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Nachrichten, die es nicht in die Nachrichten schaffen

Medienwissenschaftlerin der Universität Bonn ist von der Presse vernachlässigten Themen auf der Spur

Zusammen mit Studierenden recherchiert Christiane Schulzki-Haddouti am Zentrum für Kommunikations-  und Medienwissenschaft (ZfKM) der Universität Bonn Themen, die zwar gesellschaftlich relevant sind, in den Medien jedoch kaum Beachtung gefunden haben. Ihre Arbeit steht im Zusammenhang mit der "Initiative Nachrichtenaufklärung", die jedes Jahr die zehn am wenigsten beachteten Nachrichten kürt. Die Initiative wurde 1997 gegründet und orientiert sich am amerikanischen "Project Censored".

Bereits seit fünf Jahren ist Christiane Schulzki-Haddouti für das Projekt aktiv. Zuerst war sie nur in der Jury vertreten, dann verband sie in einem Rechercheseminar in Dortmund ihre Arbeit für die Initiative mit der Lehrtätigkeit. Seit dem Sommersemester diesen Jahres verfolgt sie gemeinsam mit Studierenden der Uni Bonn am ZfKM die Spuren kaum beachteter Nachrichten.

Über 130 Themenvorschläge erreichen jedes Jahr die Initiative Nachrichtenaufklärung, und sie alle wollen näher beleuchtet und hinterfragt werden. Das bedeutet eine Menge Recherchearbeit für die Studierenden. "Sie tragen Hintergrundinformationen zu jedem einzelnen Thema zusammen, machen Experten ausfindig und führen Interviews", erklärt die Medienwissenschaftlerin. "Später werden alle Ergebnisse im Seminar vorgestellt und diskutiert." Hier fällt auch die Entscheidung darüber, welche der vernachlässigten Nachrichten letztendlich auf den Tisch der Jury wandern. Und auch hier gibt es oft heiße Diskussionen, bis die Top 10 der sträflich vernachlässigten Nachrichten eines Jahres feststehen. Aus den etwa 30 Themen, die die erste Hürde, nämlich die Vorausscheidung in den Seminaren, passiert haben, wählt jedes Jurymitglied zehn aus und vergibt dafür ein bis zehn Punkte. So macht am Ende die Nachricht mit den meisten Punkten das Rennen.

"Aus Deutschland abgeschoben - und dann?" wurde für das Jahr 2004 zum Top-Thema  gewählt: Die Medien berichteten zwar häufig über Abschiebungen und ihre möglichen Folgen, welche Lebensbedingungen die betroffenen Personen jedoch in ihren Heimatländern erwarten, beleuchteten die Journalisten hingegen kaum. Eine stark einseitige Berichterstattung kennzeichnet viele Themen, die bei der Initiative Nachrichtenaufklärung eingereicht werden. "Die Gesamtsicht auf ein Thema zu ermöglichen, ist oft mit viel Recherchearbeit verbunden. Da bleiben bestimmte Aspekte oft auf der Strecke", beklagt Christiane Schulzki-Haddouti. Gerade bei Nachrichten aus dem Ausland steht den Redaktionen oft nicht genug Personal zur Verfügung, um die Themen ausführlicher zu verfolgen. "Das Netz von Korrespondenten ist sehr dünn", so Schulzki-Haddouti weiter. Eine zu aufwändige Recherche ist oft auch bei komplexen technischen Themen der Grund für die Vernachlässigung. So waren im vergangenen Jahr die "Mängel des virtuellen Arbeitsmarktes" unter den zehn Top-Themen zu finden. Programmierfehler waren schuld, dass zahlreiche Arbeitssuchende nicht auf das gesamte Stellenangebot der Bundesagentur für Arbeit zugreifen konnten. Auch die Belange von sozialen Randgruppen  sind häufig unter den Themenvorschlägen zu finden. "Ihnen wird in den Medien oft wenig Beachtung geschenkt, weil diese Personen kaum über Möglichkeiten verfügen, auf sich selbst und ihre Probleme aufmerksam zu machen", vermutet die Bonner Forscherin.

Man könnte annehmen, dass die zehn von der Jury ausgewählten Themen nach der Veröffentlichung durch die Initiative Nachrichtenaufklärung verstärkt von den Medien aufgegriffen würden. Diese Hoffnung wird jedoch oft enttäuscht. Christiane Schulzki-Haddouti hält ihre Arbeit dennoch für einen wichtigen Bestandteil der Medienlandschaft. Oberstes Ziel sei die Sensibilisierung der Gesellschaft für bestimmte Themen. Ein großes Medienecho für ihre engagierte Arbeit erhalten also auch ihre Studierenden nicht. Trotzdem sind die Rechercheseminare an der Uni Bonn sehr beliebt. Jedes Jahr gibt es mehr Bewerber als Plätze. "Das Seminar wird sicher noch ein paar Jahre laufen", ist die Medienwissenschaftlerin überzeugt.

Am Institut für Journalistik der Universität Dortmund wird die universitätsübergreifende Initiative Nachrichtenaufklärung koordiniert. Im Januar trifft sich die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung übrigens an der Universität Bonn, um ihre Top-10-Liste zu erstellen. Ihre Ergebnisse werden die Jury-Mitglieder in einer Pressekonferenz bekannt geben.

Weitere Informationen zur Initiative Nachrichtenaufklärung gibt es unter:
http://www.nachrichtenaufklaerung.de

Kontakt:
Christiane Schulzki-Haddouti
Zentrum für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bonn
Tel: 0228/368 23 83
E-Mail:
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