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Mehr Konkurrenz an den Lebensnerven der Gesellschaft

Internationaler Masterstudiengang an der Uni Bonn bildet Experten für die Regulierung von Netzwerkindustrien aus

Industrien, die auf eine Netzwerkinfrastruktur zurückgreifen - dazu zählen zum Beispiel Telekommunikation, Post, Energieversorgung und Transport - erwirtschaften rund sechs Prozent des europäischen Bruttosozialprodukts. In den letzten Jahren haben sie sich zunehmend dem Wettbewerb stellen müssen. Dabei sorgt der Gesetzgeber durch gezielte Regulierung beispielsweise dafür, dass Konkurrenten zu angemessenen Preisen Zugriff auf die jeweilige Infrastruktur bekommen. Ein neuer internationaler Masterstudiengang an der Universität Bonn bildet ab September 2006 Experten in der komplizierten Materie "Regulierung von Netzwerkindustrien" aus. Bewerbungen sind schon jetzt unter www.merni.net möglich.

Am 1. Januar 1998 öffnete die Bundesregierung den deutschen Telekommunikationsmarkt für Fremdanbieter. Bis zu 62,6 Pfennig (32 Cent) pro Minute mussten die Telekom-Kunden damals für ein Inlandsgespräch im Festnetz hinblättern. Inzwischen sind die Preise auf ein Dreißigstel gesunken. Ein Telefonat in die USA kostet heute weniger als 1996 ein Ortsgespräch. Dass der Erfolg von nur kurzer Dauer sein kann, veranschaulicht andererseits der Strommarkt: Nach der Liberalisierung Anfang 1999 drängten zwar zunächst über 100 neue Anbieter auf den Markt und drückten die Preise massiv: Privathaushalte zahlten bis zu 20 Prozent, Industriekunden sogar bis zu 50 Prozent weniger. Doch nur eine Handvoll hat überlebt. Bei den Preisen weist der Trend wieder nach oben.

Telekommunikation, Post, Transport, Wasser- und Energieversorgung: An den Lebensnerven der Gesellschaft agierten früher staatliche Monopole, die jetzt schrittweise liberalisiert werden. "Dabei treten überall vergleichbare Regulierungsprobleme auf - insbesondere bei Fragen des Zugangs zum Netz, der Entgeltregulierung und der Nutzung durch Konkurrenten", erklärt Professor Dr. Christian Koenig, Direktor am Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI). Koenig ist Initiator des Master-Studiengangs MERNI (Master of European Regulation of Network Industries), der im kommenden September seine ersten Studenten begrüßt. "MERNI behandelt die Regulierungsproblematik sektor- und fachübergreifend - europaweit ein einzigartiger Ansatz", ergänzt Sascha Loetz, Geschäftsführer des Programms.

Die Beispiele Telefon und Strom zeigen, dass es vor allem auf die richtigen Rahmenbedingungen ankommt, wenn die Liberalisierung von Netzwerkindustrien erfolgreich verlaufen soll. So schuf die Bundesregierung 1996 eigens eine Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post. Ihr Nachfolger, die Bundesnetzagentur (BNetzA), regelt beispielsweise, welche Gebühren marktbeherrschende Telekommunikationsunternehmen von ihren Konkurrenten für die Nutzung ihrer Leitungen verlangen können, und hat so maßgeblichen Anteil an den dramatischen Kostensenkungen der letzten Jahre. Im Energiebereich hat der Gesetzgeber es dagegen ursprünglich weitestgehend den Netzbetreibern überlassen, wieviel sie für die Durchleitung "fremden" Stroms oder Gases durch ihre Netze nehmen wollten. Ergebnis: Die Nutzungsgebühren, die für den Verbraucher immerhin ein Drittel der Energiekosten ausmachen, liegen hierzulande doppelt so hoch wie beispielsweise in Schweden - gut für die Netzbetreiber, schlecht für den Wettbewerb. Abhilfe sollen auch hier EG-Vorgaben schaffen, um deren Durchsetzung sich die Bundesnetzagentur seit einigen Monaten kümmert. Ähnliche Regelungen sind zukünftig auch für den Schienenverkehr vorgesehen.

MERNI will seine Absolventen zu Experten für die Regulierung von Netzwerkindustrien ausbilden. Ein Menschenschlag, der in Zukunft immer begehrter werden dürfte: Viele ehemalige Staatsmonopolisten wurden bereits schrittweise privatisiert, und die Anzahl der Märkte, auf denen Wettbewerb herrscht oder in Gang kommt, wächst.  "Um Chancen und Grenzen der Liberalisierung richtig beurteilen zu können, sollen unsere Teilnehmer neben den technischen und ökonomischen Zusammenhängen vor allem den europarechtlichen Rahmen verstehen", sagt MERNI-Programmkoordinator Oliver Füg. Das soll garantieren, dass die Studenten bei ihren ökonomischen Analysen die rechtlichen Vorgaben nicht aus den Augen verlieren. Dabei helfen ihnen die unterschiedlichen länderspezifischen Erfahrungen der Dozenten: Unter anderem konnten die Organisatoren Experten aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden gewinnen. "Einen rein nationalen Ansatz gibt es hier ohnehin nicht mehr: Die rechtlichen Vorgaben kommen aus Brüssel, und die ökonomischen Grundlagen der Netzwerkregulierung sind allenfalls vom Wirtschaftsmodell, nicht aber von Staatsgrenzen abhängig", erklärt Professor Koenig.

Ein Jahr dauert das ambitionierte Programm; Lehr- und Prüfungssprache ist englisch. Bei seiner Master-Arbeit kann jeder Teilnehmer entsprechend seiner Eingangsqualifikation zwischen einem eher juristisch und einem eher ökonomisch ausgerichteten Thema wählen. Bei Erfolg erhält er den Titel "LL.M" (Master of Laws) oder "MRA" (Master of Regulatory Affairs). 10.000 Euro soll MERNI kosten - und ist damit im internationalen Vergleich relativ günstig. Die Studiengebühren werden jedoch kein Teilnahmehindernis darstellen. "PricewaterhouseCoopers vergibt jährlich drei Stipendien, und bis zum Start im kommenden September werden weitere hinzukommen", betont Sascha Loetz. Das große Interesse der Wirtschaft an MERNI bestätigt diese Zuversicht: So zählen schon heute E.on, EnBW, die Deutsche Post und die Deutsche Telekom zu den Förderern des Programms. "Alle großen Unternehmen wissen, dass sie mit dem Thema Netzregulierung in den nächsten Jahrzehnten leben müssen", bemerkt Loetz. "Daher ist das Interesse an gut ausgebildeten Fachkräften enorm."

Kontakt:
Sascha Loetz, Geschäftsführer MERNI
Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI)
Telefon: 0228/73-1844, -1891
Telefax: 0228/73-1893
E-Mail:
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