesamt auf die Spezies Malus domestica zurückgehen. „Tradition im Obstbau war und ist, die verschiedenen Obstsorten mit Fantasienamen zu benennen“, erläutert Dr. Holstein. Dochnahl setzte sich über diese Tradition hinweg und übertrug die Linné’sche Systematik überflüssigerweise auch auf die Obstsorten. „Seine Veröffentlichungen erwiesen sich deshalb als Albtraum für die botanische Systematik“, resümiert Holstein.

Der Erfinder blieb seiner Systematik nicht treu

Glücklicherweise stießen Dochnahls Publikationen auf keine große Resonanz, denn in seinen Fachaufsätzen warf er seinen ersten Versuch einer eigenen Namensgebung über den Haufen und ersann dann eine völlig andere Obstsystematik. Auch aus diesem Grund hielten Gärtner das neue System für nicht praktikabel, Wissenschaftler straften Dochnahl sogar mit Verachtung. Der vermeintliche „Linné der Obstkunde“ starb schließlich verarmt und blieb ignoriert. „Er ist wissenschaftshistorisch interessant, weitgehend unbekannt und menschlich gesehen eine tragische Figur“, fasst Dr. Holstein zusammen.

Auch heute erhalten neu gezüchtete Obstsorten keine lateinischen Namen, sondern reine Fantasienamen. Das ist schon im ersten botanischen Regelwerk 1867 so vorgeschlagen und seit 1952 auch in eigenen Vorschriften für Kulturpflanzen geregelt, um der Verwirrung durch unterschiedliche Systematiken ein Ende zu bereiten. Doch Wissenschaftlern bereitet Dochnahls Werk – soweit es bekannt ist – bis heute Kopfzerbrechen: Seine Veröffentlichungen müssen laut dem Regelwerk der Botanik bei systematischen Untersuchungen berücksichtigt werden. „Deshalb bin ich eigentlich gezwungen, bei der Systematisierung der Haselnussarten diese irrsinnigen Bezeichnungen einzeln aufzulisten“, berichtet Dr. Holstein. Da Dochnahls Nomenklatur aus botanischer Sicht Unsinn ist, will er nun dem Spuk ein Ende bereiten. In zwei Publikationen weist er die gesamte scheinbar wissenschaftliche Systematik von Dochnahl zurück - und erspart sich und anderen Wissenschaftlern dadurch viele unsinnige Vermerke.

Publikation: Werner Greuter und Norbert Holstein: Dochnahl's pomological books and their relevance for botanical nomenclature, Fachjournal „Taxon”, DOI: 10.12705/652.10

Kontakt für die Medien:

Dr. Norbert Holstein
Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen
Universität Bonn
Tel. 0228/732123
E-Mail: holstein@uni-bonn.de

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