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Homosexualität und Menschenrechte

Titelbild_Solari

Über Jahrzehnte haben Homosexuelle hart für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben gekämpft. Dennoch werden Sie auch heute noch mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert. Im einigen Ländern steht Homosexualität sogar noch unter Todesstrafe. Soziologiedoktorand Felipe Pérez-Solari erforscht, wie Gesellschaft und die Menschenrechtshöfe in Südamerika und Europa mit dem Thema umgehen.

Sie arbeiten an einem hochaktuellen, aber auch oft emotional aufgeladenen Thema: Die homosexuelle Gleichberechtigung. Worum genau geht es in Ihrer Arbeit?
Ja, es ist in der Tat ein emotionales Thema. Es geht nicht nur um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, sondern auch um Ethik und Moral. Aber wenn man den emotionalen Teil der Diskussion einmal versucht auszublenden, kann man wissenschaftlich fragen, „wie stehen Menschenrechte und Homosexualität zueinander?“ Ein Beispiel: Während der Commonwealth Games in Australien, einem wichtigen Event der englischsprachigen Welt, entbrennt plötzlich eine Debatte zur Problematik LGBTI-Rechte [Anm. d. Red.: LGBTI steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender und Intersexuell]. Es gibt viele Staaten im Commonwealth, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Das Thema schaffte es bis in die Massenmedien. Wir gehen nämlich grundsätzlich davon aus, dass es eine direkte Verbindung zwischen fundamentalen Menschenrechten und Homosexualität gibt. Und wir haben Institutionen, von denen wir erwarten, dass sie Fragestellungen in diesem Zusammenhang behandeln: die Internationalen Menschenrechtshöfe. In meiner Arbeit betrachte ich, wie Gesellschaft und die Menschenrechtshöfe in Europa und Südamerika mit Homosexualität, aber auch anderen Sexualitäten, umgehen.
 
Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
Ich habe mich in den letzten sieben Jahren mit Problemen der fundamentalen Menschenrechte auseinandergesetzt. Meine Bachelor-Arbeit behandelte die Fragestellung, wie es für Chile – das in Südamerika – möglich sein kann, dass wir noch immer die gleiche Verfassung haben, die 1980, also zur Zeit der Diktatur, in Kraft getreten ist. Als wir Chilenen in den 1990ern zurück zur Demokratie kehrten, behielten wir die Verfassung der Diktatur. Ich fand spannend, wie sich das Konzept der Staatsbürgerschaft in einer Verfassung widerspiegelt, die aus der Diktatur stammt.
In meiner Master-Arbeit habe ich das Konzept der Staatbürgerschaft, das während der Diktatur aufgestellt wurde, dahingehend untersucht, inwieweit Entscheidungen zu fundamentalen Menschenrechten in die Rechtsprechung eingebracht wurden und welche Folgeprobleme daraus resultierten. Ich habe mir angeschaut, wie organisatorische Entscheidungen getroffen wurden, insbesondere am Verfassungsgericht. Dafür habe ich verschiedenste Fälle analysiert, insbesondere die, bei denen es zum Konflikt mit fundamentalen Menschenrechten kam, wie bei Frauenrechten oder auch LGBTI-Rechten.
Später kam mir die Idee des "Updates im fundamentalen Menschenrecht". Metaphorisch gesprochen ist es ähnlich wie ein Update einer App am Smartphone. Wir haben eine Struktur in der Vergangenheit, von der wir ausgehen, dass sie auch in Zukunft notwendig sein wird. Wenn wir in der Rolle des Entwicklers WhatsApp updaten, dann können wir problemlos mehr Smilies einbauen, die Erwartungshaltung ist aber, dass die gewohnten Kommunikationsfunktionen erhalten bleiben müssen. Ansonsten verlieren wir User. Wenn wir also davon ausgehen, dass eine Gruppe von Menschen die Idee der Menschenrechte für ein hohes Gut hält, dann können wir nicht mehr auf eine alte Version downgraden. Nehmen wir beispielsweise die Unterdrückung der Frau: Die Annahme, Frauen hier in Deutschland dürften ab nächsten Monat nicht mehr wählen, ist eine ziemlich unwahrscheinliche. Der Politiker, der das entscheiden würde, dürfte mit harschen Protesten rechnen – so zumindest die Erwartung. 
In meiner Doktorarbeit versuche ich zu zeigen, dass es ähnliche Übergänge bei Forderungen und Ansprüchen der LGBTI gibt. Wenn man anschaut, wie sie noch vor 30 Jahren behandelt wurden, dann muss man feststellen, dass der Grad der Diskriminierungen in den meisten Ländern gefallen ist. Bei solch einer Entwicklung spielen zig Faktoren eine Rolle, aber welche spielen die internationalen Menschenrechtshöfe? Was erwarten wir in diesem Zusammenhang von ihnen? Es gibt zum Beispiel den Fall, dass ein Staat es lesbischen Frauen verbietet, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Man könnte interpretieren, dass dieser Staat das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt. Der Menschenrechtshof muss die Anschuldigung sowie den Kontext prüfen und ein Urteil fällen, ob es sich um einen Verstoß gegen Menschenrechte handelt. Allerdings sind Menschenrechte keine starren Ideen.
 
Heutzutage scheint Homosexualität im Alltag angekommen zu sein. Frauen küssen sich auf den Straßen, Männer halten Händchen und Regenbogenflaggen wehen von Gebäuden. Auf der anderen Seite hadern viele LGBTI mit einem Coming Out. Sie fürchten Vorurteile und Benachteiligung. Sind wir als Gesellschaft weniger liberal, als wir meinen?
Wir können daraus eine konkrete wissenschaftliche Frage ableiten: Warum haben manche Menschen Abneigungen gegen Homosexuelle? Das ist schwer zu beantworten, weil es dafür psychologische, religiöse, politische und moralische Gründe geben kann. Aber wenn wir analysieren zu welchen Gelegenheiten Menschen sich so äußern, dann kommen wir automatisch in soziologische Gefilde.
Wenn zwei Personen an einer Bar ein Bier trinken und zwei Frauen sehen, wie sie sich gerade küssen, dann können sie sagen, "Das ist doch falsch! Abstoßend!", allerdings nur untereinander, in ihrer privaten Unterhaltung. Aber hier in Deutschland dürften sie das nicht zu den Frauen sagen, weil es das Gesetz verbietet. Vor Gericht könnte es beispielsweise als Beleidung oder üble Nachrede angesehen werden, weil es ein Angriff auf die Personen und ihre Würde wäre. Genauso könnte man die Frauen nicht einfach feuern, wenn die Gesetzgebung Diskriminierungen am Arbeitsplatz untersagt. Dazu ein Beispiel aus dem wahren Leben, um die Problematik zu erläutern: Ein schwules Paar aus den USA möchte heiraten. Sie haben einen Konditor nach einer Torte gefragt. Der war Christ und sehr konservativ. Er weigerte sich den Auftrag anzunehmen, weil er zwei männliche Figurinen auf die Torte hätte stellen müssen und das sei gegen seinen Glauben. Ein anderer wiederum sagt, er wolle nicht zur Army, weil er Pazifist sei und das ginge gegen sein Gewissen. Ist das beides dasselbe? In beiden Beispielen berufen sich die Personen auf ihre Einstellung, ihren Glauben beziehungsweise ihre Religion. Tatsächlich ging der Konditor-Fall bis zum Supreme Court, dem obersten Gerichtshof der USA. Dort wurde entschieden, dass das Verhalten des Konditors nicht diskriminierend gewesen sei: Er darf nicht entgegen seines religiösen Glaubens dazu gezwungen werden, eine Torte zu machen. In einem anderen Fall, zu einer anderen Zeit, mag die Entscheidung anders lauten. 
In den letzten 300 Jahren haben wir ziemlich klare Annahmen und Vorstellungen entwickelt: Zum Beispiel, dass alle Menschen gleich sind in Würde und Freiheit und dass davon abweichendes Handeln gerechtfertigt sein muss. Eine meiner ersten Fragestellungen lautet deshalb, wie die Verbindung unserer Vorstellungen von Gerechtigkeit und der Thematik der sexuellen Orientierung entstanden ist? Was waren Voraussetzungen, damit dass Thema diskutiert wurde? 
 
Was ist Ihnen bei Ihrer Recherche Besonderes aufgefallen? Sind Sie auf etwas Bemerkenswertes gestoßen, positiv wie negativ?

Das Beispiel Deutschland hat mich da teilweise überrascht. Während der Vereinigung unter Bismarck, wurde der Paragraf 175 ins Strafgesetz eingebracht. Das Gesetz ist inzwischen Geschichte, hatte aber verschiedene Entwicklungen durchlaufen, die man analysieren kann. Auch wenn der Paragraf große Reformen erfahren hat, war er doch noch bis 1994 in Kraft. 
Die Diskussion war lebhaft im damaligen Deutschland – also dem, was man aus heutiger Sicht als Deutschland bezeichnen könnte. Nicht in allen deutschen Ländern war Sex unter Männern untersagt. Aber Paragraf 175 änderte das: Deutschland benötigte als Einheitsstaat ein einheitliches Strafgesetz. Wir könnten das als Transformation von "Sex zwischen Männern" zu einem strafbaren Akt und somit die Ungleichbehandlung von sexueller Orientierung bezeichnen.
In Deutschland entwickelte sich außerdem die erste LGBTI-Bewegung. Die erste Welle startete bereits im 19. Jahrhundert. Wichtigster Akteur war Magnus Hirschfeld, ein Arzt aus Berlin. Hirschfeld galt als hervorragender Arzt und stand im häufigen und engen Austausch zum Thema, unter anderem mit Sigmund Freud. Er war außerdem Herausgeber des für die LGBTI-Bewegung wichtigen wissenschaftlichen Journals "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen". Hirschfeld meinte, dass man wissenschaftlich belegen müsse, dass Homosexualität keine Krankheit sei, dass es keine Heilung geben könne, man es nicht bestrafen dürfe und es schlichtweg eine Art sei, die eigene Sexualität auszuleben. Das Motto lautete: "Per scientiam ad justitiam!", „Mit Wissenschaft zum Recht!“ Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. 

Wissenschaft vs. Popkultur?

Das Büro zeigt, hohe Wissenschaft und Popkultur schließen sich nicht aus: Für die Forschung von Felipe Pérez-Solari liefern beide wichtige Erkenntnisse. © Volker Lannert/Uni Bonn

In den 1920ern bot Berlin eine recht große Spannweite illustrer Restaurants und Clubs für LGBTI. Das El Dorado war eines der bekanntesten. Dort kamen alle zusammen, auch Trans- und Intersexuelle. Es wurde einiges geboten: Travestie-Wettbewerbe beispielsweise, wie wir es heute von Drag-Queen-Contests wie beispielsweise im US-TV bei RuPaul's Drag Race kennen. All das war noch vorm zweiten Weltkrieg und der Verfolgung von LGBTI durch die Nazis. Sogar noch zur Weimarer Republik hatte Hirschfeld es geschafft, dass Inter- und Transsexuelle einen Ausweis, autorisiert von der Berliner Polizei, bekommen konnten. Der Ausweis besagte, dass es sich bei seinem Besitzer zwar um einen Mann handele, dieser sich aber schlichtweg anders kleiden wolle und dies keine Krankheit sei, sondern seine Art seine Sexualität auszuleben. Noch einmal: Diese Ausweise wurden von der Berliner Polizei autorisiert! Noch vor dem zweiten Weltkrieg! Hirschfeld dankte dem Direktor der Berliner Polizei, Leopold von Meerscheidt-Hüllessem dafür in seinem Jahrbuch. Die beiden verband eine enge Freundschaft, die damit begann, dass von Meerscheidt-Hüllessem zunächst mehr über diese ungewöhnlichen Sexualitäten erfahren wollte. Er war an den wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert, aber auch an Hirschfelds Expertise als Arzt. Eine interessante Freundschaft: Der Polizeidirektor und der Begründer des Wissenschaftlich-hunanitären Komitees. Hirschfelds Komitee half LGBTI beispielsweise bei gesundheitlichen Problemen und mit Rechtsberatung und kämpfte gegen Paragraph 175. Das ging so weit, dass sie versuchten den Paragraphen 175 mit einer Unterschriftenaktion zu kippen, bei der viele berühmte Personen, unter anderem Albert Einstein, unterzeichneten. Sie wollten den Sex unter Männern entkriminalisieren. Diese Zeit der deutschen Geschichte hat viele Fragen aufgeworfen, die man auch heute noch findet, wenn es heute um LGBTI-Rechte geht.
 
Und nun, rund 80 Jahre später, ist Homosexualität in vielen Ländern noch immer geächtet. Sie haben vorhin selbst die Commonwealth Games erwähnt. In dem Zusammenhang sagte Victor Gill, der Bischoff von Trinidad, "die schwule Agenda wird uns aufgezwungen" und "Homosexuelle dürfen nicht auf den Rechten von Heterosexuellen und Christen herumtrampeln." Mehr als 90 Prozent der Bürger des Commonwealth leben in Rechtssystemen, die Homosexuelle kriminalisieren.
Da treffen verschiedene Logiken der Moderne aufeinander. Zum Beispiel sagte der Präsident von Uganda, "der Mund ist nur zum Essen da, nicht um damit Sex zu haben." In vielen Ländern wird die Diskussion unterbunden und ausgemerzt, indem einfach gesagt wird: "Wir brauchen so etwas nicht! Wir haben eine andere Kultur!" 2003 sagte der damalige Präsident von Malaysia, Mahathir Mohamad, in einer Rede, dass Homosexualität europäischer Kulturimperialismus sei: "Wenn unser Land nicht angegriffen wird, dann werden unsere Gedanken, unsere Kultur, unsere Religion und andere Dinge zum Ziel." 
Natürlich wäre es vermessen und verkürzt, zu behaupten, dass das einzig ein Problem außerhalb unserer abendländischen Tradition wäre. Zum Beispiel wird derzeit weltweit die Gender-Ideologie diskutiert, vor allem von der abendländischen politischen Rechten, was für sie eine extrem erfolgreiche politische Reduktion der Themen Gender und Sexualität ist.
 
Und trotzdem: Warum verlangt die Gesellschaft so oft, dass Homosexuelle sich zu outen haben? Zum Beispiel dürfen Homosexuelle in vielen Commonwealth-Ländern nicht zum Militär. Heterosexuelle müssen sich zu ihren sexuellen Vorlieben nicht äußern.
Ich haben einen guten Freund in Chile, Jaime Parada, der erste offen schwule Politiker dort. Ich kenne ihn seit circa 20 Jahren. Wir diskutieren das Thema oft, auch gern leidenschaftlich. Er sagt, Coming Out meine, dass man sich als Person zeigen kann, komplett, in Gänze. Aber eigentlich ginge es bei dem Thema nur um Sexualität und die alleine mache Dich nicht zu etwas Besonderem. Gemeinsam mit der Psycholgin Raffaela di Girolamo hat erst kürzlich ein Buch dazu veröffentlicht: "Salir del clóset" [Anm. d. Red.: zu dt. etwa „Die Leichen aus dem Keller räumen“].
Es ist ein bisschen so wie damals in den 1970ern in den Vereinigten Staaten als es LGBTI, insbesondere homosexuellen Männern, verboten wurde an Schulen zu unterrichten. Anita Bryant und ihre Kampagne sind da ein gutes Beispiel. Zunächst war das Argument, dass Homosexuelle abstoßende sexuelle Vorlieben hätten und dass sie Kinder homosexuell machen wollten. Damit wurde de facto das Ich-Selbst-Sein der LGBTI in der Rolle als Lehrer verboten.
Ein ähnliches Problem finden wir bei der #MeToo-Bewegung. Auch hier geht es um fundamentale Menschenrechte und das Selbstverständnis „wir, Frauen, leiden unter sexueller Gewalt“. Sie sagen: „Wir können uns nicht gleich und würdig darstellen, weil es sexualisierte Gewalt gegen Frauen gibt.“ Und natürlich, ist es Realität, keine Geschichten. Wenn darüber gesprochen wird, dann bleibt es nicht einfach nur eine Überschrift in einer Zeitung. So viele berühmte Hollywood-Schauspielerinnen haben Harvey Weinstein angeklagt, aber sie haben ihre Erfahrungen auch auf Facebook und Twitter mitgeteilt. Sie reden über Selbst-Darstellung, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt gegen Frauen.
Mit einem Coming Out ist es das Gleiche. Als Beobachter kann ich versuchen zu verstehen, wie die Gesellschaft mich als homosexuelle Person behandeln würde und vielleicht nachfühlen, was das mit mir machen würde. Wie es sich zum Beispiel anfühlt, mit jemanden seit zehn Jahren zusammen zu sein, aber nicht heiraten zu dürfen. Und jeder einzelne Punkt beeinflusst immer auch den Alltag: Ich möchte ein Haus kaufen. Das Problem: Ich brauche Geld. Ich möchte einen Kredit aufnehmen, aber wenn ich nicht verheiratet bin, dann kann die Bank uns nicht gemeinsam veranschlagen. Die Bank behandelt uns dann als wären wir zwei komplett fremde Personen ohne eine Verbindung zueinander. Und es gibt auch keine anderen Formalia oder Rechtsmittel, die belegen könnten, dass wir ein paar sind. Von diesen „Problemchen“ gibt es einen großen Haufen weiterer im Alltag: Was ist, wenn Sex unter Männern illegal ist, ein Richter oder Polizist homosexuell ist, aber das Gesetz sagt: „Richter oder Polizisten ist es verboten selbst Gesetze zu brechen!“? Oder Homosexualität als Krankheit definiert ist und Du ein schwuler Psychiater bist. Dann wäre das Paradox, dass man sich selbst als krank definieren müsste, wegen der Disziplin, die man eigentlich aber gar nicht hätte ausüben dürfen, da man ja eben krank wäre. Was ist mit homosexuellen Geistlichen? Kommen die in die Hölle? Und so weiter und so fort. Kurzum: Es ist eine harte Entscheidung, ob man sich outen möchte oder eben nicht.
 
Ihr Doktorvater am Forum Internationale Wissenschaft [FIW], Prof. Rudolf Stichweh, ist ein herausragender Wissenschaftler. Wir haben Sie sich kennen gelernt? Sie kommen aus Chile und haben Ihren Master in Systemanalyse dort an der University of Chile gemacht. Bonn liegt ja nicht gerade ums Eck.
Professor Stichweh ist nach meinem soziologischen Verständnis einer der wichtigsten Eckpfeiler für eine ganze Reihe von Themen. Mein Interesse lag und liegt vor allem in seinem Konzept der Weltgesellschaft: mit ihren ganz speziellen Strukturen, die man nicht einfach nur auf Organisationen und Handlungen zwischen Individuen herunterbrechen kann, wie es sonst oft klassischerweise in der Soziologie gemacht wird. Die Arbeit von Professor Stichweh auf diesem radikal neuen Niveau der Beobachtung von Gesellschaft ist ohne Zweifel wegweisend. Ich habe soziologische Theorie studiert, insbesondere Systemtheorie, und noch bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich schon einige Übersetzungen von Professor Stichwehs Werken auf Englisch und Spanisch gelesen. Ich hatte dann das Glück ihn während eines großen Kongresses in Chile zu treffen. Das war anlässlich des 30. Jubiläums von „Soziale Systeme“ von Niklas Luhmann aus 1984. Professor Stichweh war da und ich stellte ihm meine Ideen vor. In dem Moment habe ich versucht meine Problemstellung zu erläutern, der Beziehung zwischen Homosexualität und fundamentalen Menschenrechten, ohne es zu trivialisieren, es zu vereinfachen, nur um einfache Antworten geben zu können. Mit Hilfe von einigen Kernideen Professor Stichwehs konnte ich an aktuellen Perspektiven auf das Thema Kritik üben. Und nun ja, nach einiger Zeit der Vorbereitung und der nötigen wissenschaftlichen Erfahrung, bin ich nun hier in Bonn, wo auch Professor Stichweh ist.
 
Wie ist es in solch einem exklusiven Umfeld zu forschen?
Es war toll, vom ersten Tag an. Hier am FIW arbeiten Menschen mit verschiedenen Themen und verschiedenen Ansätzen, aber mit dem Ziel weltweite Probleme mit universellen Werkzeugen zu bearbeiten, um zu versuchen, aktuelle und komplexe wissenschaftliche Probleme zu identifizieren und ihnen auf den Grund zu gehen. Das ist ein super Nährboden für Diskussionen, weil es eben sehr auf die Forschung ausgerichtet ist.
Ich kann ein paar Beispiele aus meinem Bereich, der Abteilung Demokratieforschung, geben, wo mir Kollegen super Feedback und Denkanstöße geben konnten. Dr. Evelyn Moser und Anna Skripchenko zum Beispiel untersuchen die Rolle von NGOs [Anm. d. Red.: Nichtregierungsorganisationen sind vereinfacht gesagt private Organisationen die sich am öffentlichen Meinungsprozess und politischen Diskurs beteiligen] in Russland. Dort finde ich beispielsweise Bezugspunkte zu meiner Arbeit bei Fragestellungen zum Verständnis von freier Meinungsäußerung. Dr. Lena Laube untersucht Staatenlosigkeiten als Problem der Weltgesellschaft. Sie hat mir schon mehrfach dabei geholfen, verschiedene dynamische Prozesse bei Migration zu erklären, wenn es dabei auch um LGBTI geht, zum Beispiel bei Asylsuchenden.
 
Vielen Dank für das Interview. Für den Fall ich würde Sie jetzt noch nach Ihrer sexuellen Orientierung fragen, wie würden Sie reagieren?
Solche Themen, egal ob alte oder neue, die sich mit Minderheiten beschäftigen, sind schon ein Phänomen. Ein Beispiel: Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, sie seien in den Vereinigten Staaten. Denken Sie an einen Lehrer, der sich mit dem Sklavenhandel auseinandersetzt: Ist es ein Weißer mit blauen Augen oder ein Afro-Amerikaner? Das gleiche kann man mit dem Thema Feminismus machen: Wen sehen Sie da vor sich, welches Geschlecht? Wahrscheinlich eine Frau. Und bei mir ist es dasselbe. Menschen fragen mich nach meiner Sexualität, weil sie eine gewisse Erwartungshaltung haben. Auch das können wir versuchen, in eine soziologische Problemstellung zu überführen: Frauen beschäftigen sich mit Frauen-Rechten. Afro-Amerikaner mit Afro-Amerikaner-Recht und Schwule mit Schwulen-Recht. So viele Menschen fragen sich, ob ich homosexuell bin – und in Deutschland ist das immer die letzte Frage. Sogar meine Freundin, die Deutsche ist, hat am Anfang gedacht, dass ich auf Grund des Themas schwul sein müsse.
Ich weiß nicht, ob ich richtig liege, aber bei einem Frauenanteil von 90 Prozent in dem Kurs zu fundamentalen Menschenrechten und Homosexualität, den ich an der Uni halte, vermute ich, dass Frauen lockerer mit dem Thema umgehen, sie scheinen freier in ihrer Sexualität. Sie können sagen: „Mich interessiert das Thema. Ich kann den Kurs besuchen und werde nicht von meinen Freunden damit aufgezogen.“ Es streift Gender-Theorie und Männlichkeit, was bei Männern Unsicherheit auszulösen scheint. Für mich ist es in erster Linie ein unglaublich spannendes Thema, mit wertvollen Forschungsfragen und der Chance, Dinge klarzustellen.

 

Lesetipps für den tieferen Einblick

Hirschfeld M.: Berlins Drittes Geschlecht. Berlin, 1904.

Parada, J. & di Girolamo, R.: Salir del Clóset: Todo lo que hay que saber. Santiago de Chile, 2018.

Pérez-Solari, F.: El Tribunal Constitucional como organización ante el imperativo normativo de los derechos fundamentales. In: Arnold, M., Cadenas, H., y Urquiza, A.. La organización de las organizaciones sociales: Aportaciones desde perspectivas sistémicas. Santiago, 2014. S. 359-376.

Johnson, C.: Sexual Citizenship in a Comparative Perspective: Dilemmas and Insights. In: Sexualities, 20(1-2), 2017.159–175.

 

Felipe im Interview

Wenn Felipe Pérez-Solari leidenschaftlich über seine Forschung spricht, dann geht der ganze Körper mit. Foto: Volker Lannert/Uni Bonn

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