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\"Bedeutender Beitrag zu unserem Fach\"

Ausstellung würdigt den Einfluss jüdischer Mathematiker auf die akademische Kultur in Deutschland

Ob Emmy Noether oder Felix Hausdorff: Jüdische Mathematikerinnen und Mathematiker hatten einen enormen Einfluss auf die Entwicklung ihres Fachs. Eine Ausstellung an der Universität Bonn zeichnet diesen Beitrag in acht Stationen nach. Die Veranstaltung im Stucksaal des Poppelsdorfer Schlosses ist vom 18. bis 22. September täglich zwischen 9 Uhr und 19.45 Uhr geöffnet. Anlass ist die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, die am 18.9. an der Universität Bonn beginnt. Ein weiteres Highlight im Rahmenprogramm der Tagung ist die Aufführung eines Theaterstücks von Felix Hausdorff - eine derbe Satire auf das Duellunwesen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Eintritt zur Ausstellung wie auch zum Theaterstück ist frei.
 
"Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Bemühungen des Leo-Baeck-Instituts, den Beitrag der Juden zur Entwicklung der europäischen Wissenschaft und Kultur zu  erforschen und zu dokumentieren", erklärt der Bonner Mathematiker Professor Dr. Walter Purkert. "Gerade zu unserem Fach haben jüdische Forscher einen ganz bedeutenden Beitrag geleistet, was die Ausstellung auch anschaulich dokumentiert." Nicht zuletzt diesem Beitrag verdanke die Mathematik im deutschsprachigen Raum, dass sie zwischen 1850 bis 1933 eine führende Rolle in der Welt spielte.

In acht Stationen greifen die Organisatoren die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln auf. So werden klassische Monographien, einflußreiche Lehrbücher und gesammelte Werke jüdischer Gelehrter vorgestellt und ihre wissenschaftliche Bedeutung erläutert. Zahlreiche weitere Exponate beleuchten den Beitrag, den jüdische Forscher zur Entstehung und Entwicklung mathematischer Zeitschriften und Monographienserien geleistet haben. Auch ihrem Einfluss auf den mathematischen Schul- und Hochschulunterricht sowie auf die Popularisierung der Mathematik spürt die Ausstellung nach.

Die Ausstellung dokumentiert auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen seit 1812 sowie die Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für Juden zu verschiedenen Zeiten. In diesem Zusammenhang gehen die Organisatoren zudem auf die permanente Diskriminierung und die immer wieder auftretenden Wellen des Antisemitismus ein. Eine Station ist antisemitischen Klischees gewidmet, die insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus auch von Mathematikern in der Zeitschrift "Deutsche Mathematik" und in anderen Publikationen verbreitet wurden. Dazu zählt die Behauptung, es gebe eine "typisch jüdische" Mathematik, die besonders abstrakt, gekünstelt, lebensfremd und ohne Anwendungen sei. Die "typisch arische" Mathematik sei dagegen anschaulich-geometrisch und angewandt. Allein ein Blick auf die ausgestellten Werke zeigt die Absurdität solcher Behauptungen.

Die letzte Station dokumentiert die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Mathematiker unter der NS-Diktatur und damit auch die Zerstörung einer großen wissenschaftlichen Tradition.

Am 18.9. um 18.30 Uhr wird die Ausstellung offiziell eröffnet. Dazu hat sich unter anderem der Vorsitzende der Deutschen Telekom-Stiftung, Außenminister a.D. Dr. Klaus Kinkel, angesagt.

Theaterstück von Felix Hausdorff

Zum Rahmenprogramm der Deutschen Mathematiker-Tagung zählt auch ein ungewöhnliches Theaterstück: Am 22. und 23. September zeigt die Evangelische Studierendengemeinde ESG das Stück "Der Arzt seiner Ehre". Die Aufführungen beginnen jeweils um 20.00 Uhr im Saal des ESG-Gebäudes in der Königstraße 88. Frühes Erscheinen wird empfohlen: Es gibt nur 80 Plätze. Für die Kongressteilnehmer gibt es allerdings gesonderte Vorstellungen.

Das Stück stammt von dem Bonner Mathematik-Professor Felix Hausdorff. Unter dem Pseudonym Paul Mongré wirkte er lange als Literat, Philosoph und zeitkritischer Essayist. Mit "Der Arzt seiner Ehre" schrieb er eine beißende Satire auf das Duellunwesen und die überkommenen Ehrbegriffe des preußischen Offiziercorps. Von den Kritikern wurde er dafür bejubelt oder verdammt - je nach politischer Couleur. Als Jude unter der nationalsozialistischen Diktatur zunehmend schikaniert und gedemütigt, nahm Hausdorff sich am 26. Januar 1942 gemeinsam mit seiner Frau das Leben.


Kontakt:
Professor Dr. Walter Purkert
Arbeitstelle Hausdorff-Edition der Nordrhein-Westfälischen Akademie der
Wissenschaften am Mathematischen Institut
Telefon: 0228/73-3595
E-Mail:
edition@math.uni-bonn.de

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