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Meilenstein in der Diagnostik von Mastzellerkrankungen

Mediziner veröffentlichen Checkliste / hohe Dunkelziffer

Ein interdisziplinäres Ärzteteam unter Federführung von Wissenschaftlern der Universität Bonn hat eine Checkliste vorgestellt, die die Diagnose so genannter Mastzellerkrankungen erheblich erleichtert. Da die Symptome sehr variabel sind, wird die Störung nur selten diagnostiziert. Es gibt aber vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Häufig äußert sich die Krankheit in chronischen Bauchschmerzen, Krämpfen und Durchfällen. Manche Betroffene zeigen gar die Symptome einer massiven Darmentzündung. Doch weder in Laboruntersuchungen noch in bildgebenden Verfahren findet sich bei ihnen etwas Verdächtiges. Die neue Diagnose-Checkliste ist in der Septemberausgabe der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (Heft 38) erschienen.

Mastzellen zählen zu den wichtigsten Stützen des Immunsystems. Sie speichern nämlich eine Vielzahl von Botenstoffen, mit denen sie bei Kontakt mit Viren, Bakterien, Parasiten und Allergenen aller Art die passende Immunreaktion einleiten und verstärken können. Das mögliche Resultat ihrer Auseinandersetzung mit Allergenen kennt jeder, der unter Heuschnupfen leidet: Triefende Nase, verquollene, gerötete Augen und asthmatische Beschwerden.

Wenn der "Einsatzleiter" versagt

Mastzellen finden sich verteilt in allen Geweben und Organen. Sobald sich irgendwo ein Entzündungsherd bildet, rufen bestimmte weiße Blutkörperchen sie zur Hilfe. Zusätzliche Mastzellen wandern in den betroffenen Gewebebereich und koordinieren die Körperabwehr. Bei Menschen mit einer Mastzellerkrankung sind diese "Einsatzleiter" der Immunabwehr aufgrund genetischer Veränderungen jedoch auch ohne Entzündung kämpferisch gestimmt. Im Darm können diese fehlerhaften Zellen mit ihrem Arsenal an chemischen Waffen die Schmerzen, Darmkrämpfe oder Verdauungsstörungen verursachen, unter denen die Betroffenen so sehr leiden.

"Mit der Checkliste können wir erstmals Patienten mit einer Störung der Mastzellaktivität klar von Gesunden unterscheiden", erklärt Professor Dr. Gerhard J. Molderings von der Bonner Universitätsklinik. Zusammen mit einem interdisziplinären, multizentrischen Team von Ärzten hat er im Rahmen eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsprojekts die klinischen Erscheinungsformen einer gestörten Mastzellaktivität zu der Checkliste zusammengeführt.

Beschwerden können zur Invalidität führen

"Mastzellaktivitätsstörungen sind entgegen der weit verbreiteten Ansicht keine sehr seltenen Erkrankungen", erläutert Molderings weiter. "Sie werden nur zu selten diagnostiziert; die Dunkelziffer ist wahrscheinlich hoch." Die Beschwerden können so gravierend sein, dass die Patienten bis zur Invalidität beeinträchtigt sind. Was die Erkennung so schwierig macht, sind die Vielfalt und die für sich allein genommen geringe Spezifität der Symptome. Außerdem finden sich in der Regel keine oder allenfalls nur geringe Veränderungen von Laborwerten und Ergebnissen bildgebender Verfahren.

Hier setzt der Diagnosefragebogen an: Er erfasst gezielt die Symptome, die durch die Botenstoffe krankhaft überaktiver Mastzellen ausgelöst werden, und die dann in der Zusammenschau krankheitsspezifisch werden. "Die Anwendung der Checkliste ermöglicht eine frühere Diagnose und damit eine schnellere und erfolgversprechendere Behandlung der Patienten", betont Molderings. Zugleich dämpft er allzu große Erwartungen: "Wir haben jetzt zwar ein effektives Diagnoseinstrument, aber in der Therapie der Erkrankung stehen wir noch ziemlich am Anfang." Die Erkenntnis, dass Mastzellen als zentrale Schaltstellen des Immunsystems fungieren, sei noch relativ jung. "Wir müssen dies bei der Entwicklung von neuen therapeutischen Strategien berücksichtigen, um mögliche unerwünschte Therapieeffekte im Vorfeld abschätzen zu können."

Einer der Autoren der Checkliste ist Professor Dr. Jürgen Homann, Chefarzt der Allgemeinen Inneren Medizin am Evangelischen Waldkrankenhaus in Bad Godesberg. Unter seiner Leitung wird dort derzeit ein internistisches Kompetenzzentrum für Mastzellerkrankungen aufgebaut. Es soll zusammen mit den anderen Mitgliedern der multizentrischen Forschungsgruppe neue erfolgversprechende Behandlungsansätze erarbeiten.


Kontakt:
Professor Dr. Gerhard J. Molderings
Institut für Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/73-5421
E-Mail:
molderings@uni-bonn.de

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