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Fossilien weisen den Weg zum Schwarzen Gold

Renaissance einer alten Kunst

Ölbohrungen sind teuer - und allzuoft erfolglos: In 80 bis 90 Prozent aller Versuche trifft der Bohrkopf nicht ins Schwarze, sondern landet in wertlosem Sediment. Bei jeder Fehlbohrung setzten Firmen so mehrere Millionen Euro in den sprichwörtlichen Sand. Dabei gibt es einen Ausweg: Winzige versteinerte Einzeller können Experten verraten, wo es sich zu suchen lohnt - eine aussterbende Kunst, die weltweit nur noch wenige Spezialisten beherrschen. Ein Mikropaläontologe der Universität Bonn bildet nun in Zusammenarbeit mit der Firma RWE/DEA Nachwuchswissenschaftler in dieser Disziplin aus.

Manche sehen aus wie Zwei-Euro-Münzen aus Kalk. Für Ölfirmen können sie bares Geld bedeuten: Einzeller aus der Gruppe der Foraminiferen. In den Sedimenten der Meere finden sich mitunter wahre Massengräber dieser Urtierchen, runde, flache Scheiben oder kleine, bauchige Linsen, manche glatt, manche mit bizarren Fortsätzen versehen. Gemeinsam ist ihnen die poröse Kalkhülle, von der sie umgeben sind - und die sie für die Suche nach dem Schwarzen Gold so interessant machen. Denn Sedimente mit einem hohen Foraminiferen-Anteil können in den löchrigen Kalkschalen Öl und Gas aufsaugen wie ein riesiger Schwamm - ideale Bedingungen für die Entstehung einer großen Lagerstätte.

"Erdöl entsteht bei Druck und hohen Temperaturen aus organischem Material, meistens in einer Tiefe von mehreren Kilometern unter der Landoberfläche oder dem Meeresboden", erklärt Professor Dr. Martin Langer vom Bonner Institut für Paläontologie. Von dort wandert das Öl ähnlich wie in einem Löschpapier durch die darüberliegenden Gesteinsschichten, bis es beispielsweise von einer Tonschicht wie von einem Deckel aufgehalten wird. Ob die Lagerstätte ergiebig ist, hängt - außer von der Form des "Deckels" - wesentlich von der Speicherfähigkeit des Lagergesteins ab.

Um den begehrten Energieträger aufzuspüren, führen die Firmen in vielversprechenden Regionen eine Art "Ultraschall-Untersuchung" durch: Sie erzeugen Schallwellen, deren Ausbreitung und Reflexion im Boden sie mit Hilfe von Geofonaufnahmen verfolgen. Am Rechner entstehen aus den seismischen Messwerten Bilder, die den Schichtverlauf im Boden zeigen - und auf denen das geschulte Auge potenzielle Lagerstätten erkennen kann. "Die Bilder haben aber leider eine begrenzte räumliche Auflösung", erläutert Professor Langer. "Häufig bohren die Firmen ein paar hundert Meter neben der richtigen Stelle. In der angegebenen Tiefe stoßen sie dann nur auf trockenes Gestein."

Anhand der Mikrofossilien, die der Bohrer aus der Tiefe ans Tageslicht befördert, können Experten schließen, ob die Lagerstätte wirklich "ein trockenes Loch" ist - oder ob sie noch gar nicht erreicht wurde. Die Fossilfunde ermöglichen sogar, die seismische Landkarte "einzunorden": Indem der Mikropaläontologe die Funde mit den vorhergesagten Schichten vergleicht, kann er erkennen, wo genau die Bohrung gesetzt werden sollte oder wie sie beim nächsten Versuch korrigiert werden muss.

"Die industrielle Mikropaläontologie ist eine alte Kunst", so Professor Langer. "Alle großen Ölförderfirmen habe früher eigene Fossil-Experten beschäftigt." Als dann die Stunde der Seismik schlug, meinte man, mit der neuen Messtechnik alleine zum Ziel zu kommen. "Seit 1980 wurden zahlreiche Mikropaläontologen entlassen; entsprechend schlecht steht es um den Nachwuchs." Viele Firmen haben inzwischen ihren Irrtum erkannt; es fehlt jedoch an Fachleuten, die Nachwuchswissenschaftler entsprechend schulen können. Im vergangenen Frühjahr hat der Bonner Fossilforscher zum ersten Mal eine Fortbildung auf diesem lange vernachlässigten Gebiet angeboten - mit riesigem Erfolg: "Wir hatten Bewerber, die für den 2-Tages-Kurs aus den USA, Indien oder Südafrika angereist wären." Weltweit werden heute lediglich noch an einer Handvoll Instituten in den USA und Europa Mikropaläontologen für die Ölindustrie ausgebildet. Nach dem erfolgreichen Testlauf hat Professor Langer nun das Ziel, die Fortbildungsveranstaltung langfristig an der Universität zu etablieren. "Bonn hat eine lange mikropaläontologische Tradition, wir verfügen über eine der größten Sammlungen weltweit. Wir haben eine gute Chance, international ein Anlaufpunkt für diese fast vergessene Forschungsrichtung zu werden."

Weitere Informationen: Professor Dr. Martin Langer, Institut für Paläontologie der Universität Bonn, Tel.: 0228/73-4026, E-Mail: [Email protection active, please enable JavaScript.]

Bilder zu dieser Pressemitteilung

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Professor Langer zeigt einen Sedimentbrocken mit zahlreichen Mikrofossilien. Foto: Frank Luerweg, Uni Bonn
Mikrofossilien. Foto: AG Professor Martin Langer
Mikrofossilien. Foto: AG Professor Martin Langer
Mikrofossilien. Foto: AG Professor Martin Langer
Mikrofossilien-Kurs im Goldfuß-Museum für Paläontologie. Foto: AG Professor Martin Langer
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