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Frau Antje - bei uns beliebt, in ihrer Heimat umstritten

Kritiker befürchten, die Kunstfigur transportiere ein rückständiges Holland-Bild

Über solche Werte würde sich mancher Politiker freuen: 90 Prozent aller Deutschen kennen Frau Antje, die Käse-Botschafterin unseres Nachbarlandes, und den meisten davon ist sie sympathisch. In ihrer Heimat ist die Kunstfigur jedoch umstritten: Da Frau Antje in den letzten Jahren zunehmend als Symbol für ganz Holland steht, fürchten unsere Nachbarn um ihr Image. Schließlich transportiere die Blondine mit den braven Zöpfen und der ländlichen Tracht ein Bild, das nicht zu einer modernen Industrienation passe. Eine Volkskundlerin der Universität Bonn gibt nun Entwarnung: Zwar werde Frau Antje hierzulande in Medienberichten und Karikaturen tatsächlich mehr und mehr als Metapher für Holland verwandt. Imageschäden hätten unsere Nachbarn dadurch aber nicht zu befürchten.

Köln, 20. März 2004: In Galaoutfit und weißer Haube steht eine blondbezopfte Frau neben Rudi Carell und den berühmten Käseträgern aus Alkmaar und hält die soeben auf ihren Namen getaufte käsegelbe Tulpe in ihren Händen. Das Publikum, 1.000 Gewinner von Eintrittskarten zur "Großen Hollandgala", applaudiert begeistert. Später lassen sich Dutzende Zuschauer Autogramme geben: nicht von Rudi Carell, sondern von der in Deutschland bekanntesten Niederländerin - von Frau Antje.

Seit ihrer "Geburt" als Frau Antje bei ihrem ersten Fernsehauftritt 1961 hat die Käse-Botschafterin hierzulande einen unglaublichen Siegeszug angetreten. Sophie Elpers hat in ihrer Magisterarbeit die Entwicklung der Kunstfigur von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute nachgezeichnet. Ihre Ergebnisse sind jetzt als Buch erschienen.

Die Wiege von Frau Antje steht in Volendam am Ijsselmeer. Ende des 19. Jahrhunderts zog es vor allem Maler auf der Suche nach dem "ursprünglichen Holland" in Scharen in das kleine Fischerdorf, wo sie die ländliche Einfachheit und die pittoresken Trachten der Frauen festhielten. "Nach den Künstlern kamen die Touristen, und mit den Touristen die Ansichtskartenindustrie", erklärt Sophie Elpers. "So wurde die Tracht mit der charakteristischen Flügelhaube in ganz Holland bekannt."

Frau Antje: Klingt holländisch, ist es aber nicht

1934 wurde das Niederländische Büro für Molkereiprodukte gegründet und setzte zunehmend junge Frauen in Volendamer Tracht für die Käsewerbung auf Messen und Ausstellungen ein. In den 50er Jahren entwickelte ein Grafiker im Auftrag des Büros das charakteristische blau-rote Logo, das noch heute das Aussehen von Frau Antje prägt. "Das Logo zeigt eine Frau in traditionell wirkender Kleidung und weißer Haube", sagt Elpers. "Die Tracht hat aber mit dem ursprünglichen Vorbild praktisch nichts zu tun, sondern ist eine reine Marketing-Erfindung."

1961 wurde das Logo lebendig: Ein blondbezopftes Meisje in blau-roter Kleidung erklärte seinen deutschen Fernsehzuschauern, wie man Käsetoast Hawaii zubereitet. Sein Name: Frau Antje. "Antje klingt in unseren Ohren typisch holländisch, ist aber in den Niederlanden gar nicht so weit verbreitet", erläutert die Volkskundlerin. Als Werbefigur für Käse steht Frau Antje für Sauberkeit, Anstand und Tradition, auch wenn sie in jüngeren Werbespots schon einmal Techno-Musik hört. Entsprechend groß war der Skandal, als sich die ehemalige Antje-Darstellerin Ellen Soeters 1984 für den Playboy auszog. Genüsslicher Kommentar des Magazins: "Wir bringen (...) das Beste von Frau Antje. Guten Appetit allerseits."

Bei unseren Nachbarn war die Figur bis in die 90er Jahre so gut wie unbekannt. Das änderte sich abrupt, als sich die Holländer mit dem fortschreitenden europäischen Integrationsprozess zunehmend die Frage nach ihrer nationalen Identität stellten. "Die Niederlande verstehen sich als moderne Industrienation mit einer großen Tradition in Literatur, Kunst und Architektur", sagt Elpers. "Das kollidierte mit dem ländlich-konservativen Bild, das Frau Antje zu transportieren schien." In den letzten Jahren wurde die Figur daher in den niederländischen Medien sehr kontrovers diskutiert.

Verschärft wurde der Konflikt, weil die Kunstfigur hierzulande seit den 90er Jahren zunehmend als Metapher für ganz Holland steht. Beispiele sind der Büchertitel "Frau Antje und Herr Mustermann: Niederlande für Deutsche" aus dem Jahr 2003 oder die Spiegel-Titelgeschichte "Frau Antje in den Wechseljahren" vom Frühjahr 1994, in der Erich Wiedemann über "Identitätskrise und das Ende der Toleranz in den Niederlanden" berichtet. Das Titelbild skizziert Frau Antje mit einem Joint im Mund und einer Heineken-Bierdose in der Hand vor einem Tulpenfeld, das auf vergiftetem Boden wächst. "Gerade dieses Titelbild zeigt aber, dass die Kunstfigur Frau Antje gar kein bestimmtes Bild der Niederlande transportiert, sondern eigentlich ziemlich profillos ist", argumentiert Sophie Elpers. "Die Figur funktioniert als Drogenabhängige genauso gut wie als schüchternes Mädchen, als Käse-Expertin oder als Geschäftsfrau mit Aktentasche. Anders ausgedrückt: Frau Antje verweist zwar auf die Niederlande. Sie trägt aber nicht die niederländische Identität in sich."

Frau Antje bringt Holland. Sophie Elpers, Waxmann-Verlag 2005. 124 Seiten, zahlreiche Abbildungen. 14,90 Euro (Studierende 11,90 Euro)

Kontakt:
Sophie Elpers
Volkskundliches Seminar der Universität Bonn
Telefon: 0171/260-4572 oder 0228/73-5017
E-Mail:
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Madeleen Driessen alias Frau Antje präsentiert das Buch „Frau Antje bringt Holland“ dem Direktor des Büros für Molkereiprodukte Kees Pette (links) und dem niederländischen Agrarminister Cees Veerman.
Foto: (c) Büro für Molkereiprodukte
Fotoshooting mit Frau Antje am Brandenburger Tor
Foto: (c) Büro für Molkereiprodukte
Buch von Sophie Elpers
(c) Waxmann-Verlag
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