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Ein Labor schreibt Wissenschaftsgeschichte

Vor 20 Jahren gründete der Nobelpreisträger Reinhard Selten das Bonner Labor für Experimentelle Wirtschaftsforschung

Es ist das älteste seiner Art in Europa und zählt bis heute selbst in den USA zu den Top-Adressen seiner Zunft: Das Labor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Bonn. Vor zwei Jahrzehnten vom Bonner Nobelpreisträger und Mitbegründer der Spieltheorie Professor Dr. Reinhard Selten gegründet, hat es seitdem in mehr als 38.000 Stunden experimenteller Arbeit dazu beigetragen, das eindimensionale Bild vom streng rational handelnden "Homo oeconomicus" zu korrigieren. Am Freitag, 10. Februar, begeht die Universität Bonn das Jubiläum mit einem Festkolloquium im Universitätsclub, Konviktstraße 9. Dazu sind auch Journalisten herzlich eingeladen. Während der Pausen stehen die Wissenschaftler - darunter auch Professor Selten sowie der heutige Laborleiter und Forschungsdirektor des Instituts zur Zukunft der Arbeit Professor Dr. Armin Falk - für Interviews zur Verfügung.

Die Grundidee der experimentellen Wirtschaftsforschung ist einfach: In einer Art Spiel müssen Versuchspersonen am Computer Entscheidungen treffen, etwa über den Kauf oder Verkauf einer Aktie, deren Wert sich in Abhängigkeit von den Entscheidungen der Mitspieler verändert. Ihren Gewinn bekommen sie später in harter Währung ausgezahlt. Oder sie treffen Entscheidungen über Arbeitsleistungen und Löhne auf Arbeitsmärkten, müssen ihre Route für bestimmte Verkehrssituationen planen oder Ressourcen in Verhandlungsexperimenten aufteilen. Rund 25.000 Versuchspersonen haben in den letzten zwei Jahrzehnten im "BonnEconLab" unter streng definierten Laborbedingungen an ähnlichen Studien teilgenommen und dabei insgesamt 300.000 Euro an Preisgeldern verdient. Neun ehemalige Mitarbeiter des Labors sind inzwischen selbst Universitätsprofessoren.

Bei seiner Gründung wurde das Labor dagegen noch misstrauisch beäugt: "Die Idee, theoretische Vorhersagen zum wirtschaftlichen Verhalten einmal wirklich experimentell auf den Prüfstand zu stellen, traf nicht bei allen Ökonomen auf Zustimmung", sagt der heutige Direktor des Labors Professor Dr. Armin Falk. "Experimentelle Wirtschaftsforschung galt als exotisch; die Ergebnisse waren anfangs kaum publizierbar." Vielleicht auch, weil sie allzu häufig mit Resultaten der Spieltheorie zu kollidieren schienen - einer Disziplin, für deren Entwicklung John Nash, John Harsanyi und Reinhard Selten 1994 den Nobelpreis erhalten hatten. Die Spieltheorie ermöglicht es, die Marktentscheidungen von Menschen vorherzusagen. Dabei gingen die Wirtschaftswissenschaftler lange von bestimmten Grundannahmen aus. So sei jede Handlung des "Homo oeconomicus" allein auf die Maximierung des persönlichen Nutzens durch rationale Überlegungen gerichtet - ein Paradigma, das heute zunehmend in Frage gestellt wird.

Ökonomie ist auch Psychologie

Stattdessen vermuten heute viele Ökonomen, dass bei wirtschaftlichen Entscheidungen auch psychologische Effekte eine große Rolle spielen. Das zeigt beispielsweise das Thema "Kontrolle am Arbeitsplatz": "Nach klassischer Vorstellung muss der Chef seine Mitarbeiter kontrollieren, damit die nicht auf der faulen Haut liegen", erklärt Falk, der zu diesem Aspekt kürzlich eine Aufsehen erregende Studie durchgeführt hat. "Wir konnten aber experimentell nachweisen, dass viele Menschen auf Kontrolle und Mistrauen negativ reagieren und weniger leisten also ohne Kontrolle." Ein anderes Beispiel: Wenn Hilfsorganisationen ihren Spendenaufrufen als kleines Geschenk ein paar Postkarten beilegen, steigt das Spendenaufkommen dramatisch - bei vier Postkarten um 75 Prozent. Grund: Menschen verhalten sich "reziprok", also nach dem Motto "wie du mir, so ich dir". Die klassische Theorie kann diesen Effekt dagegen nicht erklären.

Als Absage an die Spieltheorie versteht Falk die experimentelle Forschung allerdings nicht. "Die Spieltheorie ist offen. Sie ist auch nicht widerlegt worden. Widerlegt wurden bestimmte Annahmen." Wie diese zu wählen seien, verrieten eben die Experimente. Aus der Ökonomie sei die Kombination aus spieltheoretischer Vorhersage und experimenteller Überprüfung inzwischen nicht mehr wegzudenken. Der Laborgründer Professor Selten kenne und beherrsche beide Welten. "Seine Figur hat den Geist des BonnEconLab geprägt und es zu dem gemacht, was es heute ist."

Medienvertreter, die am Festkolloquium teilnehmen möchten, können sich unter der unten aufgeführten Kontaktadresse anmelden.

Kontakt:
Iwona Werner
Institut zur Zukunft der Arbeit
Telefon: 0228/3894-509
E-Mail:
werner@iza.org

Bilder zur Presseinformation

Zum Download der Bilddateien in Originalauflösung bitte auf die entsprechende Miniaturansicht klicken! Der Abdruck der Bilder ist im Zusammenhang mit dieser Presseinformation kostenlos; wir bitten Sie aber, den angegebenen Bildautorzu nennen.
Alle Bilder (c) Frank Homann, Uni Bonn

Vor den Experimenten müssen die Testpersonen die Spielregeln sehr genau studieren. Erst wenn sie in einem Testdurchlauf bewiesen haben, dass sie alles verstanden haben, startet das eigentliche Experiment.
 
 
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