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Sie sind hier: Startseite Die Universität Publikationen forsch Archiv forsch 1 April 2001 Gynaekologie

Von "baby blues" bis Zwangserkrankung

Psychische Störungen bei Frauen

Depressive Störungen treten bei Frauen zweimal so häufig wie bei Männern auf. Gründe dafür liegen in scheinbar ganz normalen Vorgängen wie Schwangerschaft und Entbindung, Menstruationszyklus und Wechseljahren, aber auch in ungewollter Kinderlosigkeit, Schwangerschaftsabbruch oder bösartigen Erkrankungen. Diese Probleme zu erforschen und Frauen psychotherapeutisch zu begleiten, ist Aufgabe des Funktionsbereichs Gynäkologische Psychosomatik an der Klinik für Geburtshilfe und Frauenheilkunde.

Traditionell stellt die Gynäkologie eine Fachrichtung dar, die psychische und psychosomatische Aspekte von Erkrankungen in der Behandlung berücksichtigt – und zwar sowohl als mögliche Ursache körperlicher Beschwerden als auch in der Folge von Erkrankungen. Spezielle Funktionsbereiche gibt es aber bisher nur an sehr wenigen Universitäten und mehreren außeruniversitären Krankenhäusern; eine umfassende Betreuung ist noch keineswegs erreicht. Über das Netzwerk Frauenforschung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde 1997 an der Universität Bonn die neue Forschungsprofessur „Gynäkologische Psychosomatik” eingerichtet und als eigenständiger Funktionsbereich an der Klinik angesiedelt. Professorin Dr. Anke Rohde, Fachärztin für Nervenheilkunde und Psychotherapie, arbeitet hier mit zwei psychotherapeutisch ausgebildeten Psychologinnen zusammen. Eng verbunden mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Krankheitsbildern wie Depression, Angst- und Zwangserkrankungen und Psychosen ist die Diagnostik und Beratung von Patientinnen im stationären und ambulanten Bereich.
Psychische Probleme gelten hierzulande immer noch als eher peinlich und werden häufig verheimlicht. „Und schließlich scheinen besonders psychische Probleme von Frauen nicht immer in der erforderlichen Ernsthaftigheit wahrgenommen zu werden“, kritisiert Prof. Rohde. Im Mittelpunkt der Forschung ihres Teams stehen sowohl durch hormonelle Umstellungen bedingte Störungen wie das prämenstruelle Syndrom oder psychische Störungen in den Wechseljahren – häufig verständnislos als Hysterie belächelt – als auch solche, die bei Frauen in bestimmten Lebenssituationen auftreten. Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben, erleben die heute neudeutsch „baby blues” genannten Heultage, eine postpartale Depression oder gar eine Wochenbettpsychose. Andere, die eines wollen und nicht bekommen können, leiden und reagieren depressiv auf fehlgeschlagene Versuche künstlicher Befruchtung. Angst vor einer Fehl- oder Totgeburt begleitet viele Schwangerschaften – sie tatsächlich zu erleben, prägt jeden weiteren Versuch oder verhindert ihn ganz. In äußerst problematische Gefühls- und Entscheidungssituationen bringen Frauen Mißbildungen des Kindes, durch moderne vorgeburtliche Untersuchungsverfahren festgestellt. Ein Schwangerschaftsabbruch mag mit Erleichterung, aber auch Trauer und langanhaltenden Schuldgefühlen verbunden sein. Dem Schock auf eine Diagnose von Brust- oder Eierstockkrebs folgen oft operative Eingriffe mit Störungen des Selbstwertgefühls. Opfer sexueller Gewalt leiden häufig unter anhaltenden Ängsten, Alpträumen und Beziehungsstörungen.

Zum Spektrum der Arbeit des Wissenschaftlerinnenteams gehören auch psychische Probleme in der Schwangerschaft, vorzeitige Wehen, unklare Unterbauchbeschwerden sowie Sexualstörungen und Probleme der sexuellen Orientierung (wenn sich z.B. eine Frau als Mann fühlt und so leben und aussehen möchte).
Neben akuten Problemen bestehen in der Hälfte aller Fälle, so Prof. Rohde, auch Schwierigkeiten mit Familienangehörigen, finanzielle Sorgen o.ä. – belastende Faktoren, die sich unter Umständen nicht nur summieren, sondern potenzieren. Das soziale Umfeld hat großen Einfluß darauf, ob eine Frau Hilfe grundsätzlich akzeptiert und in Anspruch nimmt. Auch erlebt sie häufig psychische Probleme als eigenes Versagen. Hätte sie den Geburtsschmerz doch noch etwas länger ertragen und damit den Kaiserschnitt vermeiden können? Ist sie wirklich die schlechteste Mutter der Welt, weil sie ihr Neugeborenes nicht spontan liebt? Der Schritt von der „normalen” ärztlichen Behandlung zur psychologischen, psychosomatischen oder gar psychiatrischen Beratung löst erhebliche Schwellenangst aus. „Daher ist es erforderlich”, sagt Prof. Rohde, „solche Betreuungsangebote möglichst selbstverständlich in Behandlungsabläufe einzugliedern.” Und zwar auch bei leichteren Störungsbildern, nicht erst, wenn erhebliche Auffälligkeiten auftreten.

uk/forsch

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